„Ramstein Airbase – Game of Drones“ im Mainzer Staatstheater

Mehrere Treppen geht es in den Keller, wie in einem Parkhaus. Die Nobelkarossenbesitzer und -besitzerinnen sind auch da. Wir setzen uns auf die Sitze, ganz oben in der Ecke, um nicht nur das Theaterstück zu sehen, sondern auch das Publikum und die Techniker. Es geht los.
Wie etwa in dem Stück „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“, im selben Raum gesehen, handelt es sich um eine beamerunterstütze Collage mit realem gesellschaftlichem Hintergrund. Wie beim Jobs-Stück führt ein Erzähler, der gleichzeitig Figur das Ganzen ist, die Zuschauer in biographischem Ton ein. Er kannte einen Sohn einer in der US-Armee dienenden Soldatin in seiner Jugend. Der spätere Ankläger des (Dronen-) Krieges empfand die US-Armee und die Airbase zunächst als Bereicherung, bis zu den Ereignissen um die Abstürze während einer Flugshow und seinem Kontakt zu einem Kriegsinvaliden als Zivildienstleistender. In der Gegenwart des Stückes klagt der erwachsene Anwalt den Drohneneinsatz an und branntmarkt ihn als „unrechtmäßig“. Immer wieder werden Links zu us-amerikanischen Sendungen, Filmen, Musik und Lebensart gezogen, der dann die us-amerikanischen und deutschen Herrschenden auf der Leinwand gegenübergestellt werden und die zunächst in der Wahrnehmung des Jugendlichen hinter diesen kulturellen Genüssen verschwinden. Irgendwann kommt dann der Moment im Leben des Protagonisten (Im Krankenwagen als Zivildienstleistender) in der die „Identifikationsfiguren“ aus us-amerikanischen Produktionen in eine Krise innerhalb seiner Wahrnehmung geraten und die Befehle der Eliten der USA und Deutschlands nicht mehr mit dem Konsum-Genuss entschuldigt werden können. Der aufwachsende Mann wird anklagender Anwalt und verteidigt einen Dronen-Piloten gegen dessen Vorgesetzten in Anlehnung an „Eine Frage der Ehre“ (1992, mit Tom Cruise als „Identifikationsfigur“ für den Protagonisten). Letztendlich stellt das Stück die sogenannten „Kollateralschäden“, die juristischen Widersprüche und die Folgen für die Psyche der Dronen-Piloten der „Realpolitik“ entgegen – ohne aber rigoristische Forderungen zu stellen, denn das Stück räumt die Beteiligung einiger Opfer der Droneneinsätze an Morden ihrerseits ein.

Gerade aber aus diesem Dilemma findet das Stück dann keinen Ausweg mehr. Es hat sein Pulver verschossen – emotionale Ausbrüche und ein paar mitreißende Einspielungen der Lieder der Band „Rammstein“ und dann hakt die Platte. Ohne die Verknüpfung mit gesamtgesellschaftlichen Fragen bleibt das Stück in einer Traumlösung des dargestellten Problems kleben: Das juristische System, welches zu jenem Establishment gehört, das dieserlei Kriege überhaupt erst verursacht, soll, repräsentiert durch den einen aufrecht scheinenden „guten“ Anwalt aus sich heraus mit den „bösen“ Morden aufhören.
Aber das System lebt vom Krieg – die Kriege werden mal eben outgesourct – dann kann man sich in Europa die Friedenspreise hin- und herschieben, während man an Rüstungsexporten Milliarden verdient – aber im Grunde hat die Herrschaft des Menschen über den Menschen in ihrer ganzen Geschichte nur bewiesen nicht ohne Krieg auszukommen. Kriege werden täuschend und tendenziös dargstellt, was auch im Stück rüberkommt, aber sie sind an die Herrschaft gebunden, wie das Existieren von Deklassierung der einen und Machtgewinn der anderen.
Nach dem Theaterstück wurde ich von einem Bekannten gefragt, ob so ein Stück überhaupt eine Antwort geben müsse –

