„Allerdings sollten wir nicht die erstaunlichen Errungenschaften dieses Systems vergessen.“ – Das Gesellschaftsmagazin „Zeit Wissen“

Vorab:

Im zurückliegenden, leider artikelfreien, Zeitraum fehlte die Muße für Neues – Zeit wurde viel knapper als davor, besonders die Zeit in Ruhe etwas zu lesen, und wenn sie denn da war, musste ich sie zu Zwecken einer neu begonnenen Ausbildung nutzen. Diese läuft noch, aber ich habe mir vorgenommen, die zur Erleichterung des Einstiegs weggelassenen Tätigkeiten wieder aufzunehmen. Dazu gehört auch die Besprechung von Zeitschriften aus anarcho-syndikalistischer Sicht.

Wer Neues von mir lesen möchte kann die weiterhin von mir erschienenen Artikel in unserem neuen Jahrbuch 2017 lesen.

Wie weitermachen?

Ich habe diesen Blog maßgeblich mit Texten gefüllt, die meine Sicht auf die zur Zeit erscheinenden Periodika darstellen. Ich habe mir meistens Hefte herausgenommen, die pseudo-alternativ zum System auftraten und damit systemstabilisierend waren – um aufzuzeigen, dass viele Hypotheken des Gestern die aktuelle, hippe, neue Gesellschafts-Magazin-Landschaft prägen. Das bürgerliche (kapitalistische) Denken besonders in Fragen der Wirtschaft und der Stellung des Menschen in der Gesellschaft spielten dabei eine große Rolle, aber auch der ihr entstammende Marxismus und der allgegenwärtige studentische Duktus.

Jetzt will ich da anknüpfen und schreibe auch vom Kiosk aus, aber der Einfachheit halber und um mal was Neues zu starten, vom „eKiosk“ aus. Kann jeder schnell machen – man meldet sich bei eKiosk an und kann dann „bequem“ die überteuerten Ausgaben aller möglichen Magazine und Zeitungen kaufen. Natürlich wissend, dass man stets auf „alte Freunde“ des sozialen Fortschritts trifft, wie das „Medien Imperium“ Axel Springer.

Im vorliegenden Artikel nehme ich mir exemplarisch drei Ausgaben des Formats „Zeit Wissen“ vor. Das erscheint zweimonatlich und auf Wikipedia heißt es „Wissensmagazin“.
Das ist natürlich wieder einmal sehr „objektiv“ ausgedrückt, aber die Frage, ob hier allgemeines Wissen oder die Sicht der Herrschenden auf das herausgepickte Thema propagiert wird, will ich im Folgenden beantworten. Aus welcher Haltung schreiben die Autoren, wie sind die Themen beleuchtet, wie ausgewählt usw. werden Fragen sein, denen ich nachgehen will.

Ausgewählt und grade eben erstanden wurden von mir die Ausgaben:

Juli/August 2017 „Soll ich mich einmischen?“
November/Dezember 2017 „Hörst du die Signale?“

Januar/Februar 2018 „Am liebsten würde ich damit aufhören…“

als .pdf Datei.

Nett ist zunächst die Einfachheit: Ich öffne die drei Dateien gleichzeitig, ich kann sie vergrößern, verkleinern, bequemer blättern und Papier wurde ich auch nicht verbraucht. Im Vergleich zur physischen Ausgabe.
Im Vergleich zur physischen Ausgabe fallen aber auch Gemeinsamkeiten auf: Dass Papierausgaben einiges mehr allein an logistischem Aufwand beanspruchen, kann es vielleicht ein wenig verständlich machen, dass ich mir trotz bezahltem Preis auch noch Werbung ansehen muss… aber dass in einer einfachst zu vertreibenden Online-Ausgabe Werbung von zentralistischen Organisationen der Herrschenden steckt, die dominant ganze Seiten beansprucht, ist eine erste Positionierung und einfach nur enttäuschend, dreist, plump. Das hat natürlich auch nichts mit „Wissen“ zu tun, sondern bspw. „Building Global Leaders“ (McKinsey and Company, Ausgabe 01/2018, S. 2-3) ist eine Kampfansage aus der Herrschendenklasse an die Untergeben, übersetzt: „Wir bauen eure Führer auf, die euch dann gängeln“. Speziell solche Organisationen wie McKinsey treiben den Zentralismus in der Gesellschaft voran. Aber auch nahestehende Kampfverbände des Kapitalismus sind vertreten: Krankenversicherungen, Banken, Bundesländer, Aktienhandel.

Muss das „Wissen“, dass ich hier für mehrere frühere Stundenlöhne teuer bezahlt habe, um die Bedürfnisse dieser Organisationen herum gebogen werden? Ich bin gespannt. Also leider bin ich nach den ersten Seiten bereits nicht mehr wirklich gespannt, sondern erwarte das übliche bürgerliche Blabla – Oberflächlichkeit, Tendenz zugunsten der Obrigkeiten, Herabwertung der Freiheit des Einzelnen, zentralistisches Denken – das rieselt mir schon nach den ersten Seiten durch den Kopf und ich ärgere mich, dass was angeboten wird, in Wahrheit nur noch Business-Werbefläche scheint, mit wenig gehaltvollen Informationen für die praktische Auseinandersetzung mit unserem tatsächlichen Alltag. Solche, die auch für Arbeiter wie mich sinnvoll sind, und die nicht nur das Leben von Snobs und „business-people“ betreffen.

Äußerlich wirken alle Ausgaben gleich business-mäßig durchgestylt. Sie richten sich dem Anschein nach an Studenten, die so richtig was aus sich machen wollen und die (junge) Managerkaste. Das empfinde ich aufgrund des nichtssagenden Gemischs aus ausweichender Kunst und Alibi-Themen, wie der Kolumne „Der Tierfreund“.

Im Text

Wie die zentralistische Gesellschaft und ihre einzelnen Einrichtungen, das Weltbild irritieren, mit welchem der Leser konfrontiert wird:

Bsp. 1

Im Artikel „Die Macht des Gewissens“ (Ausgabe 1/2018) hat das Gewissen „Macht“ – der Autor benutzt zum Einen diesen Begriff der „Macht“ um die Stellung des Gewissens im einzelnen Menschen in der Überschrift zu beschreiben, zum anderen zitiert er einen berliner Psychologen, der behauptet, das „Gewissen“ sei ein „Team“. Hörte sich widersprüchlich an – aber genauer: „ein Team“ in dem es einen „Richter“ gäbe – und „Dominanz“ einzelner Bestandteile dieses Teams.
Wir sehen hier, dass die Eigenschaften des zentralistischen Denkens auch auf die menschliche Psyche bezogen werden – sie wird nicht „wertfrei“ betrachtet, wie es der allgemeine Titel des Magazins „Wissen“ suggeriert. Wie in der bürgerlichen Weltanschauung sog. Führer die Machtkonzentration ihrer zentralistischen Organisationen bekleiden sollen, so denken die Repräsentanten des Zentralismus, dass Körper und Geist „Könige“, „Richter“ usw. hätten. Sie sind so innerlich, unbewusst vielleicht, von ihrem geliebten Zentralismus eingenommen, dass sie nur noch in dessen engen Grenzen zu denken im Stande sind. Vor ihren Augen geschehen Dinge, die sie so nicht wahrnehmen, und auch nicht dokumentieren, sondern die sie sofort – schadhaft besonders, wenn es um Psychologisches geht – in ihre verkorkste Gedankenschablone pressen müssen, damit die zentralistische Sicht nicht an den mannigfachen Manifestationen des Lebens zerbricht.

Der Zitierte individualisiert das Gewissen und entreißt ihm gesellschaftliche Aspekte – es gehe um das „Ich-Erleben“ – das ist bürgerlicher Individualismus, der eben auch alles schadhafte an den gesellschaftlichen Beziehungen zulassen kann, sofern es denn den „individuellen“ bürgerlichen Zielen entspricht. Der Psychologe stellt dem „individuellen“ ich ein „absolutes“ Ich gegenüber. Meiner Erfahrung nach, ist das Gewissen eben beides nicht: weder ein hegelianischer „Geist“, noch ein ganz individuelles Wertegefüge, das lediglich das Außen mit einem beliebigen Innen abgleicht. Der gesellschaftliche Aspekt wird im Text selbst dauernd bemüht: Besonders wenn ein angeblich „schlechtes Gewissen“ andere betrifft, bei dem „Manager, der seine Frau vertröstet“ zum Beispiel.
In diesem Fall ist das Gewissen selbstverständlich nicht als rein „individuelles“ Gewissen begreifbar – sondern ganz entscheidend hier ist ja gerade die zwischenmenschliche Beziehung. Der Zentralismus braucht den bürgerlichen Individualismus, weil dieser jederzeit das Alleinsein bestärkt: „Lonely at the top“, „Führungsposition“, das allgemeine Auseinanderdividieren von gesellschaftlichen Gruppen, um sie zu spalten und damit leichter beherrschbar zu machen – all das ist ein die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstörender Individualismus der zu Vereinsamung führt und zu einer zentralistischen Gesellschaft und der durch das Umdeuten in etwas positives, erstrebenswertes verkehrt wird, wenn es bspw. um Karriere geht und die Machtanhäufung allgemein. Und hier im Artikel schlägt sich dieses Phänomen deutlich nieder – es verzerrt so gut wie jede Aussage in dem Text (s.o.).

Früher dachte man, es gäbe ein absolutes,

einheitliches Ich, das man finden

könnte, heute wissen wir, dass es ein inneres

Team gibt«, sagt Kuntze. Und in diesem

Team gibt es in der Regel einen, der die

Rolle des Richters einnimmt. Bei manchen

ist der Richter faul und leise, er meldet sich

nur, wenn alle Alarmglocken in maximaler

Lautstärke läuten. Bei anderen ist der Richter

die dominante Figur im Team, immer da,

immer ungnädig, immer laut. »Manche

hören den ganzen Tag diese Stimme – das

war falsch, das hast du schlecht gemacht, das

hättest du nicht tun dürfen –, und sie glauben

sogar, dass das schlechte Gewissen bei

allen so dominant ist“

Wir sehen, dass eng am politischen System der Bundesrepublik gedacht wird. Sogar das „Gewissen“ ist organisiert wie die politisch Herrschenden!

