Alltagsmüll, angespült an der Küste des Neuen Jahres

Als Alltagsmüll kann man jene Belastungen begreifen, die aus den Umständen des Herrschaftsystems erwachsen und uns jeden Tag aufs Neue stören. Fernsehen verzerrt die Wahrnehmung, entrückt unsere Emotionen zu einer Pose. Gazetten lenken unsere Aufmerksamkeit von uns und unseren Bedürfnissen weg und stabilisieren damit die politische Unmündigkeit. Musik hat aufgehört geteilte Kultur zu sein und ist Business geworden. Einst als Mittel zur Geselligkeit genutzt, ist es heute im kapitalisierten Zustand, ein Mittel der Isolation und Verdummung, durch vom Leben und vom tatsächlichen Alltag entkoppelte Texte.

„Spiegel Online“ ist die Webausgabe vom Magazin „Der Spiegel“, welches seit 1947 erscheint. Es ist nach eigener Aussage ein „Nachrichtenmagazin“. Die Onlineausgabe wird von einer anderen Redaktion betrieben und existiert seit 1994. „Der Spiegel“ begegnet einem an allen Kiosken, Supermärkten, Wartezimmern. „Spiegel Online“ wird bei Google empfohlen, im Smartphone empfohlen und bei Youtube empfohlen. „Er gehört damit zu den am weitesten verbreiteten und am häufigsten gelesenen Kaufzeitschriften Deutschlands“.

Es folgt ein Blick auf das, was dem Leser im „Spiegel Online“ entgegenschlägt und welches Menschenbild damit transportiert wird:

Exemplarisch soll der aktuelle Artikel „Warum es so schwer fällt, sich zu ändern“ vom 01.01.2018 dafür herhalten. Er wurde von Henning Engeln verfasst.

Zunächst fällt einmal auf, dass „sich ändern“ ja erstmal alles heißen kann – ändern, wandeln, verändern – all das sind Wörter, die elementare Eigenschaften des Lebens beschreiben. Das Leben zeichnet sich gerade durch Wandel und Änderungen aus, die jederzeit und überall geschehen können. Immer dann, wenn sich der Mensch dagegen stellt, diese Veränderungen zuzulassen, bspw. in Beziehung zu anderen Menschen, entstehen Konflikte – man kann sagen, mit dem Leben an sich. Wer beispielsweise sein Kind bemuttert, wenn es das braucht, handelt richtig und lebensbejahend. Wer dies immer noch macht, wenn das Kind kein Kind mehr ist, ohne akzeptieren zu wollen, dass sich was ändern müsste, wird Probleme ernten. Man kann überall sehen, wie strikte Strukturen, monokausales Denken und Dogmatismus – gerade ein „nicht-ändern“ – zu Problemen führen, im Widerspruch zum Leben stehen.

Wenn es „uns“ also „schwer fällt“ etwas oder uns zu „ändern“, dann scheinen wir in der momentanen Art, wie wir leben ein großes Probem mit dem Leben selbst zu haben.

„Jedes Jahr, wenn um Mitternacht die Sektkorken knallen und Silvesterraketen ihre feurigen Spuren in den Himmel schreiben, nehmen wir es uns vor: mit dem Rauchen aufhören etwa, abnehmen, geselliger sein, die Steuererklärung endlich rechtzeitig einreichen, alte Freunde mal wieder anrufen, pünktlicher werden, dem Chef energischer Paroli bieten oder das Leben einfach lockerer nehmen.

Doch meistens sind die guten Neujahrsvorsätze bald verflogen, weil die Wirklichkeit irgendwie anders ist. Seltsamerweise haben wir überhaupt kein Problem damit, an unserem Charakter etwas zu bemängeln, tun uns jedoch äußerst schwer damit, ihn zu ändern.

Sind wir nicht der Homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch, der über sich selbst reflektieren kann und einen freien Willen hat? Da sollte es doch leicht sein, sich selbst mit diesem geistigen Rüstzeug neu zu erfinden.“

Im ersten Teil fällt auf, dass der Blick auf das Problem allein auf dem Menschen, der die Änderung anstrebte, fokussiert. Es wird sogar hinterfragt, ob er einen „eigenen Willen“ habe – was auch immer das bei Gesellschaftstieren wie uns heißen mag, aber da dieser „eigene“ Wille dem Bürgertum in Gesetzestexten und Erklärungen politischer Art immens wichtig zu sein scheint, scheint auch hier eine grundsätzliche Debatte angestoßen. Es scheint so.

Denn die Debatte ist nur in sofern als grundsätzlich zu betrachten, als dass sie philosophische Akrobatenstücke allein betrifft. „Wie“ der Mensch lebt, dessen Versuch der Änderung fehlschlägt, scheint mit dem reichlich ungenauen Wort „Wirklichkeit“ zur Genüge beschrieben.

„In Wahrheit aber fällt das schwer, und den Gründen dafür sind Mediziner, Psychologen und Biologen inzwischen auf der Spur. Sie haben viel darüber herausgefunden, wie sich die Persönlichkeit entwickelt, welche genetischen, vorgeburtlichen und sozialen Einflüsse sie prägen und wie sich all das auf Biochemie und Verdrahtung unseres Gehirns auswirkt. Die Forscher versuchen den Spielraum für Veränderungen auszuloten und zu erklären, weshalb wir so unterschiedlich sind.“

Dieser Abschnitt deutet daraufhin, dass im Falle eines soziologischen und wirtschaftlichen Problems mit den Mitteln der Biologie und Chemie der verschwiegene gesellschaftliche Lebensumstand gerechtfertigt wird, indem ein Mensch zum Versuchsobjekt wird, der eben in jenem gesellschaftlichen Heute lebt. Inwiefern der Einfluss der heutigen Lebensweise auf eben jene Frage ausschlaggebend ist, scheint nicht hinterfragt zu werden. Es klingt so, als ob man die gesellschaftlichen Umstände nicht betrachten müsse, da sie ja sowieso „alternativlos“ sind. Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie sich politischer und wirtschaftlicher Fatalismus in solchen zunächst als „objektiv“ und „frei“ angenommenen Lebensbereichen, wie der Wissenschaft niederschlagen.

Botenstoffe im Gehirn

Ein erheblicher Teil unserer Persönlichkeit, so haben Genforscher ermittelt, wird von unserem Erbgut diktiert. Studien an Zwillingen und Adoptivkindern ergaben, dass offenbar rund 50 Prozent der Persönlichkeitsfacetten auf das Konto der Gene gehen.

Nur von einigen dieser Erbfaktoren ist bislang bekannt, wie sie genau einzelne Charakterzüge beeinflussen und zu den Unterschieden zwischen den Menschen beitragen. Es sind vor allem solche Gene, die Botenstoffe des Gehirns und Hormone regulieren: Noradrenalin, Dopamin, Serotonin sowie Oxytocin etwa. Diese Stoffe beeinflussen, wie motiviert, empathisch, ängstlich und sozial wir sind.

Eines der Gene etwa sorgt dafür, dass im Gehirn frei gesetztes Serotonin wieder verschwindet. Doch bei einer Variante dieses Gens funktioniert das nicht so gut und der Botenstoff wirkt bei den betreffenden Menschen länger als bei anderen. Die Folge: Wer diese Genvariante von seinen Eltern mitbekommen hat, neigt eher zur Passivität, ist ängstlicher, schneller reizbar und stressempfindlicher als andere.

