„Es lag dann objektiv daran, dass sie nicht taugen.“ – „Roboter recruiting“

In unserer, vom Zentralismus verunreinigten Gesellschaft, nimmt die Bürokratisierung stetig zu. Immer wieder wird die Erhebung von noch mehr Daten zum Zweck sozialer Kontrolle mit den verschiedensten Mitteln gegen die Interessen der Mehrheit von den Herrschenden in Unternehmen und Staat durchgepresst.
Im Artikel „Der Algorithmus diskriminiert nicht“ vom neunten Februar 2018 aus „Zeit Online“ wird ein Professor der Wirtschaftsinformatik dazu interviewt, ob computergestützte Einstellungen von ArbeiterInnen nützlich sei. Der Professor bejaht dies und nennt es einen „Fortschritt“, wenn es funktionieren würde. Das klang schon mal komisch, beim ersten Lesen. Gegen Ende des Artikels muss der Profesor dann immer mehr Rückzieher machen: Das System übernähme die selben Vorurteile wie der „Trainer“ des Systems, es sei durcheinander, weil die richtigen Daten fehlen würden usw. Am Ende stand die Forderung, noch mehr Daten erheben zu müssen, damit der Rechner – nur zu unserem Besten! – endlich die richtigen Entscheidungen treffen könne.
Das sei auch weniger „diskriminierend“. Jemand der überhaupt einer anderen Person / einer personengestützten Maschine derart ausgeliefert ist, durch die überproportionale Macht des Gelderwerbs in der Profitwirtschaft, erfährt dem Anschein nach keine Diskriminierung… aber wie die Einstellung in diese Abhängigkeit abläuft, das kann u.U. diskriminierend sein! Wir erleben hier eine Art Rahmen, den Zeit Online und der Professor erschaffen oder dem sie selbst erliegen: Sie denken in den Mauern des zentralistischen Wirtschaftsystems. Folglich findet auch der sogenannte „Fortschritt“ in diesem geistigen Prokrustesbett statt.

Das geht am Denken des Reporters und des Interviewten nicht spurlos vorbei:

Der Professor kommt mehrfach auf „menschliche Entscheidungen zu sprechen“. Die diagnostiziert er als weniger „objektiv“, als die der Maschine. Sie wären vorurteilsbelastet usw. Auch wüssten Personaler, die eine eigene Abteilung besetzen, gar nicht, wen die Abteilung, die Leute sucht, genau brauchen.
Die Antwort des Professors ist der Verweis auf die Computertechnik.

Gegen die „Fehler“ des Menschen hat der Mensch ein wirksames Mittel gefunden – menschengemachte Technik. Wen dieser Widerspruch stört, der kann sich einen weiteren Widerspruch, der genauso tief im Zentralismus verankert ist, durch den Kopf gehen lassen: Weil der Mensch „von Natur aus“ schlecht sei, müsse er beherrscht werden, durch einen, die Gesellschaft zusammenhaltenden Staat. Doch wer macht diesen Staat? Menschen. Eben jene fehlerbehafteten Menschen.
Diese Parallelen sind schon merkwürdig – denn in diesem Interview, symmetrisch zur Rechtfertigung der Staatsmacht, läuft es darauf hinaus, wer die Macht im Betrieb hält. Gerade in einer Phase, in der der technische Fortschritt merklich vorangetrieben wird und sich die Machtverhältnisse im Betrieb drohen zu verschieben, durch Aufklärung, Fortschritt, technische Rationalisierung, ist die Frage entscheidend, wie dieser Fortschritt genutzt wird: Als Mittel zur Vergrößerung der Macht Einzelner, oder zum Wohl aller? Der Professor behauptet:
Vom Roboter-Recruiting „[…] profitieren am Ende beide Seiten massiv – Unternehmen und Mitarbeiter.“
Unternehmen und Arbeiter sind in einem Wirtschaftsystem, in dem die Profitmaximierung gilt, in ihren Interessen entgegengesetzt. Von beiderseitigem Profitieren zu sprechen ist eine Verkennung der Lebensrealität der Menschheit im Kapitalismus. Diese Phrase ist eines der zentralen Elemente der Doktrin der sogenannten „Sozialpartnerschaft“.