Ich stimme zum Einen dem Gesagten sogar zu: Es gibt sicherlich kein Ich, welches irgendwie als festes Ding in unserem Inneren existiert, aber es gibt ein Gefühl, welches sich aus verschiedenen Aspekten unseres Erlebens zusammensetzt, und welches unter anderem aus dem Gewissen besteht. Dieses Ich-Gefühl, dieses Lebensgefühl des Selbst ist unser innerer Kompass: Er verbietet Gehorsam, weil er durch Missachtung abstumpft (vgl GRUEN 2014). Wir missachten ihn, wenn wir statt unserer Bedürfnisse, die Befehle anderer an Stelle des eigenen Kompass setzen…. und die Möglichkeit dazu ist für den Zentralismus ganz wichtig – in ihm wird gerade das Missachten des Selbst, ob es nun aus einem Klotz oder ganz vielen interagierenden Klötzen besteht, als ganz furchtbar individuell umgedeutet:

Dazu springen wir mal eben in den Artikel der gleichen Ausgabe „Neuorientierung im Job“ unter der Zwischenüberschrift „Individuelle Wege“. Was „individuell“ daran sein soll, dass drei ausgewählte Personen irgendwelche Ausbildungen machten um danach Geld anzuhäufen bleibt offen. Aber wir sehen hier eine ganz besondere Eigenschaft dieses sonderbaren „Individualismus“: Nämlich das sich alle dem selben System unterwerfen – und bewerkstelligt wird dies, indem man es als „individuell“, hier in diesem Kontext als freiheitlich bzw. souverän hinstellt, INNERHALB des Systems „eigene“ Wege zu gehen – Freiheit und Selbst hören auf Freiheit und Selbst zu sein, wenn man ihnen ähnlich eines Prokrustesbetts einen Frame von Oben aufstülpt – in den Gesichtern, die den Leser da anblicken ist nichts von Selbst oder Ich zu sehen: Es sind durchgestylte, auf Linie gebrachte „Erfolgsmenschen“ des kapitalistischen Systems. Aber eben das eingezwängte Dahinsiechen in diesem System und nur darin, wird hier als ganz „individuell“ befriedigend dargestellt. (Margret R. Ist so „glücklich“ mit dem eigenen Job! Olaf Uri M. „hat viel Glück gehabt“ mit den Jobs! Erkan T. ist „glücklich“ mit dem Job bei „McDonald’s“!)
Man muss auf die Sprache achten und ihre Hintergründe erforschen: das Schlagwort „individuell“ ist ein Kampfbegriff, der alles andere meint, als selbstständig, souverän, frei und ungebunden, sondern er meint vor allem bar zwischenmenschlicher Beziehungen – nicht ihr natürlich lebendiges, anarchisches Gefüge zählt, sondern zentrale Punkte außerhalb dieses Gefüges und außerhalb des eigenen Selbst liegende „Prioritäten“, also Ansprüche der Herrschenden an den einzelnen Menschen, an das „Humankapital“.

Aber man kann dabei dabei sehr „glücklich“ werden – so steht es in „Zeit Wissen“ – Wunderbar!

Zurück im ursprünglichen Artikel über das Gewissen, lesen wir, was echte Psychopathen sind. Richtig: „Empathielos“, ohne schlechtes Gewissen. Und unser Bild von solchen Leuten wird noch weiter vom Zitat einer nächsten Psychologin geformt: sie würden morden und vergewaltigen und danach ganz normal essen gehen. Serienkiller und -vergewaltiger sind zwar ganz sicher emphatielos, aber das gesellschaftliche Übel, künstliche Armut, um Lohnkosten zu senken, die dem Kapitalismus immanenten sog. Depressionen / Rezessionen / Kriege – dieser Mord im Auftrag der kapitalistischen Organisation des Machtapparats, der wird hier nicht genannt – es sind eher wieder die „individuellen“ Taten, die man dem Menschen, statt dem System zulasten legen kann, die im Fokus stehen. Und wie es dazu kommt, dass solche „Narzisten“ und „Psychopathen“ entstehen und welchen Anteil das System, in dem sie eingezwängt leben mussten, trägt, das steht natürlich auch nicht da.

Vielmehr seien diese Muster „selten“… individuell wahrscheinlich… klar, gibt wenige Militärs weltweit…

Zurückzuführen seien diese „seltenen“ Muster auf die Angst vor dem „Verstoß“ aus der schützenden „Gruppe“. Dieser Ur-Instinkt würde ausgenutzt werden:

Und das wissen all jene auszunutzen,

die uns gezielt ein schlechtes Gewissen machen

wollen. Wenn Religionsgemeinschaften

nicht nur beim Verstoß gegen sehr grundlegende

Regeln wie das Tötungsverbot mit

Ausschluss drohen, sondern auch bei Verhaltensweisen

wie vorehelichem Sex oder

dem Abschneiden eines Barts. Wenn Politiker

uns suggerieren, diese oder jene Maßnahme

sei alternativlos, weil sonst das ganze

Land leide. Oder wenn Firmen ihre Werbung

so gestalten, dass das Gefühl entsteht,

man müsse bestimmte Produkte unbedingt

haben, um dazuzugehören.“


Liest sich erstmal total kritisch und annehmbar… und auch im Folgenden sind sehr allgemeingehaltene Aspekte, die ich zunächst gut und richtig empfinde, wie zum Beispiel, dass Bewusstsein für die Lösung der Probleme mit Scham und Schuld sicherlich hilfreich ist – bis dann wieder der „innere Richter“ dem Ganzen einen Rahmen verpasst. Gegen Ende des Textes tritt noch ein weiteres Reizwort auf: „autonom“.

Das Wort „autonom“ ist die links-bürgerliche Entsprechung des Wortes „individuell“. Es bedeutet auch nicht, man selbst zu sein oder frei oder ungezwungen mit anderen ein föderatives Netz aus lebendigen Beziehungen aufzubauen, sondern es bedeutet ein ebenso in zentralistische Muster eingenischtes Leben zu führen. Der Unterschied zu „individuell“ ist, dass man dabei etwas „kritischer“ ist. Auch „kritisch“ ist teils durch den studentisches Duktus, teils durch das Erbe marxistischer Bewegungen als verzerrter Begriff ins „Herrschenden-Deutsch“ eingegangen. Wer derart „kritisch“ ist, so wie „die“ es in dem Kontext verstehen, darf ALLES machen – nur eben „kritisch“. Wir lernten auf der Podiumsdiskussion „Was ist Sozialismus“, neulich in den Studierendenräumen der Universität in Frankfurt, Menschen kennen, die sich und ihre „Kritik“ (natürlich Marxisten…, wer könnte sonst noch fragen, was Sozialismus sei) ganz hoch einstuften. Dass sie, wie der anwesende Linken-Politiker dabei auf Kosten anderer lebten und dieses System auch beibehalten wollten war kein Widerspruch zu „ihrem“ komischen, wahrscheinlich hoch „individuellen“ Sozialismus, sondern völlig in Ordnung, denn sie waren „kritisch“ und da sie auch auf niemand sonst Rücksicht nahmen, waren sie auch „individuell“, bzw. „autonom“. Wie man im bürgerlichen Kapitalismus ganz „individuell“ sein kann, so kann man in deren kruden Sozialismusverzerrungen der linken (bzw. mittlerweile auch rechten) Szene auch ganz wunderbar „autonom“ sein – Hintergrund ist der Oppositiongedanke: Man kann ein stabiles Herrschaftsgebilde aufbauen, in dem man dem herrschenden Drive eine systemimmanente Pseudo-Opposition zur Seite stellt, die suggeriert, dass der herrschende Diskurs auch Widersprüche duldet…. und da nur diese institutionelle Opposition „Kritik“ üben soll, ist sie in fester Hand des Systems drum herum. Regierung und Opposition bilden das selbe Paar, das Partei und „kritischer“ Politiker bilden, bzw. System und „Individum“ – es sind nicht etwa Gegensätze sondern nur die andere Seite der selben Medaille.

Und genauso meint es der Text auch: Im Text zitiert der Autor Schwägerl den „Verhaltenstherapeuten“ Kuntze:

Der Königsweg beim Umgang mit dem

schlechten Gewissen sei, sagt Verhaltenstherapeut

Holger Kuntze, sich die inneren

Wertkonflikte, Prägungen und heutigen

Prioritäten bewusst zu machen und dann so

konsequent wie möglich zu handeln. ‚Wenn

wir uns selbst gegenüber ehrlich sind und

diese Fragen offen benennen, kann das

schlechte Gewissen zu einem Kompass

werden auf einem Weg, bei dem wir das Ziel

nie erreichen werden – denn keiner von uns

wird je perfekt sein.’“

Die heutige Klassengesellschaft, dieses kranke, perverse Scheißsystem, das uns allgegenwärtig beschneidet und die Beziehungen zu anderen zum Nutzen der Herrschenden zersetzt, wird überhaupt nicht benannt. Dass alle psychischen Probleme nicht allein die Schuld des fehlerhaften Individuums sind, macht ganz vage das Wort „heutige Prioritäten“ deutlich: Ok, also man muss sich nicht diesen „heutigen Prioritäten“ unterwerfen…. aber was heißt das genau? Was sind diese? Und was bedeuten sie, für diejenigen, die sie in Szene setzen, soll man denen dann auch nicht mehr gehorchen? Unbedeutende Beispiele werden ins Feld geführt – Teenager, die sich an ihren Pickeln stören… Menschen, die von der Werbung angeblich ein schlechtes Gewissen eingeredet bekommen…. Das nenne ich Verschweigen der sozialen Frage – also man geht psychologisch einige, unleugbare Wege als Kompromiss ein, weiß aber an entscheidender Stelle abzubrechen und nicht weiterzudenken und schließlich doch wieder zum Ausgangspunkt, dem zentralistischen Systems zurückzukehren.

Also der Artikel geht von einer schwachen Basis aus (Monokausalität, bspw. „innerer Richter“, „Königsweg“, usw., Herrschenden-Deutsch „individuell“, „autonom“, schwache, da systemimmanente Beispiele) und ist sehr inkonsequent – denn die Lösungen werden wieder einmal dem Einzelnen auf die Schultern gelegt – trotz gelegentlich anklingender „Kritik“ gibt es keine Lösungswege, die aus dem System des Zentralismus herausführen würden. Das ist ein typischer Text zu solch einem eigentlich tiefen, bewegenden Thema – man könnte, wenn man wollte, das ganze zentralistische Weltgefüge auseinanderreißen, würde man einige seiner Hypotheken abschütteln, die unweigerlich immer wieder zum ihm zurückführen und jene guten Ansätze, die der Text schon zu bieten hat, konsequent mehr auf das System, statt auf dessen Insassen beziehen.

Lebensbejahende Menschen könnten ein paar gute Aspekte daraus ziehen, aber dafür müssten sie schon ein sehr dickes Fell haben – und der Müll der dabei abgeschieden werden müsste ist so umfangreich, dass sich daraus kein Grund ergeben könnte dieses teure Ding zu kaufen – es überwiegen in dem Artikel tendenziöse, zentralistische Denkmuster und bürgerliche Inkonsequenz.

Bsp. 2

In Heft 6/2017 steht der Artikel „Was für ein Licht? Mondschein hat auf die Menschen eine

besondere Wirkung. Warum eigentlich?

Als ehemaliger Lagerarbeiter und irgendwie auch dessen Insasse war mir die Bedeutung des Mondes immer schon aufgefallen. Und zwar innerhalb des Biorhythmus des Menschen. Letzterer war empfindlich gestört, wenn man zur Mond- als Nachtzeit gezwungen war in einer stinkenden Halle umherzurennen und Artikel für den Profit einer schmalen Kaste zusammenzukommissionieren. Als Kind rannte ich im Vollmondschein besonders gerne draußen herum – es beflügelte meinen Geist, meinen Freiheitsdrang – dass da eine andere Welt war, mit anderen Farben. Warum die Farben nun von Menschen anders wahrgenommen werden, als jene die uns das Tageslicht vermittelt, erklärt der Artikel verständlich: Durch den Purkyne Effekt natürlich.

Aber die Wirkung auf den Menschen erschöpft sich darin nicht – die persönliche Empirie eines jeden Rettungssanitäters, Polizisten, Feuerwehrmanns oder Türsteher wird sicherlich auch Verhaltenseigenheiten bezeugen, die mit dem Vollmond zu tun haben. Und als Arbeiter weiß man ganz allgemein wie ermüdend und schädlich eine zwanghafte Umstellung des eigenen Rhythmus auf die Nachtarbeit ist… und das sind Millionen Menschen alleine in diesem Land…. also wenn ich hier die Wirkung auf den Menschen über die Netzhautreflexion hinaus vermisse, dann ist das nicht mein „individuelles“ Spezialinteresse, welches sich nicht befriedigt sieht, sondern das sind gesellschaftliche Fragen. Aber es sind gesellschaftliche Frage der Arbeiterklasse und daher scheinbar wenig für die smarten Managertypen geeignet, an die sich das Blatt richtet.

Wie auch im Vorgänger werden unverfängliche Kompromissthemen behandelt – Mond und Nacht werden ihrer gesundheitlichen Aspekte entkleidet, dort wo sie systemimmanente Menschenausbeutung zur Nachtzeit angreifen könnten und stattdessen wird uns nährloser Füllstoff zugesetzt: „Kunst“… nichtssagende Bilder eines Fotografen.

Bsp. 3

Ein besonderes Schmankerl verdrehten Denkens stellt der folgende Artikel dar.

Doch zunächst einen kleinen Exkurs:

Maurer, Gärtner, Straßenbauer – wir alle kennen das Abstecken mit Hilfe von Richtschnüren und Absteckeisen. Ist die Aufgabe der Richtschnur erfüllt wandert sie schnell in die Hosentasche oder in einen Eimer – manchmal auch lose, nicht aufgewickelt. Sie verdreht sich dann und wir haben einen Klumpen Kunststoff in der Hand, der beim nächsten Mal nervig lange entzottelt werden muss. Dem ein oder anderen Kollegen „kamen“ indes schon manches mal „die Nerven“…

So ähnlich ging es mir heute, als ich diesen miserablen Artikel las, für den ich auch noch soviel Kohle hingeblättert hatte… Das ganze Wirrwarr zu entzerren, das war richtig schwer – wie ein geistiger Nebel legte sich diese verquirlte Suppe auf meine Gedanken – aber ich will mal probieren, euch genau zu schildern was ich meine.

In Heft 4/2017 steht der Artikel „Machen Gruppen dumm?“ und im Untertitel „Es ist kein Vorteil für die Herde, wenn der Schäfer ein Schaf ist, sagte einst Goethe. Aber was ist, wenn es gar keinen Schäfer gibt?“

Das lies bereits tief blicken… was würde McKinsey machen, wenn es keinen Schäfer gäbe, den man wegrationalisieren könnte?

Zunächst geht es um das „Brainstorming“, nicht nur „deutschen Chefs“ ist bereits aufgefallen, dass der menschliche Fortschritt nicht auf exponierte Einzelpersonen zurückzuführen ist, sondern auf das Zusammenwirken von Millionen in einer gemeinsamen Kultur. Egal in welchen Bereich man blickt – es ist nie der Nationalstaat der die Neuerungen sauber getrennt vom Einfluss anderer Nationen hervorbrächte und noch weniger sind es geistige Überflieger die einsam an der Spitze der menschlichen Genialität stünden. Es ist das gemeinsame – globale – Tüfteln unserer Art, welches uns den Fortschritt bescherte, den wir auf den Gebieten der Technik, Wissenschaft usw. verspüren, seit Anbeginn menschlichen Strebens überhaupt. Gut – soweit kann man sagen, steht in den ersten Sätzen des Artikels nicht nur Schwachsinn.

„Manche sind auch der Überzeugung, dass aus vielen Entscheidungen Einzelner die Weisheit der Masse wird. In Zeiten von Großraumbüros, Filterblasen und Brexit müssen wir uns aber fragen: Stimmt das?“

Aua. Hier weiß man nicht, wer Vater dieses Gedanken war – Hitler, Marx, Lenin? Zunächst einmal ist der Begriff der „Masse“ ein abstrakter Begriff, eine abstrakte Vorstellung, die so in der Natur, in der Realität keine Entsprechung findet. Es gibt keine „Masse“ – es gibt Einzelne und die sind Faktoren unterworfen, die sie durch Zwang alle pauschal ihrer Selbstständigkeit beraubt – aber das lässt sie noch lange nicht ihre Körper verlassen, um sich zu einem gigantischen Blob zu verschmelzen. Menschen kann man nicht vermassen, aber was sie gängelt und bevormundet kann auf viele bezogen werden – so zum Beispiel Arbeitszeiten, die eine scheinbare Masse den Gehsteig entlang laufen lässt – aber nicht aus deren Entscheidung Masse zu sein, sondern aus dem Zwang heraus gleichzeitig mit anderen, aber von ihnen höchst isoliert, die selbe Richtung einzuschlagen.

Wir reden also von Zwang – nicht von innerer Erfüllung, die die Menschen einander zutreibt. Also wo „Masse“ ist, ist keine Zwischenmenschlichkeit, sondern voneinander isolierte, vielleicht sogar in künstlichen Konkurrenzkampf verstrickte Menschen. Und genau das sind die Beispiele:

  1. Großraumbüros sind stallartige Räume in denen jeder und jede Angestellte an einem Schreibtisch sitzt ohne von Wänden voneinander getrennt zu sein. Hier herrscht eine Atmosphäre gegenseitiger Konkurrenz, denn niemand will unangenehm durch zum Beispiel lange Pausenzeiten oder Inaktivität auffallen. Aber aus welchem Grund? Weil man in Gruppen zusammensitzt? Nein, sondern weil das umgebende Wirtschaftssystem nun mal eine solche Atmosphäre der Existenzangst über alles breitet. Das Beispiel hinterfragt überhaupt nicht, aus welchem Grund nun diese Menschen in der „Masse“ da sitzen, sondern stellt nur fest, dass sie es tun.
  2. Bei der „Filter-“ oder „Informationsblase“ geht es gar nicht um „Masse“, sondern um eine Pseudo-Individualität, die Suchmaschinen und deren Algorithmen versuchen zu erstellen.
  3. „Brexit“ beschreibt den „Austritt“ einer Nation aus einem Bund der Nationen. Innerhalb von Nationen sind Menschen so dumm, nicht weil mehr als Zwei in einer Nation wohnen, sondern weil ihre Rolle als unmündiges Wahl- und Arbeitsvieh ihre Sinne und ihr Selbstwertgefühl herabsinken lässt. Der Einzelne hat sich selbst noch gar nicht richtig gespürt, geschweige hat er im Zentralismus eine unbeschwerte Zwischenmenschlichkeit kennengelernt – er lebt in einem lebenslangen Kindergarten der religiösen, politischen, wirtschaftlichen, juristischen Bevormundung. Wo eben dieser Kindergarten am schlimmsten ausgebaut werden konnte, dort ist der Einzelne am stärksten geschädigt und damit auch das, was er in die Gruppe einbringt. Eine Gruppe, die von emotional überforderten und ihrem Leben nicht gewachsenen Hysterikern besteht, wird wohl kaum urplötzlich meditative Ruhe ausströmen. Aber das liegt nicht an der Mehrzahl der Menschen, sondern daran, das man sie vorher schon als Einzelne zerstört hat – ihre Zwischenmenschlich ist demnach auch gleich beeinträchtigt, bevor sie überhaupt beginnt.

Neben dem Fehlen eines griffiger Beispiele und Beweise ist aber auch die Formulierung falsch oder irreführend: Es gibt keine Weisheit der Masse, weil Masse kein „Individuum“ ist, welches so etwas wie Weisheit ausbilden oder erwerben könnte. Sind die Einzelnen weise und ihre Taten, dann können sie dies auch in die Gruppe einbringen. Leben die Einzelnen schlecht, bevormundet, gehorsam, arm, unter Druck – dann ist auch ihre Reaktion in der Gruppe so.

Bürgerliche kommen dann immer mit „Jugendgangs“ oder „Fußballgewalt“ – hier ist es mal wieder das gute alte runde Leder, das herhalten muss: Fans sind in Gruppen aggressiv.

Ja, weil sie vorher als Einzelne vom System zB auf dem sogenannten „Arbeitsmarkt“ fertig gemacht wurden und sich Wut angestaut hat. Dann kommen Gleichgesinnte, Vertrauen und Enthemmung dazu und es tritt offen zu Tage, was vorher aus Angst vor Sanktionen in jedem schlummerte – Aggressivität und fehlendes Bewusstsein, für den Urheber dieser Aggressivität. Dafür können aber Fußballfanorganisationen nichts, sondern die Umstände der zentralistischen Gesellschaft erschaffen erst den sog. Problemfan. Der Problemfan ist einer, dem immer wieder von der Staatsbürokratie oder vom Unternehmertum Probleme gemacht wurden und der die angestaute Wut im Stadion oder während der dritten Halbzeit rauszulassen versucht. Im Schutz anderer, weil er allein fürchtet für seine Reaktion noch mehr fertig gemacht zu werden. Es handelt sich quasi um fehlendes Bewusstsein, welches auf eine Ersatzbefriedigung für die ausstehende soziale Revolution trifft. Auch das „Sportpalastbeispiel“ aus dem sog. „Nationalsozialismus“ hinkt, aus oben erwähnten Gründen: Was für Leute sind denn zu Goebbels Reden hingekarrt worden? NSDAP Hardliner, die man unter die Besucher gemischt hatte. Und die Besucher? Jahrelange Tyrannei der übelsten Sorte soll an ihnen spurlos vorübergegangen sein? Sind sie etwa als unbeschriebene Blätter ohne Vorbeslastung dort hin gekommen? Nein, sie sind als das dort hingekommen, was sich dem historisch interessierten Leser eben auch in der Gruppe gezeigt hat. Das Dasein in der Nähe anderer hat aber keine Kraft auf den Inhalt des Denkens usw. einzuwirken. Es kann nur im Schutz der Masse allgemein gehegte Vorstellungen und unbewusste, gemeinsame Gefühle zum Vorschein bringen.

Viel gravierender als dieser naive Umgang mit Kausalität aber ist, was sich im Folgenden äußert:

„Unsere sozialen Strukturen hemmen uns“

Zunächst einmal sind die genannten „Strukturen“ nicht „sozial“, sondern herrschaftlich. Sie sind alle durch Zwang von Oben über die Menschen gekommen und nicht etwa Ausdruck eines gemeinsamen Strebens, welches die Menschen bewusst teilen. Ihre Rolle in diesen herrschaftlichen, zentralistischen Strukturen ist arg begrenzt, insofern wird schon „gehemmt“, aber nicht durch „soziale“ Einrichtungen, etwa die Zwischenmenschlichkeit, sondern durch Zwang. Gehorsam hemmt, Zwang hemmt, Angst hemmt, Armut hemmt. „Soziale Strukturen“, also jene, die durch das gemeinsame Zusammenwirken in Freiheit ohne Zwang zustande gekommen sind, hemmen nicht nur nicht, sondern sind Garant unseres Lebens.

Bspw. die Zwischenmenschlichkeit mit ihren mannigfachen Verbindungen über den Globus ist ganz allein Hüterin unseres Lebens als Art – befällt uns irgendwo eine wilde Krankheit, so sind es Menschen überall, die ihrer Herr zu werden versuchen – und in der Steinzeit hatte ein Höhlenbär immer dann schlechte Karten, wenn er nicht einen Einzelnen antraf, den er an Körperkraft und Schnelligkeit übertraf, sondern, wenn er auf einen Stamm gemeinsam agierender Menschen traf, die ihn überwältigen konnten.

Der Kampf ums Dasein ist immer ein gemeinsam geführter Kampf, der erst durch die Zusammenlegung der Kräfte gewonnen werden kann.

Im Zentralismus propagieren die Herrschenden aber etwas anderes – man braucht vereinzelte Sklaven, die eben nicht durch Selbstorganisation die Kraft sammeln können die Verhältnisse auch im Ernstfall zu ändern. Das Leitbild ist kein Teamplayer, denn wer weiß, was sich das Team in den Kopf setzt, sondern ein zwischenmenschlich armer = unfreier Einzelkämpfer, der sich für die Interessen anderer, besser gestellter Leute aufopfert im treudoofen Glauben selbst einmal deren besseres Los zu teilen. Um dies zu stützen wird eine Art politische Religion ins Feld geführt: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, „Krieg aller gegen Alle“ usw., kennen wir. Diese abstrakten philosophischen Vorstellungen sind aber nicht wissenschaftlich haltbar: Es gab nie einen Zustand in der Menschheitsgeschichte, in dem sich die Einzelnen wild gegenseitig bekriegten … außer im Zentralismus unserer Tage, seiner Konkurrenz und seiner Kriege!

Die Herrschenden im Zentralismus wissen selbstverständlich, dass mangelnde Solidarität in ihren Organisationen, bzw. genauer zwischen deren Oberhäuptern nur Schwäche darstellen würde. Sie sind schon immer eine gut organisierte Klasse die einen Klassenkampf von Oben betreibt. Man sieht dies selbst bei ihren lächerlichsten Exponenten. So konnte Marcus Eberhardt in einer Sendung im Hessischen Rundfunk frank und frei seine klassenhygienischen Vorstellungen verkünden, die dieses Klassenbewusstsein der Obrigkeit bestätigten.

Immer dann wenn willige Helfer oder erfolgreich Verwirrte verkünden, dass uns „soziale Strukturen hemmen“ treten sie für die Schwäche der Untertanen und Besitzlosen, für die Macht der Besitzenden und den sie überhaupt erst hervorbringenden Zentralismus ein. Denn nichts anderes als eben unsere Selbstorganisation ohne Bevormundung durch Vertreter der Macht ist es, die uns befreien kann, von dem ewigen Kindergarten, in dem wir eben zu diesen „dummen Herdentieren“ gemacht werden, die wir heute sind. Im Artikel wird zu diesen Problemen, die weltbewegend sind, geschwiegen. Stattdessen werden lächerliche Stecknadelköpfe zu „Worst Case Szenarien“ aufgebauscht: Zum Beispiel Fußball, zum Beispiel „Twitter“ – all das sind Dinge, die vorübergehend eine lächerliche Relevanz in einer verschwindend schmalen Kaste auf dem Planeten haben, während der Zentralismus in der Geschichte der Menschheit demgegenüber einen unvorstellbaren Albdruck überall und durch alle Jahrhunderte hindurch entwickelt hat.

Der Artikel schließt mit dem zentralistischen Vorurteil des Obrigkeitszwanges – es muss einen Chef geben! In Arbeitsgruppen würde deshalb anonym gechattet und der Chef verschleiert, sodass die Menschen kreativer und unbefangener wären. Warum man dann darauf kommt, dass wir von „sozialen Strukturen“ gehemmt werden, statt von der Obrigkeit, ist mir zwar ein Rätsel, aber die Antwort bleibt dieser Artikel leider schuldig, weil er bevor er Mut, progressives Denken und Konsequenz hätte beweisen können, vor der Zeit endet.

Bsp. 4

Das Bürgertum sieht allerdings die meisten Widersprüche, es geht sie bewusst ein, um die eigene wirtschaftliche Position in der Pyramide der Lohnarbeit bspw. beizubehalten. Auf der bereits erwähnten Podiumsdiskussion fand sich auch ein Politiker des deutschen Staates wieder, der Partei „Die Linke“. Er stellte natürlich klar, dass er Staat und Stellvertreterpolitik wollte – natürlich, denn sie sicherten ihm einen erfüllenden, leichten Broterwerb ohne den Zwang produktiv sein zu müssen und mit dem Vorteil, über andere hinweg im System politisch mündig zu sein.

Trotz allem gibt es im Bürgertum auch immer wieder die Tendenz der Gewissensberuhigung, sodass zwar die Terrasse mit Regenwaldholz gedeckt werden soll, aber dieses Regenwaldholz sollte „fair trade“ sein – so versuchen Reiche den Ball wieder zu den Opfern ihrer Gier zurückzuspielen: Regenwald und Regenwaldbewohner sollen noch dankbar sein, dass er/sie dieses „fair trade“ Produkt gekauft habe…

Aus einer ähnlichen Motivation heraus werden Kolumnen wie der „Tierfreund“ geschrieben, hier in „Zeit Wissen“.

„Wäre es nicht schön, wenn man sich mit Tieren unterhalten könnte? Mich würde brennend interessieren, was sich die Meisen am Futterhäuschen zu sagen haben, oder was die französische Bulldogge Crusty so denkt.“ (Ausg. 1/2018)

Während diese Zeilen in ein Massenmedium getippt wurden, siechen Millionen Arme und Rentner auch in der „Bundesrepublik“ unmündig und ohne angehört zu werden vor sich hin. Weitere Millionen Menschen werden durch Krieg mit deutscher Beteiligung aus ihrer Heimat gezwungen, hier vorwurfsvoll empfangen und dann ebenso ungehört in Lager gesteckt. Weltweit werden Milliarden Menschen nicht gehört, die schuften, damit man in Deutschland bei Kik und Co. Einkaufen gehen kann, „für kleines Geld“ mit riesigen Profiten, dank mikroskopischen Löhnen.

All diese Heerscharen von in ihrem eigenen Leben Unmündigen wandeln umher – zwischen den Ansprüchen der Wirtschaft und der Politik und der Juristerei an sie, ohne, dass sie die Möglichkeit hätten auf ihr Selbst in angemessener Weise als Kompass des Lebens zu hören.

In so einer Welt fragt sich diese Kolumne, was „Meisen“… am „Futterhäuschen reden“.

Während Tausende, ohne gehört zu werden, an sog. „Tafeln“ anstehen, um nicht zu hungern.

Dieses Missverhältnis zwischen Realität und Wahrnehmung in der Kolumne zeigt besonders deutlich, dass sich „Zeit Wissen“ an Kreise richtet, die fern jeglichen Mangels leben. Der Titel steht hier eher für Leute die „Zeit“ haben. Der Grund dafür ist wirtschaftlicher Wohlstand auf Kosten anderer. Sich dessen nicht bewusst werden zu müssen, kein nagendes Gewissen verspüren zu müssen, deshalb wird das Gewissen mit Ersatzbefriedigung gefüttert, wie zum Beispiel Alibi-Kämpfen um das Verständnis für Tiere. Zeit Wissen schaltet eine Kolumne, die Tierfreund heißt, in einer Zeit, in der Menschenfreunde dringendst gebraucht werden – das ist nicht nur die Abwesenheit von Kampf gegen die Probleme der Gesellschaft, sondern es ist die tatkräftige Stabilisierung des krisenhaften Zustands einer kapitalistischen Gesellschaft. Entschlossenes Wegschauen in einer Zeitung heißt immer den Blick der Leser ebenfalls abzuwenden.

Bsp. 5

„Citizen Science“ ist eine weitere Kolumne von „Zeit Wissen“ und soll darstellen, wie Fachfremde, manchmal ohne, manchmal mit akademischer Bildung Wissenschaft betreiben. Natürlich wird von Anfang versucht, das ganze in kompromisslerisches Fahrwasser zu lenken.

Zunächst heißt das Ganze ja schon „Citizen Science“ – es soll sich also grundsätzlich jeder Teilnehmende als „Citizen“, = Staatsbürger, fühlen – das wird damit von Beginn an transportiert. Von Anfang an ist bei dem Namen klar: Egal was hier erforscht wird, es soll den Menschen nicht dazu befähigen, jemals über das Dasein als „Citizen“ hinauszugelangen.

Ferner lesen wir im Artikel „Feinstaub in der Falle“ (Ausg. 1/2018) über selbstgebaute Messstationen für Feinstaub im Schwoabeländle. Selbst diesem ungefährlich wirkenden Projekt wurde ein ökonomischer Frame verpasst, in dem der Artikel damit schließt, dass der Bausatz (günstig) in China produziert wird… sprich auch hier soll alles beim alten bleiben: deutsches Bürgertum soll profitieren, chinesische Arbeiter sollen produzieren. Und das aberwitzige ist ja gerade, dass Millionen Menschen in China unter Luftverschmutzung leiden, die das Maß in Deutschland astronomisch übersteigt. Währenddessen wird weiter Smog freigesetzt, durch u.a. die Produktion von Feinstaubsensoren für’s Schwoabeländle.

„Zeit Wissen“ ist kein neutrales und schon gar kein progressives Magazin. Man kann es anhand von Wortwahl, Themenauswahl und Blickwinkel aufs Thema, geschaltete Werbung und Aufmachung als

Manifest kapitalistischer Wirtschaft, bürgerlicher Herrschaft und bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs identifizieren. Es ist eine Kampfansage an alle sozialen Bestrebungen, die gesellschaftliche Ordnung durch Abschaffung staatlicher und kapitaler Abhängigkeit herstellen wollen. Besonders fällt der Widerspruch auf, zwischen moderner Gestaltung und inhaltlich überkommenem, wie zum Beispiel die Hypotheken zentralistischen Denkens denen das Blatt Kontinuität verleiht. An zweiter Stelle steht eine bewusst gewählte Oberflächlichkeit, die just in den Momenten auftaucht, in dem Themen die Soziale Frage berühren könnten. Dann rutschen die Autoren meist ins Reich der politischen Metaphysik ab oder flüchten sich in philosophische, intellektuelle Höhenflüge, weg von der Realität jedenfalls.

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