Virtueller Kiosk: „Republik“ aus der Schweiz

Intellektuelle und ihre Sicht heute, am Beispiel von Didier Eribon

Didier Eribon ist ein Intellektueller aus Frankreich, der sich publizistisch darum bemüht den Rechtsruck in Frankreich zu erklären. Er hat der „Republik“, einer schweizer genossenschaftsjournalistischen (sozialdemokratischen) Zeitung, ein Interview gegeben. In „Das Problem ist sicher nicht der Feminismus“ vom Februar diesen Jahres legt er seine Sicht zu „Rechtspopulismus“, den seit 1968 aufgekommenen Sozialen Bewegungen und der modernen, politisch herrschenden Linken offen.
Den Wahlsieg des Rechtspopulismus von Millionären und Milliardären erklärt er mit dem Mangel an Repräsentation, den die Arbeiterklasse durch die moderne herrschende Linke erführe. Sie hätte linke wie rechte Kerne in sich, und es kommt anscheinend laut Eribon darauf an, wer welche Saat wecke.
Diese versagende Linke sei heute neo-liberal, das hieße politisch autoritär, wirtschaftlich liberal. Sie habe den Kontakt zur Arbeiterklasse verloren, sei zu akademisch.
Feminismus ist laut Eribon eine Identität, ein „Wir“, welches auf Kosten anderer „Wir“ in den Vordergrund getreten ist. Andererseits sagt er, dürften sich Soziale Bewegungen, die sich zwar überschneiden, aber nicht decken, nicht gegeneinander ausspielen lassen.
Soweit seine Positionen. Heute ist es wichtig in die Zukunft zu blicken und gleichzeitig aus der Vergangenheit zu lernen.

Aus der Vergangenheit zu lernen heißt, dass wir erkennen müssen, in welche Sackgassen uns der gesellschaftliche Zentralismus geführt hat: Die Arbeiterklasse, und das erkennt Eribon richtig, ist als unmündige Vermassung, die darauf wartet „repräsentiert“ zu werden in einem Teufelskreis gefangen, der sie mal nach rechts, mal nach links neigt – auf dem Platz wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Unmündigkeit bleibt sie allerdings stets verharren.
Eribon kommt nicht zur einzig richtigen Lösung, den gesellschaftlichen Zentralismus aufzuheben, durch Aufbau einer föderalistischen Gesellschaft von Unten an.
Damit bleibt er in jenen „verhängnisvollen Leidenschaften“ verhangen, die er selbst beschreibt – dem hin und her geworfen sein im politischen Theater des Staates, der sich mal linker, mal rechter Rhetorik bedient, um seine Popularität flexibel zu verewigen.
Zum Aufbau einer föderalistischen Struktur gehört es, dass die Unterdrückten und Ausgebeuteten gemeinsam eine neue Gesellschaft, eine funktionierende, nicht auf Ausbeutung sondern Bedarfsdeckung basierende Wirtschaft aufbauen, vom Betrieb und seiner Struktur an!
Das bezieht alle Menschen mit ein: Es kann nur so einen Feminismus geben, der gleich zu Beginn hier durch die Menschen, die am Neuaufbau beteiligt sind, gelebt wird – und zwar im Bewusstsein bestehend, dem Patriarchat keine Kontinuität zu verleihen – aber als Bewegung des Neuaufbaus hat der Feminismus einfach keine genügend weitreichenden Perspektiven. Er bietet auch Frauen nicht die wirkliche Emanzipation, denn der Feminsimus ist ein Sammelbecken, welches auch zentralistische Fragmente enthält, wie zum Beispiel den Pseudo-Kampf von Frauen für die „Freiheit“ sich für das Militär des Staates abknallen zu lassen. Mit einem solchen Feminsmus, der den Zentralismus in der Gesellschaft nur um die Mittäterschaft von mehr Frauen „bereichern“ will, kann man keine positive Wende erhoffen. Vom Geist einer Emma Goldman oder einer Ingrid Strobl schon. Und darin erkenne ich auch keinen abstrakten Kollektivbegriff: Die anarchistischen Feministinnen hatten Klassenpositionen und wirkten eher nach Innen, den eigenen Genossen und Genossinnen eine bewusste Haltung beibringend, aber den gemeinsamen Kampf durchaus ebenso stark unterstützend, weil sie dessen Perspektive als für den Feminismus notwendig erkannt haben.
Es ist hier nicht die Rede von marxistischen „Nebenwidersprüchen“, sondern von einer bestimmungsgemäßen Verwendung der jeweiligen Strategie.
Feminismus ohne Anarcho-Syndikalismus etwa wäre eine Bestätigung der Wirtschaftsform des Patriarchats nur unter der Teilnahme von Frauen. Anarcho-Syndikalismus ohne feministisches Bewusstsein böte die Gefahr erneuter patriarchaler Verkrustung, aus der eine scheinbar Freie Gesellschaft nach der Revolution die ständige Gefahr der Konterrevolution drohen würde.
Jener Feminismus von Vorsteherinnen der Bildzeitung und anderen Reichen interessiert mich nicht, wohingegen ich einem ernsten Feminismus aus unseren Reihen hohe Bedeutung beimesse, weil er bspw. bewusst macht, dass es mehr als rein wirtschaftliche Unterdrückung gibt, die Anforderungen an unsere Zukunft stellen.

Diese Gedanken aus einer Zeit weit VOR 1968 sind Eribon fremd. Ohne Geschichtsbewusstsein verfällt er in einen schwerwiegenden Fehler der 68er, nämlich in den Irrglauben das Rad neu erfunden zu haben. Mit dieser Haltung Revolution machen zu wollen, hat zu nichts anderem geführt, als jenen unerkannten Problemen aus der Geschichte Kontinuität zu verleihen, bspw. dem Marxismus. Denn obwohl Eribon dem Marxismus aufgrund seiner Perspektivlosigkeit für Homosexuelle entsagte, so war er dennoch in seiner ganzen politischen Rhetorik auf Anleihen an jenen Marxismus angewiesen, weil einfach ohne den Föderalismus und seine Bewegungen wie Anarchismus und Syndikalismus und ihre lehrreiche Geschichte keine richtige Lösung aufkommen wollte.
Intellektuelle können für uns kein Sprachrohr sein. Es kann für einen Menschen überhaupt kein Sprachrohr geben, die Notwendigkeit eines Sprachrohres deutet schon auf gesellschaftliche Widersprüche hin. Eribon sagt einige schöne Sachen, zum Beispiel beschreibt er akademische Vorsteher linker Parteien, die nie einen Arbeiter zu Gesicht bekommen hätten, dass sie den Kontakt zur Arbeiterklasse verloren hätten.

Wir wissen seit allen unserer Generationen, von der Oma über den Vater bis zu uns jetzt, dass diese Linken NIE einen Kontakt zur Arbeiterklasse hatten, weil ja das politische Instrument des Staates diesen Kontakt verhindert. Ganz im Gegenteil besteht der gesellschaftliche Zentralismus unserer Tage darin, dass Linke wie Rechte nur Ausformungen der selben Bedeutungslosigkeit sind, die der Einzelne, gerade aus der Arbeiterklasse, im gesellschaftlichen Zwangsgefüge spielt.
Nicht als Wahlvieh oder Hörige von Intellektuellen können wir dem etwas entgegensetzen. Nur dadurch, dass wir eine föderalistische Gesellschaft selbst aufbauen.

Werbeanzeigen
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: