Wie ein ferner Ruf… 2017 wird zu 2018

Germinal!

Wie ein ferner Ruf vom anderen Ufer zittert es hoffnungstrunken durch die eisige Winternacht.
Germinal! Erneuerer des Lebens, Künder eines neuen Werdens, Geist der Zerstörung, schaffender Geist, wir grüßen dich! Durch das fahle Dämmergebilde einer mißratenen Gegenwart fühlen wir den warmen Odem des Kommenden, wir, die mit dem Fluche der Jahrhunderte Belasteten, denen bange Sehnsucht im Herzen frißt wie eine rotglühende Flamme.
Winterstürme müssen deinem Kommen vorangehen, eiskalte Winterstürme, um die Geister von dem Schutt und Moder knechtseliger Überlieferungen und erstarrter Begriffe zu befreien, die unseren Willen in Ketten schlagen und die erlösende Tat in dem feinen Netzwerk dialektischer Akrobatenkunststücke erdrosseln.
Man lehrte uns die verschiedenen Phasen der Sklaverei „historisch“ erfassen und deuten; seitdem keuchen wir unter der Bürde des Althergebrachten und bewundern in Stummer Ehrfurcht die Nabelschnur, die uns mit den Knechtschaftsformen vergangener Jahrtausende verbindet. Gottlob, wir sind keine Utopisten mehr, wir haben gelernt, zwischen Möglichem und Unmöglichem zu unterscheiden und kennen genau die Grenze,wo das praktisch Gegebene sich im Nebelmeer phantastischer Begriffe und uferloser Vorstellungen verliert. Wir haben die einzelnen Strecken menschlicher Sklaverei wissenschaftlich gesichtet, ermessen und abgesteckt und freuen uns königlich, dass uns die Arbeit so wohl geraten ist. Dem Himmel sei Dank, wir haben Ordnung gebracht in unsere Beziehungen mit der Vergangenheit, mochte darüber auch unsere Zukunft zugrunde gehen. Der blasse Neid kann uns diese Anerkennung nicht versagen.
Nur in einzelnen von uns klingt noch verheißungsvoll und sehnsuchtsschwanger das ferne Lied von einem sagenumwobenen Eiland in unbekannten Meeren, das noch keines Schiffers Auge erspäht hat. Geschlecht von La Mancha, Gralshüter des Ideals, Schwarmgeister, die den Boden unter den Füßen verloren und mit ihren Sinnen über den Wolken schweben. Den Neunmalweisen des „gesunden Menschenverstandes“ waren sie stets ein Greuel, da sie allen Normen altehrwürdiger Überlieferungen Hohn sprechen und sich in die gesetzmäßige Ordnung der Dinge nicht einreihen lassen.
Sie tragen das Kainszeichen der Freiheit auf der Stirne, und in ihrer Seele birgt sich gärender Drang und himmelstürmender Rebellentrotz. Ihr Weg geht über Abgründiges und Tiefbegrabenes, denn sie meiden geflissentlich die ausgetretenen Heerstraßen der Alltäglichkeit. Mancher von ihnen sinkt in gähnende Tiefen hinab, doch fühlen sie sich nie als Opfer, und die Weihrauchdüfte des Märtyrertums erscheinen ihnen schal und nichtig. Sie handeln stets aus innerem Drange und müssen so, weil sie nicht anders können.

R. Rocker

Germinal!

Das ist der „Keimmonat“ des Kalenders der Französischen Revolution und steht hier stellvertretend für das Aufkeimen neuer sozialer und intellektueller Kultur unter den „Belasteten“.
Germinal war für Rudolf Rocker mehr als nur ein Wort – er las ergriffen Émile Zolas „Germinal“, führte unter diesem Titel ein Literaturmagazin im Londoner Eastend unter jüdischen und anderen emigrantischen Literaten in der kurzen Blüte der Arbeiterbewegung Großbritanniens vor dem Ersten Weltkrieg und verfasste jenen Aufsatz, dessen Beginn ich hier wiedergegeben habe.

2017

Wir stehen nicht mehr am Vorabend eines Weltkrieges, der Weltkrieg ist ein globales Geschäft und anerkanntes politisches Mittel der Herrschenden. Es ist nur die Frage, wohin der Krieg als nächstes kommt.
Wir stehen nicht mehr am Vorabend todbringender Epidemien – die größte Cholera-Epidemie unserer Geschichte tobt bereits.
Wir stehen nicht mehr am Vorabend medialer Gleichschaltung, unsere Magazine und Gazetten kennen nur noch die „Alternativlosigkeit“, das Abnicken der „mißratenen Gegenwart“.
Wir stehen nicht mehr am Vorabend aller faschistischer Visionen der Vergangenheit, sondern ihre Dämonen sind mit der nicht bereinigten Herrschaft des Menschen über den Menschen wieder erwacht und wüten überall.
Wenige Narzissten und Psychopathen haben alle Machtmittel in der Hand, die das Leben auf der Erde auszulöschen imstande sind. Der Umstand der weltweiten Bedrohung gekoppelt mit dem Umstand der zersetzten Zwischenmenschlichkeit, der depressiven Isolation, in dem sich die Einzelnen befinden, macht diesen vitalistischen Psychopathen der Macht gegenüber die Masse lethargisch.
Es geht heute längst nicht mehr um ein Europa. Es geht heute um die ganze Welt und diese Welt beginnt in jedem von uns.
Wie soll sie aussehen: Die Reichen und Herrschenden mit ihren toten bürokratischen Apparaten sagen: „Verwüstet!“

Germinal!

– uns steht das Jahr 2018 bevor. In der heutigen Lage ist es unmöglich vorherzusehen, wohin uns die Zukunft bringt. Wie in der Vergangenheit ist unsere Zukunft von unserem aktiven Willen abhängig. Dem gegenüber stehen die Hypotheken der vergangenen Jahre, die Zentralisierung in allen Lebensbereichen, der tobende Weltkrieg, die Ausbeutung großer Schichten der Gesamtbevölkerung weltweit zum Nutzen einer schmalen international organisierten Kaste und einer duldsamen Mittlerschicht. Besonders verheerend für den kulturellen Fortschritt wirkt sich die Tatsache aus, dass Millionen Menschen ein unmündiges und bevormundetes Dasein fristen, dass sie ihr Leben unter den Scheffel einer wirtschaftlichen Diktatur gestellt sehen müssen, ohne die Freiheit ihren inneren Antrieben nachzufolgen. Die Zwischenmenschlichkeit, das merkt man besonders hier in Deutschland, ist vom staatlichen System zerrüttet worden.
Die Kultur und die allgemeine Anteilnahme an ihr, befindet sich auf einem historischen Tiefstand.

Für die Arbeiterklasse in Deutschland könnten mögliche Ziele darin bestehen, der ansonsten streng zentralistischen Mustern und Leitmotiven folgenden Wirtschaft unserer Tage föderalistische Signale entgegenzusetzen, mit der Gründung von Kollektivbetrieben, der Übernahme kapitalistisch bankrotter, maroder Betriebe, der Weiterführung ihrer nutzbringenden Aufgaben in Selbstorganisation und den Aufbau einer anarcho-syndikalistischen zielklaren, basisdemokratischen, selbstorganisierten Gewerkschaft, offen für die breite Masse der Lohnabhängigen.

Für den Einzelnen kann die Herstellung sozialer Beziehungen im Vordergrund stehen, damit das Gefühl der Isolation und Bedeutungslosigkeit vor dem mächtigen Apparat der Herrschaft dem Zusammengehörigkeitsgefühl weicht.

Cliquen ohne tieferen Inhalt werden vom Malstrom des sinnentleerten Feierns einerseits, und durch den Zeitverlust durch Lohnarbeit andererseits, zerrieben. Aber aus zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht erstarren, die sich zu Netzwerken gegenseitiger Hilfe emporschwingen, kann alles werden. Bewusstsein für die Gesellschaft beginnt immer im Kleinen. Die „erlösende Tat“ kommt nicht von hochstilisierten Heiligen, auf die es nicht lohnt in Untätigkeit zu warten, sondern von uns Einzelnen, die wir kleine Schritte machen, jeden Tag.

Germinal!

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