„Oft führen das Gespräch Mitarbeiter aus der Personalabteilung, nicht die Kollegen, mit denen der Bewerber später zusammenarbeiten soll. Aber woher soll der Recruiter wissen, welchen Mitarbeiter die Fachabteilung braucht? „

Die logische Antwort wäre eine Verschiebung der Machtverhältnisse im Betrieb, zugunsten derer, die genau wissen, wer gebraucht wird: Die ArbeiterInnen selbst. Zeit Online und der Interviewte tun im Text alles, diese Möglichkeit auszuschließen. Sie deuten Mehrbedarf von Personalentscheidungen an, aber statt diese Entscheidungen denen anzuvertrauen, die sie auch wirklich betrifft, soll dem Personaler bzw. dem Unternehmer durch die Nutzung der Technik, allein in seinem Interesse, noch mehr Macht zukommen. Es sollen auch noch mehr Daten ausgespäht werden. Die Argumentation ist folgende:

Personaler überfordert und vorurteilsbelastet > Maschine soll „objektive“ d.h. emotionslose Lösung bieten > Maschine hat zu wenig Daten und funktioniert daher nicht besser als der Personaler > noch mehr Daten müssen erhoben werden, zum Funktionieren der Maschine = zum Schutz gegen Diskriminierung durch Personaler

Auch der Journalist denkt nur im Rahmen des vorherrschenden Systems:

„Der Algorithmus entscheidet besser als ein Personaler, der vom eigentlichen Job keine Ahnung hat? „

Die Frage ist aber, ob der Algorithmus besser entscheidet, als die Kollegen. Gerade das Fehlen von Emotionen, wie auch allen anderen geistvollen und intelligenten Eigenschaften disqualifiziert einen Algorithmus. Außerdem bleibt der grundsätzliche Widerspruche, der vom Professor und dem Journalisten selbst ins Feld gewurde (!) bestehen. Jemand stülpt der Belegschaft die Entscheidung über… ob das nun der Algorithmus ist oder sein Erschaffer, läuft aufs Gleiche hinaus.

Im Text erwähnt der Professor noch, dass sich die Menschen genau im Klaren über Kausalität und Korrelation sein müssten – selbst aber ist seine Argumentation genau in diesem Punkt schwach, weil sie tendenziös ist, ohne dass Interviewer oder Interviewter das womöglich merken.

„[…] Überlassen Sie einem einzigen Menschen die Entscheidung, liegt die Objektivität bei Null. Bei zwei Menschen, die unabhängig voneinander prüfen, ist der Wert vielleicht schon besser. Aber eine Maschine, die mit vielen verschiedenen Daten gefüttert wird, ist definitiv deutlich objektiver. Zumindest die eklatante Diskriminierung wird dadurch unwahrscheinlicher.“

Denkt man genauer darüber nach, fällt einem auf, wie verzerrt dieses Denken ist.

a) Je mehr Menschen (s.o.) die Entscheidung treffen, desto besser. Folgerung: Am Ende beauftragt der Personaler / Unternehmer eine Maschine, also gar keinen Menschen, die Einstellung durchzuführen… Die Maschine im Auftrag des Herrschenden im Betrieb ist besser als die Menschen selber. Gerne wird statt der Selbstorgnaisation eine Art höhere Macht berufen.

b) Sind Menschen durch Computer ersetzbar? Man muss sich vor Augen führen, dass auch Computer nicht an sich gut oder schlecht sind. Sie werden auf Arten und Weisen eingesetzt, die das sind. Im Kapitalismus wird der Sinn und Nutzen des Fortschritts gegen die Mahrheit der Menschen gewendet, weil die Entwicklung in den engen Kanälen des Profits fehlgeleitet wird. Freut man sich einerseits über funktionierende, d.h. die menschliche Arbeit erleichternde Computer, so muss man gleich im nächsten Moment Angst haben, dass Löhne gedrückt, Lohnarbeitsstellen verknappt und der allgemeine Leistungsdruck erhöht werden. Der Grund liegt im System selbst. Das System des Zentralismus schafft soziale Klassen und diese verleihen allen Erscheinungen Ambivalenz. Rationalisierung im Sinne der Besitzenden ist keine Rationalisierung im Sinne der Beherrschten, weil sie deren Leben erschwert. Das war schon immer so und Rudolf Rocker hat dazu eine historische Erläuterung verfasst:
„Die Rationalisierung der Wirtschaft und die Arbeiterklasse“, 1927.

