„Der alte Ueberallundnirgends“ Friedrich von Sallet

Der alte Ueberallundnirgends

eine mythische Figur.

Man spricht von Alters wunderbar
Von mancher That des Christes.
Heut spricht man noch vom Volk sogar,
Als gäb’s zu dieser Frist es.
Doch weil ich als ein Criticus
An allen Dingen zweifeln muß,
So frag‘ ich stets: Wo ist es?

Und fabelhaft dünkt’s meinem Geist.
Ich glaub‘, es ist der Alte,
Der Ueberallundnirgends heißt.
O sagt mir wo ich’s halte!
Wohl seh‘ ich Leute, Wolk‘ an Wolk‘;
Doch Leute machen noch kein Volk
Das sich als Eins gestalte.

In Kneipen sitzt es vollgedrängt
Und raisonniert zu Zeiten;
Und wenn der Sommer gar anfängt;
Strömt’s aus von allen Seiten,
Es trinkt Kaffee und grüßt und spricht,
Volk ist das wohl, das Volk ist’s nicht;
Das Volk muß anders schreiten.

 

Wenn einer ins Gefängnis muß,
Seh ich viel hundert laufen,
Auch brannt‘ einmal ein Haus am Fluß,
Da lief’s herbei in Haufen.
Viel tausend waren’s, ohne Kern,
Sie thaten nichts, als maulaufsperr’n,
Und gaffend sich verschnaufen.

Den, der nichts will, und der nichts thut,
Kann ich nicht gelten lassen.
Er ist auch nicht, sprech‘ ich mit Muth;
Wär‘ er in allen Gassen.
So ist das Volk beim Sonntagsball,
Bei der Parad‘, kurz überall,
Und nirgends doch zu fassen.

 

Doch seh‘ ich’s einst voll Majestät
Gleich einem Mann sich rühren,
Bereit, was ihm die Freiheit räth,
Selbstkräftig zu vollführen:
Nicht nirgends mehr, noch überall;
Das Volk ist da! (ruf‘ ich mit Schall)
Gehorcht ihm nach Gebühren!

Friedrich von Sallet (1812-1843)

 

 

 

Man kann dieses Gedicht sicher auf viele Weisen lesen: „Mensch“ kann die Nase rümpfen und Worte und Ausdrücke wie „Gehorcht“, „Wie ein Mann“ usw. als politisch inkorrekt denunzieren. Oder aber man kann sich freuen, dass damals, zu Sallets Zeiten schon jemand auf so tolle Ideen kam wie

„Doch seh‘ ich’s einst voll Majestät
Gleich einem Mann sich rühren,
Bereit, was ihm die Freiheit räth,
Selbstkräftig zu vollführen:“

Insgesamt sehe ich Sallets Gedicht als Kampfansage an jenen „Volksbegriff“ seiner Zeit, der die Menschen in der Klammer der Vermassung unter der Knute der Junker und Herrschersippen des deutschen Reiches sehen wollte. Darauf bringen mich Wendungen wie jene über die „Parad‘ “ und über den, „der nichts will und der nichts thut“. Sallet macht einen Unterschied zwischen unsolidarischem (das brennende Haus angaffendem) „Volk“ und „DEM“ (nach Freiheit strebenden) „Volk“, das sich „wie ein Mann“, also zusammengefügt mit innerem Willen und zwischenmenschlichen Beziehungen „selbstkräftig“ konstituiert.

Das Gedicht lässt einen auch heute noch über einen kontinuierlich im politischen Kanon zentralen Begriff nachdenken – aber nicht wie AfD oder SPD das wollen, sondern aus der Sicht der Menschen selbst. Wann kann man denn aus Beherrschtenperspektive von EINEM Volk sprechen?

Ich sehe neben dem großen Freiheitsdrang in diesem Gedicht, auch einen föderalistischen roten Faden, der sich zum Beispiel zeigt, wenn vom gemeinsamen Willen oder besser gesagt von dessen Mangel gesprochen wird. Aber auch in der Vorstellung eines sich wie „ein Mann rührenden“ Volkes ist etwas tief Föderalistisches. Zunächst kommt man gar nicht auf die Idee, denn wenn wir hören, dass ganze Völker zu „einem Mann“ zusammengeschmolzen werden sollen, dann denken wir gleich an den cholerischen Schluchtenscheißer der Jahrzehnte nach Sallet die nationalistische Lesart des Begriffs „Volk“ auslebte. Aber wenn man darüber nachdenkt, dann sieht man, dass Sallet gerade DAS nicht gemeint hat: Die Vermassung, die die Faschisten später und die das Deutsche (Kaiser-)Reich zuvor anstrebten und durchsetzten, war ja gerade die Zerstückelung dessen, was Sallet als „das Volk“ bezeichnet, welches auf der „Parad‘ “ oder dem „Sonntagsball“ eine gehorsame Unkultur pflegt, aber dessen Willen und Taten nirgends eine Rolle spielen. Selbstständig solidarische Menschen, die nach Freiheit streben und ihrem Willen durch ihre eigenen Taten Ausdruck verleihen ist wohl nach Sallets Gedicht eine treffende Definition für „das Volk“. Das andere, nämlich „Volk“ als „Überallundnirgends“, ist nur ein abstrakter Begriff, an den man glauben müsste, ohne ihn „fassen“ zu können. Mich an Rudolf Rockers Schriften erinnernd, bringt Sallet diesen abstrakten „Volk“-Begriff mit der Religion in Verbindung, wenn er vom „Christen“ spricht. Hiermit kündigt er Rudolf Rockers Begriff der politischen Religion bereits vage an.

Ein tolles, tiefes Gedicht, oder? Und wenn man sich ins Bewusstsein ruft, welche Anstrengung es in die Gegenwart herüber zu retten bedeutete – wieviele Schicksale damit verbunden sind, dass DU es jetzt hier liest… das Ganze fühlt sich auf einmal nicht mehr wie ein Gedicht an, sondern vielleicht eher wie eine Seelenregung jenes „Volkes“, dessen Auftritt auf der Bühne der menschlichen Evolution noch aussteht.

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