„Irgendwann raffte ich mich auf und begann, mich selbst schlau zu machen“

Ich halte die fünfte Ausgabe von „Darm mit Charme“ (2017) in meinen Händen, die ich per Verlagsbestellung vom Ullsteinverlag erhalten habe. Verfasst wurde der „Bestseller“ von Giulia Enders, einer Medizinstudentin. Es ist als sogenanntes „populärwissenschaftliches Buch“ beschreibbar – im besten Sinne, denn die erwähnten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse werden angenehm „charmant“ in die Sprache von Nicht-Wissenschaftlern übersetzt.
Nicht nur darin zeichnet sich die Stärke des Buches aus, sondern auch darin, dass es stets praxisorientierte Tipps bereithält. Der Effekt für mich persönlich war unter anderem eine hohe Rate an Verständnis und eine leichte Lesbarkeit in kurzer Zeit. Ich tippe diese Besprechung gerade ab, nachdem ich in nur 6 Stunden das ganze Buch durchgearbeitet habe.

Worum geht es überhaupt?

Giulia Enders wurde in jungen Jahren von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht, die sich – wie sich herausstellte – durch Behandlung des Darmes in den Griff bekommen ließ. Seit dieser persönlichen Erfahrung mit dem Betrachtungsgegenstand ihres späteren Buches beschäftigte sie sich damit und legte ihre Forschungsergebnisse in Buchform nieder.
Beschrieben wird das Organ, die Arbeitsweise und wie sie unser Leben beeinflusst. Sprengen will Enders viele bürgerlichen Vorurteile gegen Kot und Fürze – statt dünkelhafter Benimmregeln fördert sie Verständnis.

Wieso auf diesem Blog?

Literatur ist immer von einem gewissen Geist getragen. Dieser Geist kann befreiend und aufklärerisch wirken oder den Dünkel der Herrschenden und damit das Unglück der Beherrschten mehren. Darüber hinaus gibt es immer wieder Rahmen, in denen wir denken und die ebenfalls emanzipatorisch aufgebrochen oder reaktionär beibehalten werden können.

Auch für die soziale Frage unscheinbar wirkende Literatur transportiert solche Messages und ist daher von nicht zu unterschätzendem Gehalt.
Außerdem will ich meine Leserschaft dazu motivieren die engstirnige Lebensweise die wir in diesem System führen, dahingehend zu durchbrechen, sich über alles zu bilden, was man in die Finger bekommt. Wenn der Geist gefüttert wird, stumpft er weniger schnell ab und ist daher in der Lage unsere Glücksmöglichkeiten auch perspektivisch zu erhöhen. Zu den syndikalistischen Idealen gehört ein universell gebildeter Mensch – und das Autodidaktische. Beides kommt nicht an so wunderbaren Büchern, wie dem vorliegenden, vorbei!

Was sind die Stärken des Buches?

  1. Dogmen aufbrechen

Die Autorin versucht „das unterschätzte Organ Darm“ in der Gesellschaft und der persönlichen Wahrnehmung zu re-integrieren. Das ist super, denn der Darm ist wichtig für uns und das entspricht unseren Bedürfnissen. Für die Bedürfnisse der Menschen tritt auch der Syndikalismus ein. Hier finden wir also schon mal sympathische Züge und können gleichzeitig persönlich was lernen!
Der Ächtung von Kot und Fürzen setzt die Autorin Erklärungen und Verständnis entgegen – am Ende begreift man die Indikatoreigenschaften der Stoffwechselprodukte, ihre Bestandteile und lernt sie wertzuschätzen. Die gehorsame Dunkelheit à la „Das macht man nicht!“ hat ein Ende – Aufklärung tritt an ihre Stelle – Wohltat!
Nicht zuletzt hat die Kontinuität dieses Dünkels wider den eigenen Körper dazu geführt, dass wir über Generationen zu dumm zum Scheißen waren. Gehorsam von den Eltern das Scheißen auf dem Klo, haben wir auch deren Hämorrhoiden übernommen. Gerne machen sich Nazis über hockend scheißende „Zigeuner“ lustig – die Retourkutsche liefert indirekt Giulia Enders.

  1. Eigeninitiative und kritisches Denken stärken

Auch wenn die bürgerliche Wissenschaft – der Enders hie und da doch mal das Primat einräumt – nicht alles belegen kann, so motiviert die Autorin zum Ausprobieren, wenn es dem Menschen nützt.Sie selbst gibt das Beispiel einer Person, die nicht auf die Ärzte vertraute, sondern sich selbst an das Forschen begeben hat. Das können wir vom Institut für Syndikalismusforschung für unseren Bereich gut nachempfinden.

„Es ist empfehlenswert, von Zeit zu Zeit, Gewohnheiten zu hinterfragen.“

Bspw. im Fall des hämorrhoidenfördernden Toilettengangs.
Sie empfiehlt lösungsorientiert Möglichkeiten für die Leser selbst aktiv zu werden, wie klassische chinesische Medizin (allerdings mit der Zäsur der wissenschaftlichen Beweisbarkeit) und Youtube Videos.
Die Motivation selbst zu forschen und selbst Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen sind ganz im Sinne des Syndikalismus, der nicht nur die zwanghafte Einteilung der Menschen in die Rolle des Chefs und des unmündigen Befehlsempfängers aufbrechen will, sondern auch die Abhängigkeit des Patienten vom kapitalistischen Gesundheitssystem.

