Akademisch-Proletarischer Austausch

Im Syfo Jahrbuch Nr.6, 2016 schrieb ich eine Besprechung zu Peter Seyferths „Den Staat zerschlagen! Anarchistische Staatsverständnisse“ erschienen 2015 im Nomos Verlag.
Ich habe versäumt ein Belegexemplar an den Autor zu senden, das muss ich vorneweg zugeben – ich muss da noch einiges lernen. Dass ich sowas lernen muss, liegt vornehmlich daran, dass der Rest meines Alltages schätzungsweise anders aussieht, als jener des Herausgebers. Ich arbeite auf der Baustelle, er in der Universität. Da war es mir schon klar, dass Welten aufeinander prallen.
Auf meine kritische Besprechung antwortete Peter Seyferth dann folgenden Text auf seinem Facebook Account:

“ ‚Das Ansinnen von Peter Seyferth, die Universität als Feld für anarchistische Wirkung zu erschließen, scheint darin zu enden, dass man sich zwanghaft den elitären Gepflogenheiten der bürgerlichen Karriere-Wissenschaft anpasst, wie ehedem der Marxismus. Die Folgen sind Verlust der eigenen Identität und damit Zusammenbruch der eigenen Praxis und der gesamtgesellschaftlichen Relevanz.‘

Da ist was Wahres dran. An der Uni arbeiten und im Rahmen der Arbeit auch ein bisschen anarchistisch sein zu wollen ist vielleicht wirklich zu viel verlangt. Vielleicht geht Anarchie nur an anderen Arbeitsplätzen (mich würde interessieren: an welchen?). Oder nur in der Freizeit. Oder gar nicht. Das wäre schon schade.

Das Zitat oben ist der Schluss einer ausführlichen Rezension meines Sammelbandes „Den Staat zerschlagen!“ (2015). Marcel Faust hat sie für „Syfo – Forschung & Bewegung 6“ (2016) geschrieben. Ich habe sie erst letzte Woche (auf Nachfrage) erhalten und bin nun ganz aufgeregt. Es ist nämlich die erste richtig wütende Rezension. Mein Buch brachte Faust so in Rage, dass er die Rezension mit einem Zitat beginnt, das zeigen soll, was unbeliebte Typen, die Fremdwörter verwenden und von ihrem wissenschaftlichen Anspruch sehr eingenommen sind, von Syndikalisten zu erwarten haben: einen Schlag in die Fresse.

Insgesamt kritisiert Faust in seiner Rezension dies und das aus dem Buch, einiges davon sicher zu Recht. Ich hätte z.B. „meine“ Autor_innen noch stärker drängen sollen, sich ausschließlich mit dem Staatsverständnis der Anarchist_innen auseinanderzusetzen. Es kommen aber auch andere Aspekte von deren Anarchismus zur Sprache. Vermutlich vermuteten wir alle, dass der Anarchismus für das Publikum unbekannt genug ist, dass daher ein paar Blicke über den thematischen Tellerrand dem Verständnis eher zu- als abträglich sein dürften. Außerdem fehlen einige interessante Aspekte, für die ich keine Autor_innen gefunden habe, die sich unbezahlt meiner unbarmherzigen Herausgeberknute unterwerfen wollten, obwohl sie doch Anarchist_innen sind. Außerdem war dem Verlag das Buch eh schon zu umfangreich.

