Linkssein ist keine Antwort – es gibt mehr im Leben

Die „Linke“ – das ist eine politische Einordnung, eine Partei und eine Subkultur. Sie hängt an der Person Karl Marx und seinen Werken, genauer, an der Sekundärliteratur zu dessen Werken. Es gibt dann noch Halbgötter im linken Olymp, das sind Lenin, Stalin, Trotzky, Mao und andere. Wieder weiter unten in der Hierarchie der linken, „kommunistischen“ Glaubenswelt stehen andere Vertreter, die bis heute eine gewisse gedankliche Kontinuität darstellen. Doch von was? Wofür stehen diese Linken eigentlich heute?Zunächst mal war mit dem Begriff „links“ zur Zeit der Französischen Revolution jene Fraktion in der Nationalversammlung gemeint, die links saß. Und diese Machtübernahme des Bürgertums, die die Große Französische Revolution erstickte, ließ auch das Parteienwesen und das Parlament in Europa erstarken. Schließlich entwickelte sich die deutsche Sozialdemokratie als revolutionäre Arbeiterbewegung im Untergrund. Es war die Zeit der Ersten Internationale, der eben jener Gott der Linken, Karl Marx, ein Bürgerlicher, flankiert von Friedrich Engels, angehörte. Er arbeitete für die Organisation der Internationalen und zwar im „Londoner Rat“. Hier wirkten Marx und Engels zugunsten des Parteienwesens und gegen alle anderen Richtungen des Sozialismus, an denen die Internationale gerade so reich war.
Schließlich bekamen die Führer Marx und Engels ihren Willen, weil die Arbeiterschaft ihre Führung duldete und der Sozialismus wurde zunächst auf ein schmales Parteiprogramm eingedampft. Sofort gab es jedoch Widerspruch von einer anderen Fraktion im Sozialismus, den Anarchisten, maßgeblich um Michael Bakunin. Sie forderten, die Vielfalt des Sozialismus zu erhalten und vor allem keine Zugeständnisse gegenüber der bürgerlichen Politik zu machen, die bereits Hand in Hand mit den Herrschenden gegen die Rechte der Arbeiter wirkte. Auch – und das ist der wichtigste Aspekt im Kampf zwischen Marx und Bakunin – sollte die Befreiung vom Kapitalismus und vom Staat das Werk der Unterdrückten sein, nicht von bürgerlichen Vertretern, denn ihre folgliche Inthronisierung wäre unumgänglich, so die „freiheitlichen“ Sozialisten, Anarchisten (und später auch so die Syndikalisten).

Und es kam dann mehrere Male so, wie Bakunin es an Marxen’s Theorie kritisiert hatte: Jede Revolution marxistischen Grundcharakters wurde zu einer Diktatur.

Damals waren die Kritiker Marxens eher aufgebracht wegen der irrigen Strategie, die Marx, der Anwaltssohn, fahren wollte. Später kam dann mit Rudolf Rocker ein Kritiker auf die Bildfläche, der das Werk Marxens innerlich auseinanderriss und dessen absolutistischen Gedankengängen bis zu den Philosophen des frühen Nationalismus nachspürte. Er fand heraus, dass die Revolutionen von unten, die durch eine Gruppe von Oben induziert waren oder „geleitet“ wurden, deshalb in die Reaktion, also ihr Gegenteil verfielen, weil nicht nur die Strategie, sondern der Geist dahinter schon absolutistische, unterdrückende Muster pflegte. Es gab zwar einen Aufstand mit viel Tam Tam, aber schließlich konnte sich doch wieder Herrschaft einer neuen Schichte durchsetzen und so wurde der Geist der Herrschaft des Menschen über den Menschen trotz Revolution weitergegeben. Man spricht von Kontinuitäten.

Rocker fand heraus, dass das unterdrückerische, autoritäre Denken in Marx von Hegel und anderen Vorläufern herrührte und durch Marx in den Sozialismus eingeführt wurde. Daher sein strategischer Dogmatismus.

Genauso wie Marx mit der dogmatischen Festlegung auf die Parteistrategie („Eroberung der Macht“) den Sozialismus in sein Gegenteil verkehrte, tun die Linken in ihrer Partei „Die Linke“ heute dasselbe – für diese Karrieristen ist die Partei ein Arbeitsplatz und wir Arbeiter sollen ihn bezahlen.

Weitere linke Bewegungen sind die Autonomen, die sich in den 90er Jahren aufgrund von inneren Widersprüchen zersetzt haben. Ihre Zerfallsprodukte, die sogenannten Anti-Imperialisten, Anti-Deutsche, vegane Tierbefreier, div. Antifagruppen und viele andere Splittergruppen mit noch abstruseren Zielen („autonome Rauschposition“, „Kosmische Okatve“, usw.) dümpeln heute in der Gesellschaft herum, ohne irgendwo verwurzelt zu sein oder nennenswerte konstruktive Leistungen vorzuweisen. Sie sind meistens links und sagen das ganz oft, aber sonst ist nicht viel gewesen.

Unter Ausblendung von einigen Schlaglichtern habe ich hier wiedergegeben, was Linke so sind und wie sie im Verhältnis zur Arbeiterklasse und deren Selbstorganisation stehen. Dabei ist es egal, ob Arbeiter glauben, sie wären Linke. Sie übernehmen mit den linken Strategien nur Strategien, die schon seit Marx, dem Gott der Linken, ihrer eigenen Befreiung diamteral gegenüber standen. Und deshalb gibt es heute, nach den Lehren aus der Geschichte (Französische, Russische und Spanische Revolution) keinen Grund mehr für Unterdrückte, links zu sein.

Genauso, wie die rechte Hälfte der Nationalversammlung ihnen nicht die Freiheit geschenkt hätte, tun es auch die Linken nicht. Heute sehen wir die rechten Vertreter bürgerlicher Herrschaft in Parteien und Gewerkschaften, genauso wie ihre linken Kollegen. Beide arbeiten einträchtig am Staat und seiner „ordnenden Funktion“ über unseren Willen hinweg.

Um linke Widersprüche zu entlarven und um dann den Kopf davon frei zu bekommen, ist es wichtig, sich ihre Stellungnahmen zu aktuellen Prozessen und ihr Denken anhand der geistigen Grundlagen vor Augen zu führen.

Um es nochmal ganz klar zu sagen: Es geht nicht darum ins rechte Lager zu schwenken, wenn ich die Linken kritisiere. Es geht darum, das Hoffen von Millionen zu erfüllen und endlich über das linke Denken hinaus beide scheinbar antagonistischen Lager hinter sich zu lassen. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen muss insgesamt abgeschafft werden, sonst bleiben wir Bevormundete, dazu verdammt auf Ewigkeit, von der einen Fraktion enttäuscht, in die andere zu verfallen, um das Spiel nach wenigen Legislaturperioden zu wiederholen!
Das selbe gilt für die Geschichte. Wer sie vergisst und sich nicht selber beibringt – nach der Schule/Arbeit/Studium muss man für sich lesen! – der ist dazu verdammt, sie ebenso zu wiederholen! Aus diesem Grund sind diesem Text immer wieder historische Beispiele angefügt, weil sie zeigen, wie Dinge gewirkt haben und dadurch nahelegen, wie sie in Zukunft wirken werden, ohne diese Zukunft aber eins zu eins vorher sagen zu können. Das können nur „wissenschaftliche Sozialisten“ 🙂

Zu dem Zweck der Demontage (Wer träumt in einer Klassengesellschaft von „Objektivität“?!) sehe ich mir das Video

„Der Rote Tisch – 30 Minuten mit Susan Bonath (Klassenpolitik)“ 03.01.2018

an. Es stammt aus dem Format „Der rote Tisch“ (toller, einfallsreicher Titel! Haha) und wird von Pedram Shahyar moderiert. Er arbeitete bei dem links-diffusen Netzwerk „Attac“ und lehrte laut „taz“ an der Uni über einen der Lieblingsintellektuellen vieler Linker (Foucault).
Pedram Shahyar interviewt Susan Bonath. Von Susan Bonath habe ich viele gute Artikel gelesen, zum Beispiel auf der Plattform, auf der auch das vorliegende Format Raum findet: „KenFM“. Hier schrieb sie parteinehmend für die Lohnabhängigen Stellungnahmen zum Tagesgeschehen. Sie ist eine der wenigen Autoren auf „KenFM“, die ein starkes Bewusstsein für die Spaltung der Gesellschaft in soziale Klassen haben und die in Analysen sauber trennen, zwischen Herrschenden und Beherrschten. Bis dahin.
Danach aber verfällt sie in alte Muster: Denn da Marx und die auf ihn folgenden (geistigen) Führer der Linken ihnen keine nennenswerten originellen Ideen mitgegeben haben, die nicht aus dem Bürgertum abgekupfert wären, wie man eine andere, bessere, freiere Welt strukturieren könnte, sind sie dazu gezwungen, die (heutigen) existierenden bürgerlichen Einrichtungen zu übernehmen. Die Vorväter der Linken haben es vorgemacht: Sie haben die Staats- und Machtpolitik als legitimes Mittel zur Befreiung anerkannt und haben damit dem Bürgertum und seinem Machtstreben Kontinuität verliehen. In den bolschewistischen Revolutionen folgten daher auf ein kaiserliches Oberhaupt viele „rote“ Oberhäupter.
Und heute ist es auch so: Da die wirtschaftlichen Vorstellungen einer emanzipierten Welt eher von Anarchisten und vor allem Syndikalisten stammen, bleibt man nur dann links, wenn man eben auf das linke Nichtvorhandensein von Zukunftsideen zurückgreift.

Das Interview wirkt insgesamt sehr zerfahren. Ich habe eine Abschrift anfertigen müssen, um es sinnvoll gliedern zu können.

In den ersten elf Minuten Laufzeit sprechen Pedram Shayahr und Susan Bonath zuerst über Klassenkampf von Oben und schwenken dann schnell zur Klassenzugehörigkeit und was diese ihrer Meinung nach ausmacht. Dabei fällt auf, dass sie strikt nach ökonomischen Gesichtspunkten vorgehen und grobe, pauschale Kategorien aufmachen. Sie verstricken sich andererseits in Widersprüche zu spezifischen Berufsbildern, wobei sie sich in dieser Beziehung über Lohnfragen nicht einig sind. Gehört der Polizist nun zur Arbeiterklasse, weil er weniger verdiene als der „Facharbeiter in der Automobilindustrie“? Oder doch zur „Bürokratischen Klasse“? Bewusstsein und Willen spielen keine Rolle in dieser rein ökonomischen Sichtweise, die orthodox marxistisch anmutet und für die Praxis keine besondere Tauglichkeit aufweist.

Wenn man über Klassenzugehörigkeit spricht, wäre es interessant gewesen den Lebenslauf von Bonath zu erfahren, wie sie in ihre Klasse hineingewachsen ist. Auch Shayahr spart damit, sich irgendwo einzuordnen. Das wirkt so, als gelte das, was für sie beide unwichtig scheint, für den Rest der Gesellschaft und das muss sofort unauthentisch auf den Betrachter wirken.

Es handelt sich um eine abstrakte, pseudo-objektive Sichtweise auf das Modell der heutigen Klassengesellschaft mit Mitteln der Vergangenheit. Weil persönliche Standpunkte im Erklärungsversuch keine Rolle spielen, sondern immer nur von pauschalen, abstrakten Größen geredet wird, die dazu noch sehr fraglich sind („Facharbeiter“, „Arbeitgeber“, „Stammbelegschaft“, usw.), entsteht keine Verbindung zu dem Leben des Zuschauers.