  1. Modernität und Authentizität

Enders gibt die modernsten Forschungsergebnisse an die Leser in leicht verständlicher Form weiter, gesteht ein, sobald es sich bei diesen noch um unbewiesene Theorien handelt und erweckt durch diese Unverbindlichkeit Vertrauen. Sie stellt auch mutige Fragen und benutzt gerne den Konjunktiv – Züge, die für einen wachen Geist sprechen, statt für einen behäbigen Wissenschaftsaristokraten, der um seine „Reputation“ bangt.
Authentizität erreicht die Autorin durch eine Auseinandersetzung mit dem Thema auf persönlicher Ebene. Der Leser spürt den Elan, gefüttert durch das eigene Bedürfnis der Autorin und eine sehr gewinnbringende Autor-Leser-Beziehung stellt sich ein. Kein kalter abstrakter Brocken, der „schwer verdaulich“ wäre, sondern ein vielfach inspirierender, reichhaltiger Fundus an praktischer Erfahrung mit dem Betrachtungsobjekt bereichern das Buch.
Nicht nur auf einen „charmanten Darm“ stößt der Leser, sondern auch auf ein großes Herz der Autorin, von dem er letztendlich nur profitiert.

Welche Schwachstellen hat das Buch?

Die Schwäche des Buches liegt ganz klar in dem bürgerlich-akademischen Frame, den die Autorin unreflektiert übernimmt. Das wird ganz besonders fatal, wenn sie am Ende des Buches darüber referiert, wie bestimmte Bakterien das Stressempfinden mindern.
Der Darm ist sicherlich auch ein soziales Organ und diese seine Funktion wird von der Autorin sehr schwach analysiert. Wenn Stress, Depressionen und Druck erwähnt sind, dann lediglich abstrakt, als individuelle Fälle. Ihre Herkunft bspw. aus der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in der kapitalistischen Wirtschaft wird komplett unterschlagen – stattdessen preist die Autorin die Möglichkeit bald das Stressempfinden ausschalten oder dimmen zu können, durch Behandlung des Darmes mit Bakterien. Wenn aber der Stress ganz authentische Folge einer falschen Art zu leben ist, dann ist das Signal, die Depression oder das Stressgefühl, sehr wichtig, um anzuzeigen, dass sozialer Veränderungsbedarf besteht. Sie zu betäuben haut in etwa in die Kerbe der Herrschenden, sich selbst und sein System der Knechtschaft als „alternativlos“ darzustellen.
Ein weiteres Beispiel für diese Schwäche sind einige Metaphern, die sich mit den erwähnten Erkenntnissen beißen, aber im bürgerlichen Sprachgebrauch festgefahren sind:
Widersprüchlich in diesem Zusammenhang ist zum Beispiel a) den Organen , bzw. Bakterien und Organen eine föderalistisch geprägte Kooperation nachzuweisen, aber dann b ) bestimmte Bestandteile mit der Bezeichnung „Chef“ als besonders wichtig zu deklarieren.
Die hohe Plastizität des menschlichen Denkapparats versucht sie mit „Religion“ zu illustrieren. Gerade die Religionen aber haben in der menschlichen Geschichte zum geistigen Stillstand geführt und der rege Kampf gegen ihre Herrschaft, die Aufklärung, hat wieder Schwung in die geistige Kultur des Menschen gebracht.
Enders bietet für die gesellschaftlichen Probleme wie Depressionen und Stress individuelle Lösungen an, die in den verschiedensten Behandlungen des Darmes bestehen. Das mag für das Einzelschicksal seine Bedeutung haben, aber für die tatsächliche Lösung des sozialen Problems kann es auch nur soziale Lösungen geben. Die Depression lediglich als individuelles Ereignis zu sehen, nicht etwa als Zeichen für ein krankes System, in dem wir leben, heißt diesem krankmachenden System (unbewusst) Kontinuität zu verleihen.
Ich sage „unbewusst“, weil die Autorin immer wieder eine humanistische, aufklärerische, undogmatische Art zu denken beweist. Aber überall dort, wo sie eher aus anderen Bereichen übernimmt, übernimmt sie auch deren zentralistische Denkmuster (bspw. bei Redewendungen).
Dieser Umstand ist symptomatisch, aber mindert nicht die vielen Vorzüge des Buches. Nobody is perfect. Wir müssen als LeserInnen immer wieder hinterfragen, wie das die Autorin uns ja auch nahe legt, was wir da lesen und denken. Gerade aus einer sozialen Bewegung heraus.

Dass ich auf solche Widersprüche in dem Buch gestoßen bin,freut mich letztendlich, weil es mein geistiges Immunsystem geschult hat und das bewusster Leser und Leserinnen schulen wird.

Das schönste an dem Buch war für mich aber das Bild der Organe und Bakterien, welches die Autorin vor unserem geistigen Auge entwirft: Ein großer Föderalismus des Lebens, der durch ein harmonisches Gleichgewicht Gefahr und Schaden abzuhalten in der Lage ist. Bakterien, die für uns verdauen, die Schutz und Lebensraum von uns bekommen, das Gehirn, welches nicht alleine denkt, sondern durch den Darm ergänzt wird und die vielen Myriaden an Verbindungen, zwischen Teilen des Körpers, unseren Empfindungen und der Bewohner unseres Körpers.

…Und stellt die Symbiose von Bakterien und Organen nicht ein jahrtausendealtes Monument der Gegenseitigen Hilfe dar, welches das Leben selbst meißelte?

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