Friedrich von Sallet – Geschichtliche Entwicklung

Geschichtliche Entwicklung

Ihr sagt uns: „Jugend mit zu heißem Blute,
Auf schwärmerischen Freiheitstraum verzichte!
Geschichtlich nur entwickelt sich das Gute.“ –
Wohl! doch wo nichts geschieht, heißt das Geschichte?

In unserem Wörterbuche heißt sie: Thaten,
Das Werdende, und nicht das Alterstarrte.
Weh! Mit dem Wort habt ihr euch schlecht berathen,
Ob auch sein Doppelsinn schon viele narrte.

Geschichte! ja, du Element des Lebens!
O stürzten Völker, müh’voll und beladen,
In deinen Strom sich doch, beherzten Strebens,
Um sich in ihm gesund und jung zu haben!

Ihr aber, bebt vor ihren Weltgerichten!
Beruft euch nicht auf sie, die ihr wollt hemmen!
Geschichte heißt: den morschen Bau zernichten,
Heißt: euer Dammsystem zu Schanden schwemmen.

Geschichte heißt das Stürmen der Bastillen
Und der Debatte Stürmen im Convente.
O kindisch Cartenhaus der Camarillen!
Weht einst ihr Hauch – wer ist, der dich noch kennte?

von Friedrich von Sallet

 

… und tatsächlich – der Hauch der historischen Kamarilla um Wilhelm II ist verweht. Aber das Prinzip dahinter blieb erhalten. Heute verrichten Lobbyisten und Think Tanks ihren Job. In der Geschichte kann man einiges wiedererkennen – und bewerten. Wenn man zum Beipsiel heute von einem sogenannten „sozialen Fortschritt“ spricht und sich dann noch auf die Schulter schlägt, von wegen „uns geht’s hier noch gut“ – dann würde ein Blick in die Geschichte lohnen um einiges an diesem sogenannten Fortschritt zu relativieren. Denn die Lage der Arbeiter in Deutschland kann nicht mit der Lage der Arbeiter in andren Ländern direkt verglichen werden, denn die Faktoren sind ganz andere. Wenn sich jmd. im Gespräch willkürlich ein Land heraussucht, welches allgemein gedrückte Lebensumstände für die darbende Bevölkerung bereithält, dann merkt man sofort am Gesprächspartner, dass sie oder er eigentlich den Vergleich an sich scheut, die Erkenntnis an sich scheut. Solche Kollegen kann man vielleicht dadurch sensibilisieren, dass man ihnen vor Augen hält, wie die Rolle der Arbeiter in der Geschichte bis heute ist, um damit den einzig lohnenswerten Vergleich ins Feld zu führen.
Ohne Geschichte, die, wie hier im Gedicht und auch bei bspw. Bernt Engelmann, richtig aufregend und motivierend sein kann, sind wir einfach blind. Die Herrschenden wissen das: Sie spielen gerne Arbeiter aus anderen Ländern gegen jene hier aufgewachsenen aus. Damit versuchen sie die Geschichte wegzuwischen – denn scheinbar objektiv betrachtet sind 3€ Stundenlohn in der Türkei weniger als 12€ Stundenlohn in Deutschland. Die türkischen Arbeiter verrichten im Glauben einer Verbesserung hier Arbeiten, zu Konditionen bei denen die Deutschen die Nase rümpfen. Beide Gruppen kapieren aber nicht, dass sie a) die Falschen für diese Konkurrenz verantwortlich machen, denn niemand außer den Unternehmern stellt die „günstigeren Arbeitskräfte“ ein und b) dass sie die Lokalgeschichte zur Zustandsbestimmung heranziehen müssten, um ein authentisches Bild zu bekommen. Aber die Deutschen kennen ihre Geschichte nicht, sie kennen nur Phrasen und Posen aus dem Fernsehn und von Youtube-Videos mit Adolf Hitler der zu Techno tanzt und die Türken kennen nur ähnliche Phrasen aus dem Koran oder von Atatürk und Erdogan. Beide Gruppen haben ein zerfetztes Geschichtsbewusstsein und können daher leicht emotional, da desorientiert, aufgestachelt, gegeneinander gehetzt werden. Der Türke macht „Pfusch“, der Deutsche ist „faul“. Der Chef nimmt sich mal jenes Vorurteil, mal das andere und profitiert davon, nimmt sich mal den einen, mal den anderen zur Seite – je nach dem, was er braucht: Arbeit dicht am LV oder Einsparung von Kosten.
Genauso desorientiert sind die Aktivisten heute: Sie leben in der politischen Phraseologie, die Hans Jürgen Degen vor einigen Jahren als „Großmäuligkeit“ bezeichnete. Und er hatte Recht: was alles „zerschlagen“, „weggebasst“ und „geboxt“ werden soll, passt nicht in die Spanne eines Menschenlebens. Demgegenüber steht die Stagnation aller politischen Lager der „alternativen“ Szenen Deutschlands.
Der Arbeiterklasse und den politisch engagierten Studenten Deutschlands ist gemein, dass sie in abstrakten Begriffen – hie Bildzeitung, dort Intellektuelle – denken und sich diese Begriffe um die Ohren hauen, bis die Realität sie einholt. Dann gibt es Zerfallsereignisse und die Gruppen, Gewerkschaftskartelle, Freundeskreise, Kolonnen usw. lösen sich auf etc.
Die Karten werden neu gemischt und wieder geht es los: Neue Trendworte jagen die alten und statt sich zu Besinnen wird wieder drauf los geschwafelt, ohne perspektivische Vorstellung und seriöses, reflektiertes Handeln.
Rigorismen werden an die Stelle einer geschichtlichen Orientierung, einer Selbst-Reflexion, gesetzt: Wir haben heute ein schönes Beispiel aus der Geschichte der Hausbesetzerszene in Deutschland kennengelernt. Es gab laut Lehrfilm „Mietshäuser-Syndikat“ GmbH zwei Fraktionen. Die eine wollte die Hausprojekte widerrechtlich durchboxen, nebenbei Nato, Uno, WHO, Patriarchat und die Atomkraft zerschlagen und die andere wollte bezahlbaren Wohnraum. Das war Ih-Gitt. Politisch inkorrekt. Heute aber – und das ist Geschichte! – sehen wir, wie das Mietshäusersyndikat wächst und lebende Projekte auf die Beine stellt, in denen jene heute „Mieter“ sind, deren rigorose „Großmäuligkeit“ (Hans Jürgen Degen) zu nichts anderem geführt hat, als dem Verschwinden des ganzen Projekts.

Geschichte, unsere Geschichte, ist wie unsere Seele. Die Seele mehrerer Generationen, die Seele unserer ganzen menschlichen Art. Wer sie einnimmt, kann die entscheidenden psychologischen Vorteile, bspw. der eigenen Orientierung, bzw. der Desorientierung des Gegeners, daraus schlagen.
Einzelne, wie auch soziale Bewegungen, die diese Geschichte den Herrschenden überlassen, sind dazu verdammt, hinter ihr zurückzubleiben.

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