Doch nicht nur das Erbgut, auch andere Faktoren beeinflussen unsere spätere Persönlichkeit noch bevor wir geboren werden. Einer davon ist Stress, dem die werdende Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt ist. Ausgeschüttete Stresshormone wie Kortisol prägen das Gehirn des Ungeborenen nachhaltig. Solche Kinder werden später impulsiver, vermögen ihre Handlungen nicht so sinnvoll zu planen und haben häufiger emotionale Probleme.“

Hier schwingt der moderne Fatalismus der Gentechnik mit. Durch das Aufkommen einer neuen Wissenschaft und ihrer Erkenntnisse verfällt man schnell in Monokausalität zum Einen, zum anderen hat die „Vorbestimmung“ gewisse Vorteile, wenn man in der Lage ist, zu gestalten wie diese Vorbestimmung aussieht. Im US-amerikanischen Gefängnissystem stehen wirtschaftliche Faktoren im Mittelpunkt und führen zu 2,2 Millionen Gefangenen, von denen ein Großteil vor allem Arbeitskraft ist. Diese Gefängnisindustrie muss gerechtfertigt werden und da kam es in der Vergangenheit zu Versuchen, Diskussionen und Veränderungen aus dem Weg zu gehen, indem die Herrschenden Gesetzesbruch als genetisch bedingt ansahen…
Der wissenschaftliche Fatalismus des Erbgutes, der an die Rassismuseskalationen der weltweiten Eugenik erinnert, funktioniert wie der religiöse Fatalismus „So Gott will!“, „Inschallah!“ – und hält den Geist des Gläubigen in Ketten, trübt sein Selbstwertgefühl und lähmt seine Initiative. Besonders vorteilhaft immer für jene, die diese Wirkung durchschauten und sich dieses Denken zur Stabilisierung ihrer sehr irdischen Macht zunutze machten.

Der Autor beschreibt zwar keine gänzliche Abhängigkeit von der genetischen Vorsehung, aber auch der nächste Faktor, der Vorgeburtliche Einfluss durch das Stresslevel der Mutter, ist interessanterweise ein Faktor gegen den der Einzelne nichts machen kann. Ich sage interessanterweise, weil sich dadurch eine frappante Parallele zum Wirtschaftssystem ergibt: Wer kann schon im Betrieb, für den er arbeitet wirklich etwas ändern? Wer bedeutet im politischen System der Bundesrepublik oder unter Herrschaft allgemein, überhaupt irgendetwas? Ähnlich wie die Stellung als Untergebene der Macht, scheinen wir im Leben „auf ganz natürliche Weise“ ohnmächtig und vorbestimmt „dem Lauf der Dinge“ folgen zu müssen.

„Einfluss der Pubertät

Die Entwicklung im Mutterleib und die Gene machen den Löwenanteil an der späteren Persönlichkeit eines Menschen aus. Nach der Geburt hängt in den ersten Jahren vieles davon ab, wie liebevoll sich die Mutter oder andere Bezugspersonen kümmern und welche sozialen Erfahrungen der neue Erdenbürger macht. Den Feinschliff schließlich besorgen Erlebnisse im späteren Kindesalter und in der Pubertät; sie formen rund 20 Prozent der Persönlichkeit.

So schälen sich die Facetten unseres Charakters bereits in der frühen Kindheit heraus, werden vor allem während der Pubertät nochmals variiert, um sich dann im weiteren Verlauf des Lebens zu verfestigen. Im Alter zwischen 30 und 60 Jahren bleiben die Persönlichkeitsmerkmale recht stabil. Danach ändern sie sich zum Teil wieder ein wenig. So sind viele Senioren weniger offen für neue Erfahrungen als sie es vorher waren, dafür sozial verträglicher.

Doch auch, wenn sich Eigenschaften im Lauf des Lebens etwas modifizieren, so bleiben die Menschen ihrem grundsätzlichen Charakter fast immer treu. Am ehesten sind es dramatische äußere Auslöser, die einen Wandel der Persönlichkeit anstoßen: Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes, schwere Krankheit oder erlebte Katastrophen gehören dazu. Doch davon abgesehen, so schreibt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Buch „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten“, halten sich die Möglichkeiten, das eigene Leben zu ändern, in engen Grenzen.“

Zu diesem Textabschnitt muss ich teilweise schmunzeln… denn gerade jene Phasen des jugendlichen Lebens sind großen Wandlungen unterworfen, die sich einfach bahnbrechen. Mutti Merkel wird noch nicht von unseren Drüsen und Hormonen gefragt, ob sie denn jetzt aktiv werden dürfen. In der ungestümen Jugend, dem Germinal unseres Lebens, in dem unsere Lebensumstände wesentlich ungezwungener sind als später unter der Lohnknechtschaft wird seltsamerweise viel mit uns geschehen und auch Änderungen treten ein, bzw. scheinen herbeigeführt werden zu können.
Dann – zwischen 30 und 60 Jahren, genau jenes Alter der absoluten Lohnknechtschaft, indem das Selbst des Einzelnen vollständig seines Fokus entrückt ist und das Koma des „Geldverdienens“ ansteht, genau in jenem Zeitraum beschreibt der Artikel Konstanten… wohlgemerkt nicht weiter hinterfragte Konstanten. „Das Ende der Geschichte“, „Alternativlosigkeit“.

Auch interessant ist die Prozentangabe im Hinblick auf eine soziologisch-psychologische Größe, wie den „Charakter“ – sicherlich auch ein Kulturbegriff. Ihn mit mathematischer Schematik greifen zu wollen, ignoriert mehr, als dass es erfasst. Es erinnert etwas an jene „Wisenschaftlichkeit“ mit der es K-Grüppler „immer“ siegreich aus Diskussionen schafften…

Erfolgskonzept der Natur

Angesichts all der vielen Größen, die unser Gehirn und Verhalten beeinflussen – Gene, Botenstoffe, neuronale Verschaltungen, soziale Prägung – ist das auch kein Wunder. Menschen sind eben verschieden; die einen sind groß, die anderen klein, die einen haben blaue Augen, die anderen braune und das ist bei den Persönlichkeitsmerkmalen nicht anders. Evolutionsbiologen sehen in dieser Vielfalt sogar einen Vorteil, ja ein Kalkül der Natur.

Denn Unterschiede zwischen Individuen sind – das wissen die Biologen seit Darwin – das Material, das es Arten ermöglicht, sich an neue oder wandelnde Umwelten anzupassen. Das Erfolgskonzept der Natur lautet: Je größer die Vielfalt, desto besser werden Lebewesen damit fertig, wenn sich ihre Welt verändert. Und das gilt nicht nur für körperliche Merkmale, sondern ebenso für Verhaltensweisen. In diesem Licht betrachtet, haben alle Persönlichkeitseigenschaften – je nach Umgebung oder Situation – ihre Vor- und Nachteile.

Sehr gesellige, aktive, spontane – extravertierte – Menschen etwa bilden große soziale Netzwerke aus und haben mehr Sexualpartner. Doch auf der anderen Seite neigen sie zu riskanten Unternehmungen oder kümmern sich nicht genug um ihre Familie.

Wer häufig besorgt, ängstlich und angespannt ist, scheint auf den ersten Blick einen Nachteil zu haben, doch in einer Welt voller Gefahren sind es gerade diese Menschen, die dank ihrer Ängste schneller als andere bemerken, wenn es brenzlig wird und sich aufgrund ihrer Befürchtungen dagegen wappnen. Besonders Gewissenhafte schließlich machen zwar alles ganz genau, neigen aber dazu, zu erstarren und nicht mehr flexibel zu sein.“

Vielfalt der Natur zuzuschreiben finde ich gut, denn es legt Vielfalt dem Leben nahe und damit bin ich einverstanden. Dogma und Engstirnigkeit sind letztendlich Verweigerung und Flucht vor dem Leben selbst.
Umso weniger kann ich verstehen, warum sich ein wissenschaftlicher Journalist danach noch der pauschalisierenden Typologie angelehnt an C. G. Jung widmet… ist das kein Widerspruch? Sind dann nicht die Charaktere ebenso individuell?

In diesem Teil schimmert wieder die Abhängigkeit des Menschen von „höheren Mächten“ durch, hier wird „Natur“ als solche begriffen. Der eigene Wille tritt bis auf die Frage am Artikelanfang gar nicht auf. Der Aspekt der sozialen Prägung hätte noch Potenzial, ausgeformt zu werden, aber er bezieht sich bis jetzt nur auf die Beziehung zur Mutter und das nur bis zur Pubertät. Arbeitsplatzverlust wurde mal kurz erwähnt, ohne darauf einzugehen. Wir scheinen ansonsten gesellschaftlich zu schweben…

Neugierige Abenteurer

Die Vielfalt an unterschiedlichen Persönlichkeiten, so glauben Evolutionsbiologen, half dem Homo sapiens, als er vor 60.000 bis 70.000 Jahren Afrika verließ, um die Erde zu erobern. Denn auf dieser Reise musste er sich an viele Regionen mit äußerst unterschiedlicher Vegetation, Tierwelt, Geografie und variierendem Klima anpassen.

Ein Charakterzug dürfte bei diesem Exodus in die Welt hinaus besonders hilfreich gewesen sein. Er ist heute unter dem Begriff „Novelty Seeker“ bekannt. Dabei handelt es sich um Personen, die sich schnell langweilen und bei denen der Drang, Neues auszuprobieren und das Unbekannte zu erkunden, extrem stark ausgeprägt ist.

Als Ursache haben Forscher bei ihnen im Gehirn einen besonders niedrigen Gehalt des Botenstoffs Dopamin ausgemacht. Er vermittelt normalerweise bestimmten Hirnregionen bei einem ungekannten Sinneseindruck das Signal „Neues entdeckt!“. Doch bei den „Novelty Seekers“ kommt dieses Signal kaum an, sodass sie eine permanente Sehnsucht nach dem Unbekannten in sich tragen und es sie in die Welt hinauszieht.

In unserer heutigen durchstrukturierten, eingeschliffenen Gesellschaft bereitet ihnen das oft Probleme. Die Betreffenden werden daher häufiger psychisch krank, trinken oder rauchen viel, lassen sich auf waghalsige Abenteuer ein. Gerade dadurch aber fallen sie auch immer wieder positiv auf – etwa durch die Erstbesteigung eines extrem schwierigen Berges.

Und so kann jeder eine sinnvolle Rolle für sich finden. Denn für die Gesellschaft insgesamt gilt: Eine jede Persönlichkeitsnuance hat ihre Stärken, und es ist die Mixtur aus unterschiedlichen Charakteren, die eine Gemeinschaft fit für das Überleben macht. Die Verschiedenheit der Individuen dürfte ein Schlüssel dafür sein, dass wir als Menschheit so erfolgreich sind.

Und daher müssen wir uns vielleicht gar nicht ändern.“

Versöhnlich. Wäre schon ok, wenn dem politischen und wirtschaftlichen System der Herrschaft, unter dem wir leben, Versöhnung gebühren würde, aber so ist es nicht.
Pauschalisierte „Rechtsprechung“ vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ungleichheit, das Bewerkstelligen der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums durch Arbeiter vor dem Hintergrund ihrer Unfähigkeit an allen gesellschaftlichen Reichtümern teilhaben zu können, die politische und zwischenmenschliche Unmündigkeit durch staatliche Gewalt und wirtschaftliches Eigentum der Reichen – all das sind chaotische Verzerrungen in der Gesellschaft, die das Leben des Einzelnen immer wieder ins Chaos und in die Verzweifelung stoßen.

Beispielsweise liest es sich schön romantisch, wenn man sich in dem Artikel mit der individuellen Verschiedenartigkeit versöhnt… aber wo findet diese Versöhnung im Alltag statt? In den toten Bürokratien des Staates und der Wirtschaft stehen uniforme Abbilder des Einzelnen im Vordergrund. Nicht die Person zählt, sondern ein abstrakter „Bürger“, „Einwohner“, „Mitarbeiter“ – denen bestimmte Eigenschaften von oben dekretiert wurden. Diesem Vorbild haben sich die Menschen zu beugen, ansonsten „passen“ sie nicht ins System und ernten Repression und Ausschluss.
Die Herrschaft unter der wir leben wird vom Artikel einfach ausgeblendet. Sie hat anscheinend gar keinen Einfluss, was etwas ironisch anmutet, gerade, wenn man sich die Frage stellt, warum in der Jugend viel passiert und im „Erwachsenenalter“ nur noch Eintönigkeit vorzuherrschen scheint: Denn just in dieser Lebensphase ist das Leben zu 100% durch die Lohnknechtschaft bestimmt, die zum Schlüssel menschlichen Daseins erhoben wurde, damit alle Untergebenen mit Konkurrenz beschäftigt sind und nicht auf emanzipatorische Gedanken kommen.
Die Propaganda in diesem Artikel besteht zunächst nur teilweise in Dingen, die drin stehen. Sie besteht maßgeblich darin, was nicht drin steht. Das ist das Perfide an der Art und Weise, mit der heute die Medien die Bevölkerung mit Alltagsmüll beschießen und an vielen Stellen ihren Fokus weglenken. Weg von gesellschaftlicher und persönlicher Entwicklung aus der Herrschaft empor. „Persönliche Entwicklung“ Ja! – aber nur im Sinne des Kapitalismus und möglichst durch eine Fortbildung mit Zertifikat. Der Anteil der Persönlichkeit, an der heute betriebenen Form der „Persönlichkeitsentwicklung“ besteht darin, dass man sie möglichst persönlich bezahlen soll.
Beim Begriff des „Änderns“ werden meiner Einschätzung nach deshalb die Möglichkeiten gering eingeschätzt, weil es vermieden werden soll, gesellschaftlich etwas zu verändern. Hier im Text wird der Mensch als eindimnesionales Wesen dargestellt, obwohl er seine Existenz seiner Kooperation mit anderen verdankt, da vereinzelt schwach. Der Artikel motiviert nicht zur persönlichen Veränderung, weil man damit automatisch auch andere betrifft. Darunter könnte bspw. die „Leistung“ leiden, jene ganz spezielle Leistung die der Staat und der Chef gerne einstreichen, jene Leistung, die der Vermieter glücklich entgegennimmt… denn letztendlich sind dies die gesellschaftlichen Bande, die uns daran hindern, die Persönlichkeit zu entwickeln und zu ändern.

„Die Verschiedenheit der Individuen dürfte ein Schlüssel dafür sein, dass wir als Menschheit so erfolgreich sind.“

Nietzsche sagte schon etwas zum Alltag, der nicht mehr vom Sklaven bestimmt werden kann und da steckt für Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen der Schlüssel. Da sie in Wirtschaft und Politik keine Souveränität besitzen, haben sie auch keine Souveränität über sich selbst. Aufgrund der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit unter der Herrschaft von Kapitalisten kann davon nicht die Rede sein, dass die ganze Menschheit eins wäre. Dass der Artikel diese Vermutung nahe legt, zeigt nur, dass er im Schatten einer kompromisslerischen, opportunistischen Geisteshaltung verfasst wurde, die einfach millionenfach begangenes Unrecht ausblendet.

Und zum Schluss: „Und so kann jeder eine sinnvolle Rolle für sich finden.“

Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen können diese Rolle vielleicht emp-finden – aber mehr auch nicht. Akademikern mögen solche allein geistigen Höhenflüge ja genügen, aber zum Leben ist das zu dürftig. Wer in einem Dreischichtsystem im Hochregallager arbeitet und das auch noch bei einer der wegelagernden Zeitarbeitsfirmen, der weiß wovon ich rede. Man träumt, auf splitternden Paletten, sitzend von einem anderen Leben. Dieser Traum endet aber mit der Pause und dann ist die Rolle eines jeden, egal wie „individuell“ er oder sie jetzt in „Wirklichkeit“ sind, ganz genau festgelegt. Keine Entscheidungsgewalt über das eigene Leben zu haben, ist dann „die“ Rolle, die wir erfüllen müssen und so ist es in allen zentralistisch strukturierten Betrieben.
Dieses Elend für die Psyche der Menschen, welches täglich massenhaft auftritt, auszublenden, aus solch grundlegenden Überlegungen, ist mehr, als eine Eingrenzung auf die Zielgruppe des Magazins. Es ist Teil eines politischen und wirtschaftlichen Glaubensbekenntnis, in dem der Mensch nichts, der Profit alles ist.

 

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