Meiner Meinung nach schon. Die gesellschaftlichen Ereignisse konkret ansprechend und darauf seine Popularität aufbauend und sie dann nicht im Rahmen der ganzen „künstlerischen“ Freiheit bearbeitend finde ich persönlich schwach.
Von einem Künstler erwarte ich Antworten, weil es sonst mit seiner Kunst meiner Ansicht nach nicht weit her ist. Gerade die Kunst ist ein Raum, in dem wir – wie in der Philosophie – einfach drauflos denken können, ohne irgendwo Rechenschaft ablegen zu müssen. Versandet dieses Drauf-Los-Denken dann in dem Sumpf, den wir schon jeden Tag vor der Haustür sehen, dann frage ich mich, wieso die ganzen Werkstoffe und die Arbeitskraft hierfür genutzt wurde… Kunst im luftleeren Raum, die keine gesellschaftliche Nützlichkeit aufweist, hat nicht das Recht gesellschaftlichen Reichtum zu nutzen. Sie ist kein Selstzweck, sondern erfüllt als soziales Organ einen Zweck. Sie dient nicht der Selbstdarstellung des Künstlers, sie ist nicht Verlängerung seines Egos. Im Gegenteil: Der Künstler, der diesen Namen verdient, tritt hinter seinem Werk zurück, welches er deswegen schafft, um der Gesellschaft als Teil ihres Immunsystems und ihres Stoffwechsels Feedback zu geben und mitzudenken.

Gerade der kreative Part des Mitdenkens, das Fazit, die Lösung, die Perspektive, der Blick in die Ferne bleibt zu oft aus. Bieder, angepasst, rein betrachtend bis moralisierend sind die Stücke der Herren studierten Regisseure.

Ich hoffe auf Theater, das den Theatersaal verlässt, um nicht ästhetisierend höchstens zu beleuchten was ist, sondern Kraft des künstlerischen selbstständigen Denkens den Mut beweist eigene Lösungsvorschläge, Standpunkte und Positionen in den Ring zu werfen.
Manchmal komme ich mir wie ein Betrachter vor, der immer wieder – egal ob in zeitgenössischer (bürgerlicher) Literatur, Film oder Theater, ja sogar Musik, immer wieder den verheerenden Einfluss glaubt wahrzunehmen, den das abstrakte Primat des „Objektiven“ aus den Sälen der Universitäten auf diejenigen hat, die sie in ihrer „Karriere“ durchliefen.
Das ganze bürgerliche Herrschaftsystem basiert auf einer Objektwerdung des Menschen, der in Wahrheit immer ein Subjekt bleibt. Wir können nur wir sein, wir können kein Ding, kein „Humankapital“ sein. Wir leben aber in einer Gesellschaft die von jenen Einflüssen verunreingt ist, welche aber gerade DAS von uns verlangen und voraussetzen… demnach sind die Weichen, die in unserem Leben gestellt werden und die natürlichen Ansprüche unseres Körpers / unserer Seele entgegengesetzt.
Und das spürt man auch in der Kunst: Der richtige Hammer in der Fresse des Publikums bleibt aus, der die zarte Trennwand zu durchschlagen in der Lage ist, die gesellschaftliche Stagnation von heute zu überwinden, um von einem neuen Morgen zu künden.

Ziellos bedient die zahme Kunst heute die „Alternativlosigkeit“ in der sich die Herrschenden gefallen – „wir sind zwar scheiße, aber es gibt kein besseres System, wenigstens!“
Die Bevölkerung bleibt Zuschauer des eigenen Lebens. Festgelegt auf das Programm, die Sitzreihen und Kartenverkäufe geht man ins Theater, wie zur Lohnarbeit, wie in die Kirche. Als Bittsteller, als Konsumenten, als Statisten, als Sklaven. Wo bleibt das Theaterstück, aus dem wir als Freie erhobenen Hauptes herausgehen? Mit einer neuen Vision oder wenigstens der Erinnerung an eine lohnenswerte historische Vision? In der der Künstler keinen „Job macht“, sondern einen eigenen Standpunkt hat, der den Namen verdient. In der die geheuchelte „Objektivität“ fällt und an ihre Stelle Bewusstsein tritt, welches es den Beteiligten ermöglicht, aus dem engen gesellschaftlichen Rahmen auszubrechen und neue Wege zu entdecken…

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