Denis Diderots erster Roman: „Die geschwätzigen Kleinode“, 1748

Durch die Menschheitsgeschichte ziehen sich viele rote Fäden. Einem davon kann man in der Literatur nachspüren.

„Anarchistische Ideen sind in fast jeder Periode der bekannten Geschichte anzutreffen. Wir begegnen ihnen in dem chinesischen Weisen Lao-tse, in den griechischen Philosophen, den Hedonisten und Zynikern und anderen Verfechtern des sogenannten Naturrechts, in Zeno, dem Gründer der Stoiker-Schule und Opponenten Platons. Sie fanden Ausdruck in den Lehren der gnostischen Carpokraten in Alexandria. Ferner besaßen sie einen unverkennbaren Einfluß auf bestimmte christliche Sekten im Mittelalter in Frankreich, Deutschland, Italien, Holland und England. Die meisten von ihnen wurden Opfer grausamster Verfolgungen. In der Geschichte der böhmischen Revolution fanden sie einen machtvollen Verteidiger in Peter Chelcicky, der in seinem Werk „Das Netz des Glaubens“ dieselben Urteile über die Kirche und den Staat fällte, wie es Tolstoi Jahrhunderte später tat. Unter den großen Humanisten war es Rabelais, der in seiner Beschreibung der glücklichen Abtei von Theleme (8) ein Bild des von allen autoritären Zwängen befreiten Lebens zeichnete. Von den anderen Pionieren des libertären Denkens sollen hier nur La Boetie, Sylvain Marechal, und vor allem Diderot erwähnt werden, in dessen umfangreichen Schriften man immer wieder die Äußerungen eines wirklich großen Geistes findet, der sich von jedem autoritären Vorurteil freigemacht hat.“

Rudolf Rocker „Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus“ (1947)

Wie im Zitat erkennbar, sind wir Menschen auch in unserem Denken auf einer feinfühligen Art und Weise miteinander verbunden, indem wir aufeinander aufbauende Gedanken entwickeln, die sich verschiedener Zeitebenen bedienen und die weder nationale Grenzen noch den Tod berücksichtigen. So ein Faden spinnt sich auch durch mein Leben – wie ein stummer Wegweiser hat er mich stets durch den Wald an Büchern dieser Welt geführt, immer auf der Suche nach neuen Ausblicken auf die menschliche Freiheit. Rudolf Rockers Werk war für mich dabei eine Art Goldmine – in seinen Schriften sind viele Hundert Autoren und Autorinnen vereint, die er dahingehend untersuchte, ob sie autoritären oder freiheitlichen Bestrebungen folgten.

Dieser Denis Diderot, der sich von „jedem autoritären Vorurteil freigemacht“ zu haben schien erregte mein besonderes Interesse. An einem schönen Wintertag des ausklingenden Jahres 2017 schlenderte ich allein durch die Geburtsstadt Rockers, auf Wegen die er von seinem letzten Besuch in Mainz auch in seinen Memoiren beschreibt und dachte bei mir, ob es nicht eine gute Idee wäre, gerade heute mit diesem Diderot zu beginnen? Im kleinen aber feinen Antiquariat am Fischtor suchte ich Ausgaben von ihm. Beim Betreten des quadratischen Verkaufsraumes, der so übervoll an reichem Lesestoff aller Jahrhunderte ist, fielen mir tolle Ausgaben von E.T.A. Hoffmann ins Auge und auch von Hölderlin – von Diderot keine Spur. Ich fragte nach und der freundliche, ältere Herr, der dieses Antiquariat zum Leben erweckt und von einer glühenden inneren Liebe für Bücher erhellt wird und diese auch auf seine Besucher ausstrahlt, fand sich schnell zurecht in dem für mich überquellenden geistigen Reichtum seiner Wandregale. Er zog eine vierbändige Ausgabe Diderots Werke heraus – alles für mich unbekannt, aber ich freute mich schon jetzt, wie über den Fund eines großen Schatzes. Der Antiquar reduzierte für mich den Preis und verabschiedete seine Schützlinge in eine sauber aufgefaltete papierne Tüte. E.T.A. Hoffmann und Hölderlin begleiteten Diderot durch die kalte Luft, die den Mainzer Dom mit einem Hauch der Ewigkeit umwehte, über das Kopfsteinpflaster hinweg, in unsere Wohnung.

Man kann sich jetzt natürlich die feierliche Stimmung vorstellen, mit der ich die ersten Seiten ‚meines‘ Diderot begann. Zu dem Zweck bastelte ich mir noch einen Teelichthalter aus einem Einmachglas und dickem Kupferdraht – mit warmem diffusen Licht beleuchtete die Flamme nun das Werk, das ich in den kommenden Tagen in mich aufsaugen sollte.

In dieser fast heiligen Stimmung, in großer Erwartung auf die kommenden Einsichten kann man sich vorstellen, wie verdutzt ich war, als ich im ‚großen‘ Diderot von redenden Vaginas und Gnomen las, die auf Käuzen umherflogen…

Mangogul ist der Sultan vom Sultanat Congo. Er hat eine Verlobte, die Mirzosa heißt und „Favoritin“ genannt wird. Zunächst werden mehrere Generationen von Sultanen und ihr Ringen um Macht beschrieben. Diderot blickt auf die Machthaber erheiternd, ohne Demut und auch Mangogul ist kein eigentlicher Held sondern vielmehr eine Figur, wie wir sie aus „Life of Brian“ von der Kino-Leinwand her kennen. „Ach, was für ein guter Sultan er war! Nie lebte seinesgleichen, es sei denn in französischen Romanen.“ womit Diderot den Blick auf die Herrschenden als die großen Lenker der Gesellschaft als einen rein fiktiven entlarvt.
Der noch junge Sultan, vom höfischen Leben gelangweilt, sucht einen Geist um Rat an. Dieser heißt Cucufa und wird von Ratten, Fledermäusen und Käuzen begleitet. Er überreicht Mangogul einen Ring, mit dessen „Macht“ der Träger Vaginas zum Sprechen bringen kann.
Anhand immer neuer „Ringproben“ entwickelt sich der Roman weiter – zunächst ist er eine gekonnte Komödie, die sich schnell in ernste philosophische Diskussionen und Betrachtungen des Lebens, der Liebe und der ihr angeschlossenen Gefühlswelt verstrickt. Der Roman findet am Hof des Sultans statt, er entkleidet den Adel aller knechtischen Vorurteile, die sicher zu Diderots Zeiten eine starke Kraft durch alle unteren Klassen hindurch entfalteten und sich besonders durch Prüderie ausdrückten. In diesem Punkt empfinde ich „Die geschwätzigen Kleinode“ als höfisches Gegenstück zu Zolas proletarischen Betrachtungen sexueller Art in seinem „Germinal“.

Bei Diderot sind die Mächtigen weder treu noch von geistiger Klarheit beseelt. Ihr Unvermögen mit Eifersucht und entsprechenden Gefühlen umzugehen oder gar Auswege zu finden, gipfelt in Morden und selbstgewählter Verbannung. Immer wieder greift der Aufklärer Diderot dabei religiöse Kontexte auf, ohne diese auszuwalzen.

Im Roman treffen blinde Leidenschaften aufeinander und verwirren die Gemüter der Figuren und des Lesers. Begleitet wird diese sexuelle Tour de Force immer wieder von brillianten Gedanken zu allen möglichen Lebensbereichen, die von einem umfassend gebildeten Autor zeugen. „Mir wird ganz übel, wenn ich sehe, wie obskure Schreiberlinge, die nie einen Fürsten von nahem sahen, außer beim Einzug in die Hauptstadt oder bei einer anderen öffentlichen Zeremonie, sich anmaßen seine Geschichte zu schreiben.“
Dieser Gedanke zur Geschichtsschreibung hat bis heute seine Aktualität nicht verloren – noch immer blickt man ins Zeitschriftenregal in dem die Reichen und Herrschenden eben nur bei solchen Ereignissen abgelichtet werden und ihnen eine Art Heiligenschein der Macht von den Gazetten aufgesetzt wird, bzw. größte Verwirrung geheuchelt wird, sollte dem „Star“ doch einmal ein Fauxpas geschehen. Das Resultat ist Dummheit und Unterwürfigkeit in der Bevölkerung. Der Glaube an Halbgötter an den Schaltzentralen der Macht. Rocker erkannte, und ich bin nach der Lektüre auch dieser Meinung, dass Diderots „geschwätzige Kleinode“ sich auch gegen diesen Heiligenschein richten, der die Herrschenden umgibt, so lange die Beherrschten dies zulassen.

Diderot beschreibt den Sultan Kanoglou, der von „Fanatikern“ dazu gebracht wurde, seine Untertanen einem „Einheitsmuster“ zu unterwerfen, welches seiner Person glich. Vertreibungen waren die Folge. Man denkt automatisch an den politischen Rassismus der Kolonialzeit, des Faschismus und der Moderne, denen Diderot seherisch vorweggreift.

Auch an Rockers Schriften musste ich denken, bei der Lektüre von Diderot. Rocker ist Föderalist von ganzem Herzen und schreibt ständig von Zusammenhängen zwischen den Menschen. So hat ihn vielleicht folgender Satz tief beeindruckt?

„Ich denke wohl“ antwortete Bloculocus „sofern eure Hoheit in einem sehr einfachen Grundsatz mit mir übereinstimmt: daß nämlich alle Lebewesen untereinander durch unendlich viele Beziehungen […] verwandt sind […]“ Gerade solche Äußerungen sind es, die wahrscheinlich den Föderalisten in Rocker begeisterten, in dem sie ein kosmisches Netz von Beziehungen heraufbeschwören, von dessen Vorstellung der Föderalismus lebt.

Da das Buch von Diderot sexuelle Aspekte anspricht und hierin vor allem die weibliche Seite, musste ich mir auch eine Meinung darüber bilden, inwiefern diese seine Sicht eventuell von anderen Vorurteilen geprägt ist, oder diese gar befördert. Ich muss zum Schluss kommen, dass gerade die Figur der Mirzosa eine Verfechterin weiblicher Freiheitsrechte ist, die entgegen der Männer in dem Buch das Ansehen der Frau verteidigen. Das ist natürlich stark vereinfacht – denn auch Mirzosa ist nicht frei von höfischen Vorurteilen über das Sexualverhalten. Aber neben ihr gibt es noch einige andere Frauen, Trägerinnen „redseliger Kleinode“ die Seitensprünge und Liebschaften verteidigen und arrangierte Zwangsehen verurteilen. Ich persönlich bin daher der Meinung, dass man dieses Werk von Diderot einer frühen Form der feministischen Literatur zuordnen muss, vergleichbar mit den Werken des Aristophanes (bspw. „Lysistrata“).
Da es die Macht als sehr wohl in den irdischsten Gelüsten verstrickt entblößt, Frauen ihre sexuellen Wünsche mit Stolz verkünden lässt und auch sonst durchaus freiheitliche Vorstellungen verfolgt war das Werk nicht nur dem Lob ausgesetzt. Nationalspießer Ernst Moritz Arndt schrieb 1846 „Schweinerei“ und „Zoten“ darüber (FONTIUS).

„Die geschwätzigen Kleinode“ von Diderot ist ein vielschichtiges Werk, höfische Heuchelei entblößend und viele Fragen der Beziehungen zwischen Menschen anstoßend. Es ist von einem freiheitlichen Grundverständnis getragen und kann auch heute noch zu einem solchen beitragen. Es ist sehr erheiternd, zu Beginn fast Slap Stick und baut dann langsam immer weiter auf, indem es in immer tiefere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens vorstößt.

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