c) „Objektivität“ ist ein bürgerlich-akademischer Kampfbegriff feinster Orwellscher Art. Er wird hier im Zusammenhang mit „Diskriminierung“ gebracht – beides sind politisch aufgeladene Begriffe, die die Diskussion verzerren und keiner weiteren Prüfung standhalten.
„Objektivität“ ist bei niemandem auf der ganzen Welt möglich, denn jeder – auch Gruppen – ist ein Subjekt, bzw. eine Ansammlung von Subjekten. „Objektivität“ ist ein Begriff aus der Philosophie und hat in der Lebensrealität der Menschen keine Bedeutung. Wird er dennoch benutzt, dann soll mit seiner Hilfe eine abstrakte Argumentation aufgebaut werden, um offensichtlich unhaltbare Ziele durchzusetzen. Zu dieser famosen „Objektivität“ gehört zum Beispiel das Fehlen von Emotionen. Emotionen sind aber Teil unseres Lebens und erhalten dadurch schon ihre Berechtigung. Sie dürfen nicht monokausal zu Entscheidungen führen, das wäre absolutistisch, aber sie auszuschließen ist nichts als die Kehrseite der selben Medaille.
Wenn einer vom „Roboter Recruiting“ als „objektiv“ spricht, dann sollten wir alle die Ohren spitzen und uns fragen, ob damit statt dem „Einstellungsverfahren gestützt durch Computertechnik“ nicht die Einstellung von zu Robotern verkommener Arbeitssklaven gemeint ist.
„Diskriminierung“ ist in diesem Zusammenhang auch eine solche Phrase. Offensichtlich geht es in dem Text darum, dass eine Rationalisierung allein im Sinne der Herrschenden im Betrieb durchgezogen werden soll. Diese Rationalisierung stützt das Machtverhältnis zugunsten der Unternehmer und das alleine schon ist eine „Diskriminierung“, die sich durch alle Lebensbereiche der Gesellschaft zieht. Man merkt wie schwach und schwammig dieser Begriff ist – wer sich seiner bedient, tut dies vordergründig um Gutes zu schaffen, es geht aber darum mit scheinbar psoitiven Anliegen tieferliegende Sonderinteressen durchzupressen und diese mit dem Tand einer abstrakten „Antidiskriminierung“ zu kaschieren.

Die Forderungen im Text nach mehr Datenerhebung, mehr „Objektivität“, weniger Mensch, trotz, nach eigener Aussage, defizitärer Technik und bisher schief laufender Entscheidungsfindungsprozesse, ist sehr befremdlich. Sie führt den Menschen in eine bürokratische Diktatur, die umso schlimmer um sich greifen kann, je mehr der technische Fortschritt in den Dienst einer schmalen, wirtschaftlich profitierenden Kaste oder des Staates gestellt wird.

Fazit
Lösungen aus dem zentralistischen Dilemma, welches die ganze Gesellschaft mit Verzerrung und Hemmnis belegt, gibt es bereits ansatzweise. In der Geschichte wie der Gegenwart begegnen die ArbeiterInnen den beschriebenen Prozessen, die nicht neu sind, zum Beispiel mit der Verrichtung gesellschaft notwendiger Arbeit in Kollektivbetrieben. Der Herrschaft durch Eigentümer wird die Selbstorganisation der Arbeitenden auf basisdemokratische Weise entgegengesetzt.
Dies würde nicht nur den wirtschaftlich-politischen Konflikt zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft helfen aufzulösen.
Menschen, die heute, in Unmündigkeit gehalten, „politikverdrossen“ sind, sind in Wahrheit Politiker-verdrossen. Dieser Zustand der Ignoranz rührt nicht von den Ignoranten selber, sondern der Art wie sie zu leben gezwungen sind. In einem Kollektivbetrieb profitieren die Menschen davon, die sie betreffenden politischen Entscheidungen slebst zu treffen, statt ein Funktionärspolitikertum unterhalten zu müssen, damit man selbst dumm und unmündig bleibt… Eine Kollektivwirtschaft, eine Bedarfswirtschaft hat das Potenzial auch politisch und gesellschaftlich verantwortungsbewusste Menschen heranzubilden – was im Zentralismus nicht mögolich ist, denn der Raum steht uns nicht zur Verfügung. Wir können unser politisches Bewustsein nicht ausbauen, weil es uns von Berufspolitikanten weggenommen wird. Das selbe passiert im Betrieb. Wir können kein großartiges Organisationstalent an den Tag legen, denn das wird uns von wieder anderen durch die sogenannte „Arbeitsteilung“ abgenommen. Auch sie ist Produkt der Rationalisierung im Sinne der Herrschenden. Auch sie wurde so durchgezogen, ohne dass die ArbeiterInnen im Betrieb ein Wörtchen mitzureden hätten, wie bspw. die Aufgaben im Betrieb verteilt sein sollten. Menschen, die jeden Tag schuften müssen und dazu noch ihre Unmündigkeit vom Chef unter die Nase gerieben bekommen, können auch bei Fragen der von der Wirtschaft künstlich getrennten Politik keine vernünftige Entscheidung treffen. Ihr Organ dafür ist quasi nicht ausgebildet.
Wirtschaftlich und politisch fitte Menschen sind schon gar nicht „objektiv“. Sie sind vor allem bedarfs- und bedürfnissorientiert. Denn es geht im Leben nicht, wie im Interview geschrieben, um eine abstrakte, pauschale „richtige Entscheidung“, sondern um die richtige Entscheidung im Sinne derer, die die jeweilige Entscheidung auch betrifft!

Werbeanzeigen
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: