„Ich kannte die Grausamkeit der Nonnen“ – Denis Diderots „Die Nonne“, 1792

Einige Jahre bevor Johann Wolfgang Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ verfasste, schrieb Denis Diderot den empfindsamen Roman „Die Nonne“, der erst posthum veröffentlicht wurde. Es handelt sich dabei um einen fiktiven Brief und fragmentarische Erinnerung der Protagonistin Suzanne Simonin. Der Roman kann als radikaler Angriff auf ein bestimmtes gesellschaftliches Grundmuster begriffen werden, der die Belanglosigkeiten eines selbstgenügsamen „Werther“ als zahmen Abklatsch erscheinen lässt.

Der Brief beschreibt fünf Stationen Suzanne Simonins Leben.

Heim: Suzanne Simonin schildert ihre Herkunft aus kleinbürgerlichem Stande.
Sainte-Marie: Es folgen erste Berührung mit Klosterleben.
Longchamp: Sie gelangt ins Kloster Longchamp.
St. Eutrope: Die Protagonistin gerät ins Kloster St. Eutrope
Flucht: Suzanne flüchtet nach Paris. Der Brief endet.

Heim

Der erste Abschnitt leitet mit Suzanne Simonins Herkunft ein. Monsieur Simonin ist Rechtsanwalt und die Mutter von zwei weiteren Töchtern Hausfrau.
Suzanne ist allerdings nur die Tochter der Mutter, die sie einem Seitensprung verdankt. Aus Angst das heile Familienidyll zu zerstören und den misstrauischen Simonin herauszufordern bevorzugt die Mutter die beiden anderen Töchter und verachtet Suzanne als Zeichen ihres Verfehlens.
In diese lieblose Situation geboren steht die Abschiebung ins Kloster Sainte-Marie an.

Sainte-Marie

„So ging ich ganz freudig nach Sainte-Marie“

Zunächst hat sie noch die Hoffnung, wie ihre Schwestern, vorzeitig aus dem Kloster geholt und verheiratet zu werden. Doch diese Hoffnung zerschlägt sich. Suzanne soll für die „Frevel“ der Mutter „sühnen“, damit diese „in Frieden ins Grab steigen“ kann.

„Von dem Augenblick an ward ich in meiner Zelle eingesperrt“

Sie leistet bei der „Profeß“ aber ihren Eintritts-Eid nicht und wird nach Hause geschickt. Dort reagiert die Mutter abweisend.

„Sie stieß mich von sich.“

Suzanne kehrt vor allem hervor, dass „gegen ihren Willen über sie verfügt werden“ solle. In Sainte-Marie nimmt sie auch erste Verzerrungen der christlichen Lehre im Kloster wahr: „Ich fand es gar seltsam, daß ein und die selbe Sache, bald Gottes, bald Teufels Werk war, ganz wie es ihnen gerade beliebte.“

Sie wird eingesperrt und die Mutter macht ihr große Vorhaltungen. Durch das Heraufbeschwören von Schuld, dem jüngsten Gericht, Tod und dem Zerbrechen der Familie zwingt die Mutter Suzanne vorerst ins Kloster Longchamp einzutreten.

Longchamp

„Ich ward so unschuldig Nonne, wie ich einst Christin geworden war.“

Suzanne vollzieht die „Profeß“ letztendlich in einem seelisch geknickten Dämmerzustand. Nachdem sie zu sich kommt, sondiert sie die neue Umgebung. Dies wird ihr insofern erleichtert, als dass die Oberin zu dieser Zeit sehr gütig ist und ihre Lage sogar nachvollziehen kann. Doch sie stirbt und eine neue Oberin setzt sich an ihre Stelle.

„Die Autorität der Herrinnen erwies sich als sehr begrenzt;“

Als erstes beginnt Suzanne als Reaktion auf die despotische Art der neuen Oberin als eine Art Betriebsrätin oder Vertreterin die jungen Nonnen in ihrem Recht zu bestärken. Sie fordert die Einhaltung von den Klosterregeln auch von der Oberin des Klosters ein, verweigert Dienste darüber hinaus und macht schließlich bei einigen anderen frischen Nonnen Eindruck.

Doch dieser Aufschrei innerhalb des Klosterknastes bekommt schon bald sein Echo: Die Oberin errichtet ein perfides Netz gegen Suzanne und schafft es sie zu isolieren. Mit schlechtem Leumund, allein dastehend wird der Leser nur wenige Male Zeuge von Solidarität wider Suzanne von einzelnen Frauen, die bald darauf ihr Schicksal teilen.