Zwei Dinge werden mir in der Rezension vor allem vorgeworfen: zu viel und zu wenig Ausgrenzung. Weil ich beschreibe, wie schwer sich nahezu alle Sekundärliteraturen mit der Anarchismusdefinition tun – und weil ich daher selbst eine an den Rändern offene Definition wähle und Varianten des Anarchismus in den Sammelband aufnahm, die von den Anhänger_innen anderer Varianten des Anarchismus nicht gemocht werden –, kommen auch Phänomene wie der poststrukturalistische Anarchismus mit in den Band. Das bedeutet für Faust, „dass hier der Anarchismus von seinen proletarischen Elementen ‚gesäubert‘ werden soll“. Offensichtlich grenze ich durch meine Offenheit für verschiedene anarchistische Strömungen den Anarchosyndikalismus aus, der aber durchaus auch ein Kapitel im Buch bekam, wie alle anderen auch. Es ist das Kapitel, das von Fausts Kollegen Helge Döring geschrieben wurde. Es ist das einzige Kapitel, das Faust gut und wissenschaftlich findet (ein paar weitere sind ebenfalls nützlich, aber lange nicht so toll). Das Qualitätskriterium ist für Faust, dass die Definitionen des Anarchismus und des Staates so klar sind – Vorbild sind für Faust die Definitionskästen in Schulbüchern, die sich nicht mit Definitionsschwierigkeiten und der Vielzahl der schon existierenden Definitionsversuchen abplagen müssen. Das wäre dann auch für Student_innen leichter zu verstehen, meint Faust. Ich halte das für eine sehr autoritäre Wissenschaftlichkeit: Student_innen sollen fertige Definitionen lernen und nicht den Prozess des Forschens, Fragens, Verwerfens usw. mühsam selbst durchlaufen müssen. Die zersetzende Wirkung, die das Forschen auf bisherige Wissenssicherheiten ausübt, würde so verloren gehen. Manchmal denke ich mir, dass diese zersetzende Wirkung sehr nützlich wäre.

Etwas unfreiwillig ironisch gerät Fausts Rezension, wenn in ihr mit Bezug auf all die Varianten des Anarchismus, die ihm nicht gefallen (lies: die nicht der syndikalistischen Anarchismusdefinition entsprechen), von „Ausscheidungen“ spricht, „die von den vitalen Kern abgesondert und als Sackgassen abgespalten werden müssen.“ D.h. es müssen die Anarchist_innen (vielleicht von den Expert_innen vom Institut für Syndikalismusforschung?) auf Linie gebracht werden, um beim wahren Kern des Anarchismus zu bleiben und nicht in Sekten (wie z.B. den Gewaltfreien oder den heutigen Protestbewegungen wie Occupy etc.) abzuschweifen. Und wenn man den nicht-kanonischen Anarchismen Platz einräumt wie ich im Sammelband, dann beerdigt man den wahren, nämlich proletarischen Anarchismus. Denn, so muss ich Faust wohl verstehen, nur der Syndikalismus ist anarchistisch, und wer ein Buch über Anarchismus herausgibt, muss dafür sorgen, dass darin nur Syndikalismus vorkommt. Wenn der Syndikalismus nicht einzig und alles ist, ist er wohl nichts. Dabei kenne ich eine ganze Reihe von Syndikalist_innen, die mich und meine Art gut finden. Vielleicht haben die mein Buch noch nicht gelesen?

Es ist auffällig, dass Faust neben lauwarmen Worten für die biographischen Kapitel nur für den Text des Herausgebers des Jahrbuches, in dem seine Rezension erscheint, echte Begeisterung aufkommen lässt. Man verstehe mich nicht falsch: Helges Text ist tatsächlich sehr gut. Aber das gilt auch für die Texte der anderen Beiträger_innen zum Band. Die durchliefen alle ein Peer-Review-Verfahren, um die Qualität zu sichern. Und sie versuchen tatsächlich, möglichst objektiv zu sein, doch das ist Faust eben nicht parteiisch genug. Übrigens wurde das Buch auch von akademischen Rezensenten besprochen und keineswegs als Anpassung an deren Welt aufgefasst. Im Gegenteil: Aus Sicht einiger dediziert nicht-anarchistischen Rezensent_innen ist der Hauptmangel von „Den Staat zerschlagen!“, dass es ein parteiisches Bewegungsbuch ist, das sich zwar wissenschaftlicher Methoden bedient, aber gerade nicht objektiv, sondern in der Wolle gewaschen anarchistisch ist. Vermutlich ist er beides: wissenschaftlich und anarchistisch. Und denjenigen, die nur eines von beidem sind, ist das jeweils andere unheimlich.

Ich werde jedenfalls keinen Preis für Reinheit gewinnen. Und ich ärgere mich auch nicht über die Rezension. Ich halte sie für völlig authentisch, und sie ist auch nicht so lauwarm wie die meisten akademischen Rezensionen. Das ist erfrischend. Und obwohl ich einiges für falsch halte, was Marcel Faust schrieb, steckt doch ernstzunehmende Kritik in der Rezension. Im Zitat, mit dem ich diesen langen Text begann, darf man sich nicht von der beleidigenden Gleichsetzung mit dem Marxismus blenden lassen. Vielmehr spricht Faust ein echtes Problem an: Wie formt und deformiert das universitäre Leben uns Akademiker_innen? Hoffentlich nicht auf so schlimme Art wie die Fabrik das Proletariat!“

Zunächst möchte ich auf den Text antworten und meine Positionen verdeutlichen. Danach werde ich auf das Problem der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, sozusagen von Fabrik und Universität, eingehen und einen Lösungsweg vorschlagen.