Es folgt ein weiterer Sinnabschnitt über Klassenkampf. Hierin erläutert Bonath jene Formen des Klassenkampfes von Unten, die ihrer Meinung nach heute angewendet werden. Dazu zählt sie „Warnstreiks“ von „lahmen Gewerkschaften“, „Pause überziehen“ und Widerspruch gegen Anweisungen. Sie nennt persönliche Maßnahmen „kleiner Klassenkampf“. „Den Streik“ bezeichnet sie als höchste „Form des Klassenkampfes“. Auffällig ist dabei, dass der Klassenkampf Selbstzweck zu sein scheint, denn ein wirkliches Ziel, wie die Aufhebung der Klassengesellschaft durch den Aufbau einer föderalistischen Gesellschaft, wird nicht erwähnt.

Shayahr fügt an, dass die „Digitalisierung“ drohe, die Arbeiter überflüssig zu machen. Ein solches Bild von der Wirtschaft ist wirr, vielleicht schließt es Kinder in Bangladesch mit ein, die in Gleitzeit und Home-Office Nike-T-Shirts mit dem 3D-Drucker produzieren… hier wird der technische Fortschritt unreflektiert pauschalisiert. Es wirkt so, als wenn Shayahr soziologische Probleme mit einer gewissen Mechanik zu lösen versuche. Bonath fügt die wichtige Differenzierung an, dass Rationalisierung und Automation nicht klassen-neutral sind, sondern dass der Unternehmer damit die Löhne drücke und dadurch die Maschine vom Helfer zur Bedrohung gemacht werde. Sie persönlich freue sich über die Waschmaschine, die ihr Leben erleichtern würde.

Bonath folgert aus der missbräuchlich genutzten Technik, dass die ganze Wirtschaft aus „privater“ Hand gelöst und „irgendwie gesellschaftlich verwaltet“ werden müsse. Diese Aufgabe soll „Räten“ oder „Kommunen“ zukommen. Dieser zentrale Punkt ist zu wichtig, als dass er mit diesen knappen Bemerkungen abgearbeitet werden könnte. Klar wird dadurch nur wieder, dass der Marxismus und die ihm hörige Linke keine Vorschläge für die Zukunft bieten, außer vielleicht das gebetsmühlenartige Gefasel von der „Entwicklung der Produktivkräfte“.

Diese Armut macht ihn für die Praxis untauglich. Der Einzelne wird durch Marx nicht inspiriert, selbstständig zu denken und zu handeln.

Das in dem Interview durchscheinende linke Denken beweist das:

1 „Es gibt niemanden der mal sagt ‚Leute wir müssen uns hier mal zusammen tun’“ (Bonath, 17:25)

Wer soll das auch sagen, wenn nicht sie selbst? Der Einzelne Mensch scheint keine wirkliche Rolle zu spielen, der Blick richtet sich zu „dem Einen“, einer nebulösen Autorität. Statt selber aktiv zu werden und sich selbst und andere wert zu schätzen, scheint sehnsüchtig Marxens Rückkehr als Erlöser erwartet zu werden.

2 „Wenn keiner den Leuten das beibringt“ (es ging um Klassenbewusstsein, Anm. d. Verf.) (Bonath, 18:46)

Bewusstsein kann sich entwickeln, wenn der kulturelle Stand einer Bewegung und der Freiraum des Einzelnen groß genug sind. Aber Bewusstsein ist eine innere Angelegenheit und kann nicht von außen „beigebracht“ oder dekretiert werden. Shayahrs etwas irritierte Frage, ob Bonath zum „Sozialismus erziehen will“ verneint sie daraufhin zwar, andere Ausblicke auf das Problem bleiben aber aus.

3 „Es gibt ja auch keine Alternative“ (innerhalb der Parteien, Anm. d. Verf.) (Bonath, 20:20)

Die Alternative zum Warten auf die „höheren Mächte“, in diesem Fall die Parteien, ist, selbst aktiv zu werden und eine gesellschaftliche Ordnung anzustreben, die diese Selbstorganisation als Grundlage hat, nicht mehr die verzerrte Vertreterversion unseres eigenen Lebens.

