„Was ist ‚Sünde‘, Mama?“ „Weißt du noch, als du die Katze angezündet hast?“

Film-Doppelbesprechung: „Leviathan“ (2014) & „Die dunkle Seite des Mondes“ (2016)

Ich möchte einen deutschen und einen russischen Film im Folgenden besprechen, um einen Vergleich anzustellen, wie beide zeigen, was den Menschen ähnliches, unabhängig von politischen Grenzen, widerfährt und um die Filme zu bewerten.

2014 erschien der russische Film „Leviathan“, von Andrei Swjaginzew. In ihm wird geschildert, wie die russische Bürokratie über eine Gruppe Menschen herfällt, einen Vater, seinen Sohn und die Freundin des Vaters, die nicht die Mutter des Sohnes ist. Zuerst wird die Familie enteignet und der Streit vor Gericht durch Seilschaften zugunsten des Staates (in Person eines korrupten Politikers) entschieden. Der Anwalt des Mannes hat im Verlauf eine Affäre mit der Freundin des Mannes. Darauf zerbricht dessen Rückhalt und schließlich wird die Frau tot aufgefunden. Die Obduktion führt zum Mordverdacht und der „betrogene“ Mann wird eingesperrt und sein Sohn kommt zu Bekannten. Das Haus wird abgerissen. Der korrupte Politiker lässt auf dem Grundstück eine Kirche bauen. Mit dem Klerus und den Vertretern der Justiz unterhält der Korrupte eine inoffzielle Verbindung, die im Film aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass die offiziellen Organe des Staates weniger menschenfeindlich wären – es geht dem Film um die „Macht“. Er unterscheidet nicht zwischen der „legitimen Macht“ und einer „illegitimen Macht“ – Fazit des Films ist „Alle Macht kommt von Gott“. Diese Phrase tritt immer dann auf, wenn Unrecht passiert zugunsten der erwähnten Seilschaft und dieses Unrecht später den Menschen erklärt werden soll. So erklärt ein Pfaffe dem Mann, der seine Familie und das gemeinsame Zuhause verliert, dass sein Schicksal irgendwas mit einer Geschichte in der Bibel zu tun hätte, der literarischen Grundlage der christlichen Religion. Bei der Einweihung der Kirche, die auf dem Platz gebaut wurde, an dem das Haus der Familie stand, erklärt ein hoher „Geistlicher“ der Gemeinde, dass die „Wahrheit“ immer mit „Gott“ verknüpft sei. „Gott“ und damit seine „Vertreter“ haben die „Wahrheit“ gepachtet und statten die ihnen (und damit „Gott“) Wohlgesonnenen mit dem wohlfeilen Vorteil aus, eine Verdummungsmaschine für ihre Zwecke benutzen zu können – den „Glauben“, der immer dann, wenn Antworten fehlen und Widersprüche in der Ausbeutung und in der Herrschaft auftreten, alles glattbügelt mit einem Singsang aus irgendwelchen Geschichten aus irgendeinem Buch. Die Kirche schafft es im Film, die Menschen ähnlich dem Fernsehen, vollkommen loszulösen von der Realität und sie einzulullen in eine abstrakte Rechtfertigung der sie umgebenden, sie fesselnden „Macht“. Im Gegenzug für diesen seelischen Zersetzungsdienst liefern Justiz und Politik eine nagelneue Kirche, Spenden und den militärischen Schutz der „Geistlichkeit“.