Gleich zu Beginn sagt Peter Seyferth es selbst: „Im Rahmen der Arbeit“. Eben. Innerhalb dieses Rahmens „anarchistisch“ sein zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen. Zum Einen würde dieser Versuch in der historischen Entwicklung vor den Anarcho-Syndikalismus zurückfallen und seine zahlreichen Erfahrungen und Fehlentscheidungen ohne daraus gezogene Lehre über Bord gehen lassen, zum anderen muss dieser Rahmen dem Anarchismus seinen Stempel aufdrücken, was dann in heutiger Zeit durch die Universität als Kaderschmiede des Bürgertums auch eindrucksvoll geschehen ist. (Siehe auch das Interview von Bernd Drücke mit Andreas Ess.)
Andere Vorschläge außer „Anarchie“ in der „Freizeit“ oder „gar keine Anarchie“ führt er nicht ins Feld. Anarchismus hat einfach für die Lohnarbeit keine so genau ausgearbeiteten und historisch erprobten aber auch fehlgeschlagenen Konzepte, wie der Anarcho-Syndikalismus.  Ich meine nicht seine dogmatische Form, wie Seyferth es mir vorwirft, sondern seine Geschichte und Errungenschaften als Denk-Tipps, um darauf aufbauend selber zu denken.
Selber habe ich auch zu denken versucht, als ich dieses ganze „Utopie-“ und „Poststruktura…“dingsbums-Gelöre als nicht anarchistisch empfunden habe. Ich muss das dann auch so in die Besprechung schreiben, sonst würde ich „objektiv“ wirken und das wäre ja das Gegenteil vom Anarchismus. Als föderalistische Weltauffassung geht es schließlich gerade darum ein freies „Subjekt“ zu sein und kein „Objekt“.
Denn gerade „Objektivität“ ist, wie „Individualismus“, eine Vorstellung des Bürgertums, die dazu dient, den Menschen, wie es Seyferth selbst richtig schreibt „zu formen und zu deformieren“. Ich bin ein Subjekt und werde nie ein Objekt sein. Meine Äußerungen müssen sich demnach freilich im subjektiven Raum meiner Persönlichkeit bewegen. Alles andere wäre unauthentisch und würde Richtlinien der herrschenden Klasse befolgen, die es liebt, wenn Leute ihr Ich vergessen.
Seyfert sieht „Wut“ und „Rage“ in meinem Text und empfindet das als befremdlich. Aber Menschen haben Wut und Menschen haben Rage. Und es ist gerade die gehorsame Lebensweise, die unser Emotionsempfinden desintegriert. Ich verstehe also nicht das Anarchistische an seiner Kritik, die zufällig mit jener der bürgerlichen Profs und Lehrer zusammenfällt. „Ih, Emotionen!“ Als ob das einen Rückschluss auf den Inhalt zuließe.
Wichtiger aber noch, empfinde ich es als eine sehr seltsame Form der „Objektivität“, wenn ein Mensch Buchstaben liest und dann auf die Emotionen des Autors beim Schreiben schließt… denn einen „wissenschaftlichen“ Zusammenhang kann der Leser höchstens vermuten, aber nicht kausal beweisen… und da stolpert Seyferth schon direkt selbst über „Wissenschaftlichkeit“, wie sie die bürgerliche Institution auslegt, und „Objektivität“, Deformationen seiner Wahrnehmung, die ihm die Uni beigebracht hat.
Einen weiteren Widerspruch sieht Seyferth darin, dass ich „ausgrenzen“ würde und er die Anarchismusdefinition an den „Rändern offen lasse“. Wenn „Bewegungen“ kein gesellschaftliches Konzept verfolgen, sondern nur das bestehende kritisieren, müssen sie automatisch auf dieses zurückgreifen, das zeigt ja die Geschichte, bspw. der Französischen Revolution. An „Ocuppy“ sehe ich demnach nichts Anarchistisches, nur einen Appell an die Herrschenden und an die nicht Anwesenden und das steht dem anarchistischen Selbstorganisationsgedanken und der föderalistischen Grundgesinnung insgesamt gegenüber. Wir appellieren nicht, wir machen es selbst, oder gar nicht. Wir sind auch keine Philosophen, sondern Menschen, die die Trennung zwischen Bücherwurm und Arbeiter auflösen wollen – nicht vertiefen. Ich sehe keinen Anarchismus in einem weltfremden, fremdwörtergespickten, soziologisch-politischen Text, sondern in Taten und Ideen für die gesellschaftliche Gegenwart (und Zukunft). Im modernen Anarchismus sehe ich ein Phänomen wie im modernen Marxismus: Beide wurden durch die Uni und das studentische Leben geschluckt und in sie integriert, statt andersherum, weil die wirtschaftlichen Zwänge und die vorgegebene Struktur eben doch stärker waren. Und weil kein Gegenvorschlag vorliegt.
Deshalb kommt aus diesen Kreisen nichts Konstruktives, nur nach Innen gerichtete, negative „Kritik“.
„Kritik“ als Aktionsform, als einzige Aktionsform (auch in Gestalt von Demos), baut nichts auf, sondern läuft sich tot. Das ist nicht anarchistisch. Fertig – da muss ich nicht groß verwundbare Flanken offen lassen, um alles mögliche als anarchistisch zu bezeichnen. Das macht ja die desaströse Lage unserer Bewegung nicht besser.
Es tut uns besser, wenn wir unsere geistige Grundlage auf das Notwendige zusammenschmelzen, um sie leichter an die Menschen vermitteln zu können und leichter an deren Lebensverhältnisse anpassen zu können. Denn es geht uns ja um die Massenkompatiblität und nicht um das Sonderinteresse irgendwelcher Anarcho-Philosophen – die es natürlich geben soll, aber die nicht den Ton in den führenden Publikationen angeben sollten, weil sie und ihre unpraktischen Gedankenwolken ein denkbar schlechtes Aushängeschild für Haltsuchende abgeben.