4 „mir fällt auch keine Organisation ein, die das Potenzial hat, die Leute zusammenzubringen“ (Bonath, 26:35)

Shayahr und Bonath appellieren immer wieder an „Größe“ und „Menge“. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass der Einzelne in ihrem Denken keine Rolle spielt, denn in den pauschalen Kollektivbegriffen, die sie verwenden, wird die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft nivelliert. Ich und mein Leben sind ihnen nicht bewusst. Deshalb finde ich bei denen nichts für mich.
Der Effekt auf ihr Selbstbewusstsein (!) ist auch in dieser Äußerung sichtbar: Es fällt keine Organisation vom Himmel, dann bleibt nur, dass man selbst eine gründet… auf diese naheliegendste Idee kommen die Gesprächspartner aus ihrem linken Denken heraus nicht. Weiterhin steht das Hoffen auf eine Autorität, ein gewisser Fatalismus, im Hintergrund, der die Initiative lähmt und am Ende untätig macht.

Der Schlüssel zur Lösung des linken Dilemmas ist der geweitete Blick auf die Geschichte.

Mit dem Anarcho-Syndikalismus hat es bereits eine breit aufgefächerte Arbeiter-Bewegung gegeben, die die Gesellschaft aus sich heraus revolutionierte. Bis das Bürgertum in Form des „demokratischen“ Staates, Faschismus und Bolschewismus dieser Bewegung gewaltsam ein Ende setzte.

Der Syndikalismus, wie diese Bewegung im deutschen Sprachraum genannt wird, hat klare Vorstellungen von einer Bedarfswirtschaft, wie diese zu strukturieren ist und wer sie verwalten soll. Es handelt sich um anarchische Selbstorganisation, die auch die Betriebsstruktur betrifft: Herrschaft (von Bonath und Shayahr überhaupt nicht berührt!) findet in unserem Leben an den gewöhnlichsten Orten statt. Es ist nicht erst der weit entfernte Bundestag, der uns gängelt, sondern unser Leben wird bereits von durch das System geweckten gegenteiligen wirtschaftlichen Interessen aufgewiegelt. Vermieter verlangen Geld für Wohnraum. Wie wichtig ist denn Wohnraum? Eine Lebensgrundlage. Wir müssen zahlen für Dinge, die die Menschen so nötig haben, wie Luft und Wasser… Unternehmer verlangen Geld dafür, dass wir für sie arbeiten. Man nennt das Lohnarbeit und verdreht dabei den Geber und Nehmer.

Folglich zielt eine befreiende Bewegung nicht nach Oben, wie die Linken glauben. Eine befreiende Bewegung setzt beim Einzelnen an, um die Gesellschaft zu verändern. Nicht abstrakte Kollektivbegriffe werden zum Politikum, an denen der Einzelne nichts ändern kann, außer er säße an den Schalthebeln der Macht, sondern der Alltag der Menschen.

Kapitalismus und Herrschaft finden alltäglich statt, zum Beispiel auf dem Arbeitsplatz, oder jedesmal, wenn wir Abgaben zahlen müssen, weil jemand anderem „Eigentum gehört“, was eigentlich unser Bedarf wäre, während dessen Bedarf reichlich gedeckt ist (Beispiel Vermieter mit zwei Häusern, Fabrikbesitzer mit Maschinenhallen, Airline-Eigentümer mit zig Flugzeugen, Milliardär mit einem Fuhrpark für sich allein usw.). Grundsätzlich erkennt Bonath diese Alltäglichkeit des Kapitalismus durchaus, etwa wenn sie die verlängerte Pause des Arbeiters als Klassenkampf bezeichnet. Doch ihre allgemeine Ziellosigkeit durch das Linkssein verwischt diese Erkenntnis und kommt nicht über oberflächliche Analysen hinaus.

Dem setzt der Anarcho-Syndikalismus die Selbstorganisation entgegen. Statt wie heute unter Eigentümern zu buckeln, die uns den Lohn und jeden Handgriff (ob gefährlich oder sinnlos) diktieren, bauen die Arbeiter Kollektivbetriebe ohne herrschaftliche Hierarchie und auf der Basis von Gemeinbesitz auf – Der Gedanke der Allmende aus dem Mittelalter auf die modernen Betriebe bezogen. In Kollektivbetrieben „erziehen“ sich Menschen durch die Kooperation im Alltag. Das ist ganz normal und zwanglos. Wer Verantwortung lernt, weil kein Chef da ist, auf den er sie abschieben könnte, profitiert davon in allen Lebensbereichen. Die heutige Depression, die sich bei Millionen Menschen durch ihre wirtschaftliche und politische Unmündigkeit einstellt, können wir lösen, in dem wir in Kollektivbetrieben einen anderen Alltag leben, wo das eigene Wort und die eigenen Ideen nicht nur erwünscht, sondern lebensnotwendig sind. Hierin findet der Mensch eine ganz andere Lebensgrundlage, denn er sieht sich nicht mehr höheren Mächten ausgeliefert, sondern teilt mit anderen eine solidarische Beziehung. Das schafft durch die Praxis ein Bewusstsein, welches den Menschen ganz anschaulich vor Augen führt, dass Konkurrenz und Druck, Eigentum und Herrschaft nur Stressfaktoren eines überlebten Systems waren, das auf der Ausbeutung des Menschen und die Herrschaft des Menschen über den Menschen basierte.

Flankiert wird die eben erwähnte Kollektivbetriebsbewegung von einer ebenso gestalteten Gewerkschaftsbewegung. Nicht mehr der schwerfällige, autoritäre, zentralistische Gewerkschaftsapparat, der über seine Spitze kontrolliert werden kann, soll weiter gezüchtet werden, sondern eine Gewerkschaft von Unten soll entstehen, in der Entscheidungen unter den Arbeitern selbst fallen. Zu diesem Zweck hat der Syndikalismus zahlreiche Angebote gemacht, die meisten sind realitätserprobt und haben eine internationale Geschichte (siehe dazu die unten angeführte Literatur). Wenn Susan Bonath richtig erklärt, dass sie NACH der Arbeit erledigt ist und sich keinen großen Kämpfen mehr widmen kann, dann spricht sie von politischen Kämpfen, an denen sich die sozialen, linken Bewegungen der letzten Jahrzehnte abgearbeitet haben. Stattdessen bietet der Syndikalismus den Kampf WÄHREND der Arbeit an – denn schließlich ist die Verwertung des Menschen in der Lohnarbeit das erste, dem er widersprechen muss, damit sich was ändert. Nicht die politischen Priester, die von unseren Abgaben leben, müssen das tun. Nur wir selbst.

Kulturzentren können eine weitere Ergänzung zur Arbeit in Kollektivbetrieben und dem revolutionären Gewerkschaftswesen darstellen. In ihnen können weitere Fragen des Alltags behandelt werden – sie können als Sprachrohr in die Gesellschaft dienen und Abende der Geselligkeit können die Nachbarschaft oder das Stadtviertel einander näherbringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Zentralismus die Menschen vereinzelt, die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört, die wir im Rückkehrschluss neu aufbauen müssen, um das Netz der Gesellschaft zu stabiliseren und Vertrauen untereinander herzustellen. Auch in diesem Punkt ist Susan Bonath nicht blind, aber auch nicht lösungsorientiert oder zeitgemäß. À la „links“ und „spontan“ spricht sie davon, andere anzusprechen und „mitzunehmen“… wohin? In die Parteizentrale? Das linke Denken liefert ihr keine praktische, konstruktive Antwort auf diese Frage.

Ein letztes Angebot des Anarcho-Syndikalismus besteht in einem seiner modernen Zweige: Der Forschung. Seine Grundaufgabe besteht darin den kulturellen und sozialen Fortschritt von unnötigen Fesseln zu lösen und seine Errungenschaften allen zur Verfügung zu stellen. Dazu gehört auch das Aufbrechen der verkalkten Strukturen der bürgerlichen Bologna-Universitäten und ihrer herrschaftlichen Apparate. Intellektuelle und Eliten sollen nicht mehr über Bildung und Forschung schalten und walten, sondern Forschung und Bildung kann jeder und jede selber machen! In anarcho-syndikalistischen Bildungs- und Forschungsinitiativen durch die Forschenden selbst kann sich die Bevölkerung – nicht nur Studenten, auch Arbeiter! – die Geschichte aneignen und daraus lernen. Widersprüche zwischen Betrieb und Forschung sollen aufgelöst werden. Aber auch alle anderen gesellschaftlichen Belange sind selbstorganisiert erforschbar und ergründbar. Ein Beispiel stellt das Institut für Syndikalismusforschung dar, in dem die Geschichte der syndikalistischen Arbeiterbewegung eng an den Bedürfnissen der modernen Bewegung erforscht und bereitgestellt wird. Ohne Gelder von Stiftungen und ohne, dass wir auf den Befehl einer Autorität warten, haben wir aus freien Stücken losgelegt, den Verzerrungen durch die Geschichtsschreibung aus Herrschendenperspektive entgegenzuwirken und unsere eigene Geschichte zu schreiben. Sicherlich weckt auch dies einen Erkenntnisprozess im Einzelnen, der wiederum zu dessen Bewusstsein und Wahrnehmung beiträgt.

Aus solchen Bestrebungen der Föderalisierung der Gesellschaft erwächst ein Netz aus Beziehungen zwischen den Menschen, deren Bedürfnisse wieder im Alltag integriert sind. Die Bedürfnisse müssen nicht mehr „durch Gesetze garantiert“ werden, sondern sind fester Bestandteil täglichen Lebens.
Während dieses Netz wächst, gestalten sich Organisationen des Bedarfs, nicht der Herrschaft. Wenn bspw. die Verteilung der Güter ansteht, bilden sich Arbeiterbörsen, die die Verteilung lokal verwalten. Da alle an einer gerechten Verteilung interessiert sind, sobald es kein Eigentum mehr gibt, stabilisiert sich die Wirtschaft über die Achse aus Solidarität, Freien Verträgen und Kooperation zum Wohl aller.
Zu solchen Organisationen gehören die Arbeiterbörsen. Sie treten mit der Logistik in Kontakt und organisieren die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Da sie lokal agieren und sich global vernetzen ist der Warenaustausch und der Warentransport keine Frage mehr von Schutzzöllen und gesetzlicher Verknappung, wirtschaftlicher Kriegsführung und Dünkel von Mutlimilliardären, sondern Frage des Bedarfs der Beteiligten. Technisch sind wir bereits heute in der Lage dazu. Die Herrschenden wollen nur nicht auf ihre Machtposition verzichten und halten den bereits existierenden Fortschritt zurück, hier mit Religion, dort mit Gesetzen – immer aber mit der Gläubigkeit der Beherrschten.

Ein solches soziales Netz bildet die Basis für die Gesellschaft und macht die Riesenapparate der Nationalstaaten mit ihren uns über die Köpfe wachsenden Heeren und Bürokratien überflüssig.

All dies passiert schon und beginnt, und niemand würde auch nur eine Sekunde daran verschwenden, nach dem zu suchen, der ihm / ihr sagt, er / sie solle sich endlich in jene Organisation einfinden oder jene Partei wählen. All das ist Hinhaltetaktik, die die Veränderung, die wir selber sind, nur hinauszögern kann. Shayahr und Bonath kommen im Interview zu dem Schluss, dass es gerade nicht so aussieht, wie Marx es vorhersah – doch an ihrer Initiativ- und Ideenlosigkeit, ihrem Unwillen, folgerichtig mit Marx zu brechen und neue Wege zu gehen, sehe ich, dass sie dafür nicht Marx die Schuld geben, sondern der Realität… Der Anarcho-Syndikalismus gibt Menschen wie ihnen die Möglichkeit, sich von dieser geistigen Stagnation zu lösen. Sie selbst sind keine schlechten Menschen. Ich schätze, sie haben nur irgendwann aufgehört die Augen offen zu halten, weil sie eine metaphysische Dialektik in den Bann zog und ihr eigenständiges Denken und Handeln unterdrückt hat.

Zum Weiterlesen und Bereichern des eigenen Weltbildes will ich hier noch ein paar Sachen empfehlen.

Literaturtipps zum Anarcho-Syndikalismus:

 

 

 

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