pfaffen

Das Bild zeigt beispielhaft Pfaffen und ihre Rolle in der Macht

„Leviathan“ ist mutig und weniger subtil und feige, wie wir es vom deutschen und us-amerikanischen Kino des Bürgertums gewohnt sind.
Dennoch: Dieser Film endet zu früh. Er verebbt an der interessantesten Stelle. So gut es auch ist, dass er die Verhältnisse relativ schonungslos darstellt und damit im modernen feigen und angepassten Kommerzkino beinahe alleine dasteht in Europa und gleichzeitig gute Qualität liefert, fehlt doch der Widerstand. Ich höre immer wie die Kunst gelobt wird, so ein tolles Refugium für die Zukunft und die Menschlichkeit zu sein… aber wenn man sie nicht nutzt um daraus zu schöpfen, beispielweise Lösungen für die Probleme der Gegenwart zu suchen, was ist diese scheiß Kunst dann wert? Auf „Leviathan“ bezogen bedeutet das, dass der Künstler die Macht hatte, diesen Verhältnissen zu begegnen und eigene Antworten aufzuzeigen. Das fehlt leider – am Ende geht alles in einer von der Realität abgekehrten Predigt unter und die russische Bourgeoisie triumphiert.
Aber vielleicht ist das auch das Richtige? Die Antworten müssen schließlich von den einzelnen Menschen kommen.
Der Film ist auch sehr unterhaltsam, aber nur für Menschen, die der Trinkkultur um den Vodka etwas abgewinnen können – für Abstinenzler und Heilige ist das sicher nichts. Auch zeigt der Film Dinge, die einfach Spaß machen und die bestimmt bei dem ein oder anderen Vegan-Heiligen auf Widerspruch stoßen würden: „Rumballern“ zum Geburtstag, Fleisch, Saufen, Auseinandersetzungen mit der Faust austragen… aber wie gesagt: es sind nicht die Heiligen, die die Welt verbessern werden, für die Menschen. Wir selbst müssen es gemeinsam tun. Der Film zeigt den Grund für solches Handeln: Den traurigen Zustand der menschlichen Gesellschaft durch die „ganz normale“ Knechtschaft vieler.

Zwei Jahre später bringt Stephan Rick den Film „Die dunkle Seite des Mondes“ heraus.Es ist eine Kinoversion des Buches von Martin Suter. Der Autor ist durch seine literarischen Schilderungen aus den vom Leben entfremdeten Manageretagen bekannt, die nicht gerade beschönigend ausfallen.
Im Film geht es um einen Teilhaber in einer Firma, die andere Firmen aufkauft und sie somit ihrem Machtbereich einverleibt. Profiteur ist ein Reicher, der auf einem Landsitz wohnt und sein Handlanger ist der Teilhaber, der auch der Vollstrecker bei den „Fusionen“ genannten Übernahmen ist. Der Handlanger lebt ein Leben, welches seinem „Beruf“ entspricht. Es ist eine einzige Pose, vollkommen entfremdet. Die Illusion dieses theatralischen Lebens bröckelt, als der Handlanger eine Affäre mit einer jungen Frau beginnt, die ihn zu einem Pilztrip mitnimmt. Der Handlanger bekommt darauf Gewaltausbrüche und schreibt sie Fehlern bei der Pilzwahl zu. Schließlich kommt heraus, dass der Pilz, den er für sein Verhalten verantwortlich machen will, keine Wirkstoffe enthält und somit er selbst die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Es ist dieser Zerstörungswahn der ihn für den Reichen so nützlich machte – eiskalt die „Konkurrenz“ auszustechen. Es ist dieses kapitalistische „Business“, das ihn zur Bestie gemacht hat. Doch der Handlanger entdeckt, dass ein bestimmtes Medikament tödliche Nebenwirkungen hat, vertrieben von einer Firma mit der die nächste „Fusion“ ansteht. Er weigert sich die „Fusion“ zu vollziehen und will mit einem Gutachten an die „Öffentlichkeit“. Letzten Endes wird er erschossen, von dem Reichen, der auch die Unterlagen verbrennen kann.

Frankfurt: verzerrt und aufgebläht durch kapitalistische Propaganda-Architektur, hier spielt „Die dunkle Seite des Mondes“

Der Film „Die dunkle Seite des Mondes“ basiert auf verschiedenen abstrakten Begriffen und fasst daher trotz berechtigter Kritik, die er am Einfluss des Kapitalismus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen äußert, die gegenwärtige Situation falsch auf.

