Denis Diderot „Rameaus Neffe“

Denis Diderot war meine persönlich freudvollste Literatur-Entdeckung Ende 2017 / Frühjahr 2018. Ein toller Autor, nur selten sind Witz, Erotik, Lebensgenuss und freiheitliches Denken so geil verknüpft wie bei ihm. Macht einfach Spaß, seine Sachen zu lesen – und noch mehr: Denn Diderots Werke haben diesen speziellen Einfluss auf unser Denken, den nur bestimmte Werke auszuüben in der Lage sind – Werke, die es schaffen, unsere Gedankenfundamente aufzulösen – Emotionen- und Gedankenfundamente, denn beide überlagern sich allzuoft – um sie dann neu und frisch auszurichten und uns neue Ausblicke auf unser Leben zu ermöglichen.
Wir kennen das alle: Es gibt diese wenigen besonderen Werke, die man als Eckpunkte unseres geistigen Lebenslaufs anerkennen könnte. Bei mir persönlich stehen einige, mein Denken vorantreibende Werke auf dieser Liste – allen voran Rudolf Rocker, aber nun auch – in seinem „natürlichen Lebensraum“, der Literatur, Denis Diderot.

Ich habe gleich perspektivisch einen ganzen Stoß seiner Werke in einem freundlichen und gut ausgestatteten Mainzer Antiquariat geholt, um mich auf eine Reise ins Unbekannte vorzubereiten. Der Aufbau Verlag veröffentlichte dazu praktischerweise einen Schuber mit seinen Werken, im Jahr 1995.
Die meisten Artikel zu Diderots Werk sind hier auf meinem Blog bereits erschienen und nun möchte ich gerne mit dem vorliegenden das kleine Leseabenteuer abschließen.
„Rameaus Neffe“ heißt der Band, der die späte Schaffensperiode des Autors ab den 1760er Jahren bis zu seinem Tode umfasst. In ihm enthalten sind die im vergleich zu seinen Romanen kürzeren Texte:

„Rameaus Neffe“

Es geht um das Aufeinandertreffen eines frigiden Philosophen und eines lebenswütigen Exzentrikers – in etwa vergleichbar mit der literarischen Analyse der menschlichen Psyche, wie sie Rudolf Rocker in „Die Sechs“ vornahm. Spannend, aber nicht das Highlight des Bandes. Im Grunde liest man über zwei Charaktere, die jeweils in ihren eigenen Extremen gefangen sind – was sie bei all den oberflächlichen Unterschieden wieder zu ganz ähnlichen Persönlichkeiten macht. Dem einen fehlt etwas vom anderen. „Faust“ (der literarische!) und „Don Juan“ treffen aufeinander.

„Klage um meinen alten Schlafrock“

Ist ein konsumkritisches Kurzwerk, in dem sich das literarische Ich in die eigene Abhängigkeit von Gegenständen und in die Abwesenheit der eigenen Persönlichkeit einkauft. Business zum Selbstzweck statt Bedarf stürzen laut Diderot die Welt ins Chaos.

„Die beiden Freunde von Bourbonne“

Es geht um zwei Hooligans, die mit den Herrschenden aus sozialen Klassenkämpfen heraus in Konflikt geraten.
Aus dem Text: „aber was ist vor Gottes Augen die erhabenste Tugend ohne Frömmigkeit, ohne die schuldige Ehrfurcht vor der Kirche und ihren Dienern und ohne die Unterwerfung unter das Gesetz des Souveräns?“

Das „Gespräch eines Vaters mit seinen Kindern“

dreht sich um einen Fall im Leben eines Advokaten, der zum Nachteil vieler Armer ausgefallen ist, aufgrund der strikten Befolgung rechtlicher Vorgaben durch den „Vater“. „Recht“ wird darin zu „Unrecht“ und „Weisheit“ steht im Konflikt mit dem „Gesetz“.

„Dies ist keine Erzählung“

Diderot schreibt ein Gespräch auf, über „weibliche Hingabe“ und „männlichen Undank“ – es geht um zwischenmenschliche Beziehung und ihre Entleerung durch asymmetrische, unreflektierte Hingabe des einen an den anderen – jeweils in verschiedenen Rollen, mal ist es die Frau, die sich dem Mann unterwirft und dafür auch so behandelt wird und einmal der Mann, der sich der Frau derart unterwirft, dass er keine Liebreize mehr hervorzurufen in der Lage ist.

„Madame de la Carlière“

handelt von einer Frau, die sich verheiratet und wieder trennt, nach einer Treulosigkeit „ihres“ Mannes. Die Zerrüttung zwischenmenschlicher Beziehungen wird auf „unsere blödsinnige Gesetzgebung“ zurückgeführt.

„Nachtrag zu Bougainvilles Reise“

Hierin „belasten moralische Ideen körperliche Vorgänge“, wie zum Beispiel die Entscheidung, wer nun mit wem Sex haben darf, wann und unter welchen Umständen. Diderot attackiert die Sexualmoral seiner Zeit, das kirchliche Christentum und seinen Beitrag zu jener Sexualmoral und die Ehe als Institution des Eigentumsdenkens.
Seine Kritik ist eingebettet in eine fundamentale Kritik der Gesellschaft seiner Zeit, die gerade vom Feudalismus in Bürgerliche Herrschaft übergegangen ist und wie das bürgerliche Regime heute auf Eigentum und daraus abgeleiteter Macht basiert. Daraus: „Es kam durch die Tyrannei des Mannes, der die Frau in sein Eigentum verwandelte. Durch Sitten und Bräuche, die die eheliche Verbindung mit Bedingungen überlasteten.“

Wie schon erwähnt, sind die Texte von Diderot klasse und bewegend für sich allein genommen. Für mich persönlich erweckt die Lektüre aber noch einen ganz anderen Reiz: Denn „empfohlen“ wurde mir Diderots Werk durch Rudolf Rocker und die Erwähnung in seinen Schriften zur Kultur und Literatur. Auch auf ihn muss der Franzose eine besondere Wirkung entfaltet haben und ich bilde mir ein, gewisse Gedankengänge und Formulierungen wiederzuerkennen, die Rocker aufgegriffen und weiterentwickelt hat.
Das ist in insofern interessant, als dass es dem Leser und der Leserin ins Bewusstsein ruft, dass sogar unsere Gedanken nicht unser Eigentum sind, sondern dass wir über sie und milliarden Synapsen mit der Geschichte und Gegenwart anderer Menschen verbunden sind. Gegen jene tiefe Verbindung zwischen uns Menschen, über alle erdenklichen Grenzen und Zeiten hinweg, ist das Internet nur ein schwaches Plagiat. Es steht deutlich in der menschlichen Ur-Art sich mit seinesgleichen zu verbinden um Neues zu schaffen – und ähnlich eifersüchtig, argwöhnig und feindlich wird es von den Herrschenden betrachtet, die jede gesunde und kreative Verbindung zwischen Menschen als Bedeutungsverlust wahrnehmen müssen!

Mit diesem Gedankenanstoß will ich den kleinen Ausflug in Diderots Werk beschließen und würde mich über die eigene Meinung der LeserInnen in den Kommentaren sehr freuen!

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