Der Terror im Kloster reicht vom Ausschluss aus den christlichen Glaubensakten, über das Bestreuen ihres Weges mit Glasscherben, Diebstahl, das Zerschlagen ihres Mobiliars, der Entzug von Schlaf und Nahrung, die Isolationshaft im Kerker. Selbstmordgedanken. Aber dennoch ist der Freiheitsdrang stärker. Sie engagiert einen Anwalt und führt einen ersten Gerichtsprozess. Die Repression wird noch stärker.
Im Gerichtsprozess klagt Suzannes Anwalt an:

 

„Wo haben Gram und Unmut alle geselligen Tugenden vernichtet? Wo kennt man nicht Vater, nicht Bruder, nicht Schwester, nicht Verwandte noch Freund? […] Wo ist der Hort des Hasses, des Lebensüberdrusses und der Hysterie? Wo herrschen Sklaverei und Despotismus? […] Wo gären Leidenschaften in der Stille?“ und „Armut geloben, heißt sich durch Eid zu Faulheit und Dieberei verpflichten; Keuchheit geloben heißt Gott den beständigen Verstoß gegen sein weisestes Gesetz schwören; Gehorsam geloben heißt dem unveräußerlichen Menschenrecht entsagen, der Freiheit. Wer diese Gelübde hält, ist ein Verbrecher; wer sie nicht hält, ein Eidbrüchiger. Das Klosterleben macht Fanatiker oder Heuchler.“

– der Prozess wird verloren. Nicht zuletzt liegt die Niederlage vor Gericht daran, dass Suzanne nicht zur racheerfüllten Hetzerin wider ihren Peinigerinnen werden will. Für sie ist die christliche Lehre keine Leere, die zum kirchlichen Machterhalt gebogen werden darf und „Gott“ ist der einzige Richter den sie anerkennt, was ebenso eine Absage an das „weltliche“ Strafgericht bedeutet. Sie empfindet ihre Rolle im Prozess als Spielball, über den weiterhin gegen ihren Willen im Sinne höherer, in ihrem christlichen Sinne illegitimer Kräfte, verfügt wird, und verweigert diese Rolle. Aus dem selben Grund hasst sie das Klosterleben:

„…als wahre Nonne erkenne ich nur an, wer hier gehalten würde, auch ohne Gitter…“

Suzanne spürt in sich keine „Berufung“ zur Nonne und nimmt auch bei den meisten anderen Nonnen an, dass diese bar einer solchen sind, dass nur der Zwang sie beugte. Suzanne macht diesen Zwang zur Selbstentsagung hinter den Klostermauern zur Ursache der allgegenwärtigen Entfremdung und Abspaltung.

Letztendlich kann sie durch den Anwalt und weitere Gönner eine neue „Mitgift“ auftreiben, die sie in die Lage versetzt die Klöster zu wechseln.

„…wie auch immer,
sie konnten unmöglich boshafter oder übelwollender sein“

St. Eutrope

„Augenblicklich verschloß sie meine Tür, löschte die Kerze und stürzte sich auf mich“

Die Oberin, mit der Suzanne nun konfrontiert ist, fühlt sich von der „Unschuld“ der Neuankömmlinge besonders gereizt. Sie selbst onaniert und hat deswegen Gewissensbisse – sie sieht die „unschuldigen“ Nonnen als Zeichen ihres Verfehlens. Ein scheinsexueller Konkurrenzkampf beginnt, der bis zum Erniedrigen der Nonnen als Lustobjekte reicht.
Schließlich aber zerbricht die Oberin an der „Unschuld“ Suzannes und wird wahnsinnig. Wahnvorstellungen überwältigen sie und sie stirbt.
Nun fügt der Autor einen Bruch ein und das Erzähltempo nimmt zu.

Flucht

Durch die Solidarität eines Mönches, der die Flucht hilft zu organisieren, kann Suzanne fliehen. Die Flucht wird in Schlagschatten geschildert.
Sie gelangt über Paris und dessen Bordelle in eine Stellung als Wäscherin und von hier bittet sie den Marquis, an den sie schreibt, um eine sichere Stellung in der Provinz, um unterzutauchen.

Ende.

„P.S.: […] Ich bin ein Weib und vielleicht ein wenig kokett, was weiß ich? Aber ich bin es natürlich und ohne Falsch.“

Ob Suzanne jemals „ohne Falsch“ jemand anderen geliebt hat, ist nicht klar beschrieben. Sie schildert einen Abt und einen Mönch zwar besonders wohlwollend, aber es passiert nichts weiteres. Sexualität und Liebe war ihr aber nicht unbekannt, der Leser erinnert sich an ihre Hoffnung im „Stand“ der Ehefrau mehr Freiheiten zu finden, als im Kloster. Das blieb ihr aber verwehrt. Alle anderen Schicksale sollten ihr aufgezwungen werden – die „Liebe“ als Spekulationsobjekt im Pariser Nachtleben durch die „Kupplerinnen“, die die „Oberinnen“ im „keuchen“ Kloster ersetzen – und mussten deshalb an ihrem Willen abprallen.

Stilistische Besonderheiten und Einordnung

Wiederholungen pointieren Gruseleffekte – „Ich ging in meine Zelle, und erst nach einer Weile schloß sich Schwester Thérèses Tür, schloß sich ganz sacht.“ Man denkt irgendwie an eine Version von „Der Name der Rose“ mit Vincent Price und Bela Lugosi… Die ganze gefühlsmäßige Atmosphäre dieses Romans kann ich mit noch weiteren Filmbeispielen beschreiben, jedoch werden dem geneigten Leser „Ilsa – Shewolf of the SS“ und ähnlich explizite Filme nichts sagen… dennoch Diderot schmückt seinen Roman mit Exploitation vom Feinsten – Blut, Nacktheit, Folter, Terror – man spürt eine sich formende Facette klassischer französischer Literatur, die später noch einen Marquis de Sades und einen Lucien Ducasse hervorbringen wird, die eben diesen Teil auf die Spitze treiben werden.

„Seufzen“, „Wahn“, „Verzweifelung“, „Tränen“ – eine neue Empfindsamkeit bricht sich Bahn, die unter anderem ihre Früchte im späteren deutschen Sturm und Drang in dessen emotio zeitigen wird. Der Aufklärer Diderot, der bereits in seinem ersten Roman, wenn auch eher humorvoll, dennoch kritisch, Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen analysierte, ist sicher als einer der Vorreiter dieser Entwicklung zu begreifen.

Natur

„Und diese Gelübde, die gegen alle natürlichen Triebe verstoßen, können sie je anders, als von ein paar kränklichen Kreaturen eingehalten werden, in welchen die Keime der Leidenschaften verdorrt sind und die wir mit gutem Recht mißgeschaffen nennen dürfen, wenn unser Wissen uns erlaubte, die innere Struktur des Menschen ebenso leicht und deutlich zu erkennen wie seine äußere Gestalt? Heben all diese grausigen Zeremonien, bei der Einkleidung, bei der Profeß, die einen Mann oder eine Frau dem Klosterleben wie dem Unglück weihen, die natürlichen Bedürfnisse auf?“

„Natur“ steht im Roman für das Gesunde, Zwanglose, das Gesellige. Gott und Natur sind kein Widerspruch. Gott bleibt in Suzannes Weltsicht Schöpfer und Richter. Aber sein Wille, besser seine Gesetze rühren scheinbar nicht aus dem toten Buchstaben des von menschenhand tradierten Gesetzes, sondern aus den Erscheinungen des täglichen Lebens. Nicht die Realität und die Praxis soll dem Dogma angepasst werden, sondern der Mensch soll sich der Natur gemäß verhalten, die auch seine eigenen, persönlichen Bedürfnisse einschließt. Immer wenn „Natur“ im Roman bemüht wird, trennt Diderot Gott, Natur und menschliches Bedürfnis von Zwang, Dogma und den von ihnen getragenen Organisationen, Kirche und staatliche Jurisdiktion.

Der Staat und sein Zwang

Bei Diderot ist der Staat eine Kirchenorganisation. Suzannes Anwalt ist eine Nonne darin, die ebenso versagen muss, mit den Mitteln des Prozesses Gerechtigkeit zu finden, wie Suzanne mit den Mitteln der Klosterregeln. Es gibt Parallelen zwischen einem solidarischen Mönch, Suzanne und dem Anwalt. Es sind Beispiele für bewusste Menschen, die in den um sie errichteten Zwingburgen des Dogmas untergehen müssen, weil sie deren Persönlichkeitsgefühl widersprechen.
Es gibt für Diderot weder einen Stellvertreter für Gott auf Erden, noch für den Menschen.
Der von der kirchlichen Lesart des Christentums ausgehende und vom Parlamentarismus kontinuierlich aufgegriffene Geist des „Vertretungswesens“ wird von Diderot abgewiesen: Weder Anwalt, Mönch noch Nonne können innerhalb der Strukturen der Macht Gerechtigkeit finden. Letzten Endes bleibt ihnen nur die Flucht und der Aufbau einer neuen Gemeinschaft.

„’Dort‘. sagte sie und wies gen Himmel,’will ich euch von Nutzen sein; unablässig werden meine Augen über diesem Hause wachen; ich werde eure Fürbitterin sein und erhört werden.“

So die letzten Worte der Ausnahme-Oberin, die wenige Zeit, nachdem Suzanne sie kennenlernte, verstirbt. Der Verlauf der Ereignisse widerspricht ihren Worten vollkommen. Gerade „dieses Haus“ ist es, in dem Suzanne der schlimmsten Folter anheimfallen wird.
Ein weiterer Akt, in dem die Persönlichkeit eines Menschen vertreten werden sollte, wurde bereits geschildert. Als nämlich Suzanne in ein Kloster gehen soll, damit ihre Mutter „friedlich ins Grab steigen“ könne. Vom chronologischen Verlauf der Geschichte her betrachtet, ist diese „Vertretung“ eines anderen, die die Persönlichkeit beider zugunsten des Systems verleugnet, einer der Ursachen für den ganzen weiteren Verlauf.
Bei Diderot gibt es nur die unmittelbare Geltung des Einzelnen in ungehinderter Geselligkeit mit anderen. Dieser Geltung spricht jede Autorität Hohn, ganz gleich wie sie aussähe.

Briefform

Sogar die Form des Romans ist eine Metapher: Nicht ein von Außen blickender Erzähler schildert Suzannes Leben, sondern die Nonne selbst. Sie ist derart von einem tiefen Persönlichkeitsgefühl durchdrungen, dass nicht einmal ihr literarischer Schöpfer ihre Geschichte durch einen Fremden erzählen lassen könnte…

Diderots Konzeption des Christentums

In „Die Nonne“ schildert Suzanne immer wieder ihre Ansichten zum christlichen Geist (s. „Naturmetapher“). Darin wird klar, dass sie einen ganz anderen Geist verinnerlicht hat, als Kloster und Kirche ihn fordern. Ähnlich wie Thomas Müntzer, Revolutionär des deutschen Bauernkriegs, ging es Suzanne um ein, die Menschen verbindendes Christentum, mit den menschlichen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Wir begegnen solchen Lesarten der Religionen in der Geschichte immer wieder – und ihren Widersachern, den Dogmatikern in deren Lebenssicht der Mensch nur ein erniedrigtes Mittel zum Zweck darstellt.

Fazit

Diderots Leistung besteht in einem tiefschürfenden Aufgebot für einen anarchischen Föderalismus, entgegen jedem Zentralismus. Es durchzieht den ganzen Roman, auf der Wacht um die Freiheit des Menschen wider aller Despotie. Gleichzeitig zeigt der Autor die Folgen eines fremdbestimmten Lebens auf:
Zwanghafte Ordnung und zerfahrenes Chaos – in den Oberinnen entfalten beide scheinbaren Gegensätze ihre vernichtende Wirkung auf das Persönlichkeitsgefühl des Menschen.
Perversion durch Macht einerseits und Machtlosigkeit andererseits. Unterdrücker und Unterdrückte sind bei Diderot beide schonungslos Seiten der selben Medaille. Abstrakte Kollektivklischees gibt es bei ihm nicht. Ganze Klassen, die zu einer „historischen Notwendigkeit“ verschmölzen, sucht man bei ihm vergebens. Nur die bewusst solidarischen und die bewusst kämpfenden Nonnen erhalten bei ihm den Status eigener Persönlichkeiten. Wer sich vom Machtstreben treiben lässt, verblasst unter vielen. Bei ihnen siegte das Kloster. Die anderen treten für durchaus vorsozialistische Ziele, wie die Freiheit als „Menschenrecht“ (Suzannes Anwalt), ein.

Die Zielgruppe des Buches können heute junge Menschen sein, die an der Schwelle eines neuen Bewusstseins stehen. Vielleicht ist es ein gutes Geschenk für Junge in der Pubertät oder kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung. Vielleicht ist das Richtige um das Rentenalter oder die Arbeitslosigkeit zu beginnen. Oder eine Therapie. Immer wenn sich ein Bruch im Leben eines Menschen ereignet, wird er empfänglich für Neues. Dann sollte er dieses Buch gelesen haben.

 

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