1. Stockholmsyndrom: Arno Gruen beschreibt als Psychiater Fälle, in denen Traumatisierte Erlösung von jenen erwarten, die für das Trauma, die Verletzung, verantwortlich sind. Irgendwie fällt der Regisseur oder auch der die literarische Grundlage liefernde Autor ebenfalls darauf herein: Im Einzelkämpfermodus versucht der „einzige gute und aufrechte“ Kapitalist das System zu stürzen… er scheitert zwar, aber das damit verbundene Denken bleibt zurück.

2. „Öffentlichkeit“: jene „Öffentlichkeit“ an die sich der „eine gute aufrechte“ Kapitalist wenden will ist auch nur eine Abstraktion. Es scheint, als ob der Film verschleiern will, dass da draußen Viele mit Gemeinsamkeiten sind, Einzelne, Seelen. Die Abstraktion verformt die realen, handelnden Menschen im Geist zu leeren Kollektivbegriffen ohne eigene Verantwortung. Dies stützt den systemrelevanten Glauben an Martyrer und Heilige, Retter oder Superhelden, an die die Ausgebeuteten gerne glauben, um nicht selbst aktiv werden zu müssen. Sie warten und riskieren lieber nichts. So bleibt alles wie es ist, denn jene angeblichen Superhelden sind die Verursacher der Probleme und damit sind wir wieder bei Punkt 1. angelangt.

Eine weitere Ebene, die dem Film nicht gerade zum Ruhmesblatt gereicht, ist die Mystifizierung der gesellschaftlichen Problematiken. Im Film werden einige Metaphern und Sinnbilder verwendet, so beispielsweise ein Wolf, eine Höhle, der Wald, die Metropole usw. Anstatt sich jetzt ans Deuteln dieser Bilder zu machen, habe ich die Schnauze voll und konstatiere mangelnde Klarheit. Wie oft wurden Tiere und Menschen verglichen und kam dabei jemals irgendetwas sinnvolles heraus? Nein. Es ist immer wieder das selbe: Hier finden Probleme statt und nur wir können sie selbst hier lösen – sie werden nicht in Paradiesen, Scheinwelten und abstrakten Begriffen in den Reden irgendwelcher Intellektueller oder Künstler gelöst, nur hier und jetzt, im Alltag, im Miteinander, auf der Arbeit, zu Hause – überall wo Leben ist. Aber die vom Leben abgewandten Begrifflichkeiten und Bilder flüchten diesen Konflikt und verschleiern so Handlunsgbedarf. Ich finde das ist ein grober Mangel und wünsche mir Kino und Literatur, welche den Mut besitzen auf die Verwirrung der Geister durch Abstraktion zu verzichten und dafür den eigenen Standpunkt klar nennen. Sicher: Dieser würde natürlich dadurch angreifbar und verlöre seinen Schein von „endgültiger Wahrheit“, aber dafür wäre das alles dann echt und bedeutend. Die Verschleierung der Botschaften und ihre dadurch hervorgerufene Vieldeutbarkeit ist nämlich nichts anderes, als ein Symptom der Ideologie der Macht. Ihr liegt das Bestreben der Künstler zugrunde eine gewisse „Kritik“ zu äußern, aber dennoch im Establishment beliebt zu sein. Sie wollen es „allen recht machen“, um auf einer Erfolgswelle getragen zu werden und vergessen dabei, dass dies Feigheit und Unterlassung ist, wenn in der Realität tödliche Widersprüche zwischen Menschen herrschen.
„Leviathan“ hat auf den „Rettertypus“ verzichtet und bleibt der traurigen Realität verpflichtet. „Die dunkle Seite des Mondes“ flüchtet sich in die Verschleierung und Abstraktion und bleibt damit dem Erfolg verpflichtet – was denkst du darüber? Kennst du noch mehr Beispiele, mit Filmen, die mit pseudorevolutionärer Haltung spielen, aber im Grunde nur die herrschende Odnung der Knechtschaft bestätigen um everybodies‘ darling bleiben zu können?

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