Ich finde Seyferth macht es sich da ein wenig einfach, wenn er es durchgehen lässt, dass sich alle möglichen Tendenzen als anarchistisch bezeichnen. Hier würde ich der Einfachheit halber und der Anwendbarkeit halber lieber auf Qualität statt Quantität achten. Auch in Diskussionen mit Linken und anderen zentralistischen Strömungen müssen wir uns eher behaupten als um den heißen Brei herumreden. Dabei hilft mir „Poststrukturalismus“ nicht. Im Gegenteil – dieses ganze Gerede versteht niemand. Meine Kameraden auf der Arbeit können das nicht mal aussprechen. Und ich könnte es ihnen nicht mal erklären – ich geb es gerne zu. Muss man auch nicht, da es – wie gesagt – keine Butter bei die Fisch gibt.

Ein großes Problem ist die heutige Unart akademisch oder künstlerisch geprägtes Schrift- und Sprachgut mit gesellschaftlicher Emanzipation insgesamt zu verwechseln. Gerade durch das akademische Milieu fließen viele bürgerliche und damit zentralistische Gedankenmuster in die existierenden sozialen Bewegungen ein. Es ist geprägt vom Reden und Schreiben, aber eine Freie Gesellschaft umfasst alle Lebensbereiche. Wenn man jetzt einige Jahre nur mit Reden und Schreiben verbringt, kann sich aus diesem Mikrokosmos schon mal die Ansicht aufdrängen, das wäre jetzt „Leben“. Aber so ist es nicht. Das gesellschaftliche Leben ist so vielschichtig und die modernen Publikationen der (A)-Szene so einförmig, dass ich das Gefühl habe, dass es von AkademikerInnen oftmals vergessen wird. Das ist sicherlich nicht ihrem Willen geschuldet, sondern der Lebensweise, die ihnen die bürgerliche Institution aufzwingt. Man darf mich hier nicht falsch verstehen: Ich schreibe nicht gegen die Personen, sondern gegen die Institution und ihre Zwecke, die von den Herrschenden bestimmt werden. Die AkademikerInnen sehe ich als Betroffene, denn als Verursacher des Problems.

Mein Lösungsvorschlag

basiert auf dem Neuaufbau einer akzeptablen föderalistischen Bewegung. Darin könnten mehrere Arme einander flankieren:

1. Das Feld der Lohnarbeit könnte durch eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft abgedeckt werden, die sich hierauf organisatorisch konzentriert und beschränkt.
So müssten auch die Organisationen bspw. die FAU nicht mehr so tun, als sei sie alles: Ideenorganisation, Bedarfsorganisation, Kulturorganisation, Kampforganisation, Laberorganisation, Gewerkschaft, Besäufnis usw. Das wirkt dann seriöser, wenn man nicht als 6 Personen Syndikat absolut alles leisten zu können vorgibt – es hat in den letzten 40 Jahren nicht funktioniert und wird es auch in den nächsten 40 Jahren nicht funktionieren.

2. Das Feld der neuen Wirtschaftsordnung braucht selbstverständlich Betriebe: Kollektivbetriebe, Solidarische Landwirtschaft uvm. sind denkbar und sollten sich über eine Struktur wie die Börsen des Syndikalismus vernetzen und ihre produzierten Güter selbst-verwalten.

3. Ein dritter Arm stellt die Forschung, Erziehung und Bildung dar. Hier gibt es bereits viele VorläuferInnen. Aber ganz wichtig ist das Aufbrechen der bürgerlichen Universität – ihre Umwandlung von einem Think Tank für die Herrschenden in eine klassenkämpferische (d.h. gegen Klassengesellschaft kämpfende) Organisation der Unterdrückten.
Forschen und Praxis – uns als Widersprüche präsentiert – müssen integriert werden. Jene, die durch die famose Spaltung von schmutzigen und sauberen Händen a) zu verkopftem Dasein in weltfremden Höhen oder b) zu ungebildeter Malocher-Lebensweise verdammt sind, müssen sich einander begegnen, um voneinander zu lernen – aber auf Augenhöhe! Nicht nur Fremdworte sind zu lernen, sondern auch das praktische Durchhaltevermögen, wenn denn Arbeit (nicht Lohnarbeit!) zu verrichten ist, dies auch durchzustehen und dann später die Früchte dessen zu genießen und sinnvoll zu verwalten.
Der Einfluss des bürgerlichen Denkens auf den universitären Betrieb muss weichen, darf kein Vorbild sein und ihre Zugangsbeschränkungen und ihr Losgelöstsein von den Bedürfnissen der Menschen muss aufgehoben werden. Das Primat der menschlichen Verwertbarkeit unter einem abstrakten Leistungsbegriff ist nur eine ihrer Deformationen. Weitere sind der komische „Individualismus“ des Bürgertums, der nichts anderes heißt als jeder gegen jeden, Konkurrenz und kapitalistische Barbarei, ferner jene famose Objektivität, die nichts anderes ist, als dass jene Wahl- und Lohnsklaven auch in der Forschung, Bildung und Erziehung ihren Objektstatus beibehalten sollen, uvm.

Anarchistisch-syndikalistische Perspektiven auf die Wissenschaft dürfen nicht unter der Ägide der bürgerlichen Universität verzerrt werden. Den in ihr wirkenden Mechanismen nicht die nötige Aufmerksamkeit zu zollen, heißt ihnen Kontinuität zu geben. Eine Tragik, die uns allen bereits aus der Geschichten vieler Fälle bekannt ist.
Im Rahmen der bürgerlichen Universität mag es zum Beispiel als befreiend gelten, wenn man den „Kanon“ der zum Anarchismus gehörenden Theorien nicht so eng fasst. Aber der Anarchismus ist kein Kanon. Es ist eine Idee, ein geistiges Instrument, welches durch das stete Erfinden irgendwelcher „Definitionen“ seine Schärfe verliert. Viel mehr als das bloße Schlagwort, das in irgendwelchen willkürlichen Zusammenhängen gebraucht wird, muss nämlich der praktische Ansatz gelten. Aus dem ganz einfachen Grund, weil eben jenes Verkommen des Anarchismus zu einer seichten Philosophie oder einem Fach an einer bürgerlichen Uni die praktischen Bedürfnisse der Unterdrückten nicht zu bedienen vermag. Denkbar schlechte Werbung ist das, wenn Leute, die kaum was „verdienen“, weil sie es eben nicht an die Universität geschafft haben, mit akademisch geprägten Äußerungen zu ihrer Befreiung abgeschreckt werden. (Dieser Punkt richtet sich an die heute im Raum der anarchistischen Szene stehenden „Theorien“ und „Ausformungen“ des Anarchismus, nicht an den Herausgeber des o.g. Buches.)
Eine föderalistische Akademie könnte im Leben der Menschen eine entscheidende Rolle spielen, denn in unserer Zukunftsvorstellung müssen wir uns überlegen, was wir mit der frei gewordenen Zeit machen, wenn alle Menschen in einer Bedarfs- statt in einer Profitwirtschaft arbeiten – die gesellschaftlich notwendige Arbeit würde weniger werden und die freie Zeit (eine Spaltung, die es dann nicht mehr wirklich gäbe) würde größer werden.
Nichts liegt näher, als die wegfallende Lohnarbeit durch Bildung und selbstständiges Forschen zu ersetzen. Schon heute. Wechselseitig eine Woche auf der Arbeit, eine in der Akademie ist denkbar, sodass das Arbeiten insgesamt die Bedürfnisbefriedigung zwar sichert, aber sonst nur dazu dient, den menschlichen Fortschritt mit der Praxis unserer Lebensführung, Wirtschaft, Produktion zu verbinden. Diese würde einen großen Synergie-Effekt nach sich ziehen, eine positive Rückkopplung, die darin bestünde, dass die frei werdende Zeit dazu genutzt würde, sie nach Möglichkeiten zu vergrößern oder die notwendige Leistung angenehm und erbaulich zu gestalten.
Außerdem würden Menschen nicht mehr in Praktiker und Theoretiker eingeteilt werden können – beide würden in einem der Renaissance nahestehenden universellen, statt universitären, Bildungsideal verschmelzen.
Für uns heute ist allerdings erstmal wichtig, dass wir an einem gemeinsamen Strang ziehen. Aus dem kapitalistischen Betrieb ist dies genauso wenig möglich, wie aus der bürgerlichen Universität. Das zeigen die zurückliegenden Jahre der Stagnation des Föderalismus in jeder Form.

Kongruent zum Kollektivbetrieb, der den kapitalistischen ablösen soll, brauchen auch Bildung und Forschung einen föderalistischen Aufbau von Grund auf! Die Ausformung einer freien Akademie nach den Prinzipien des Anarchismus, wie es der Kollektivbetrieb für die Arbeitswelt darstellt, steht noch aus und könnte DAS verbindende Element in der heutigen Gesellschaft werden. Verbindend zwischen vielen Polen dieser Gesellschaft, die sich heute noch missverstehen.

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Ein Kommentar

  1. Am 04. August schrieb Peter Seyferth auf seiner Facebook-Seite:

    „Das Buch „Den Staat zerschlagen“ hat übrigens auch einen langsamen und von Missverständnissen gespickten Austausch zwischen Marcel Faust und mir ausgelöst. Ich teile hier jetzt einfach nur den Link zu Fausts letztem Post dazu. Ich finde prima, wie er in allem Ernst dazulernen möchte und mir sozusagen die Tür öffnet, das in die andere Richtung auch zu tun. Den „Akademisch-Proletarischen Austausch“ möchte ich auch weiter betreiben. In einigem stimme ich Faust zu, in anderem ganz kategorisch nicht. Aber ich muss mir genauer überlegen, wie ich meine Antwort formuliere – denn ich will einerseits meine tatsächlichen blinden Flecken überwinden, andererseits aber auch ich selbst bleiben, einschließlich meiner akademischen/bürgerlichen Intellektualität. D.h. einiges von dem, was ich an Fausts Ausführungen auf den ersten Blick für falsch halte, muss ich mir genauer anschauen, um es nicht falsch zu verstehen.

    Kurz gesagt: Ich werde beizeiten diesen Dialog weiterführen, vermutlich hier (weil es hier öffentlich lesbar ist und man nicht gleich ein Buch kaufen muss). Noch besser wäre es in der freien, föderalistischen Akademie, die Faust vorschlägt, die wir aber leider bisher nicht haben.“

    Ich würde gerne die Stellung von Peter Seyferth (mit Innenansicht, als Akademiker) zu meinem Vorschlag einer freiheitlichen Akademie erfahren. Und welche Vorstellung er vom Menschen und der Gesellschaft hat, bzw. wie sich eine anarchistische Bildungsorganisation darin bewegen könnte. Dass die kapitalistische, staatliche / private Universität dies nicht erfüllt, sieht er ja wahrscheinlich auch so.

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