Bürgertum und Selbstverrat – Kommentar zu einem Kino-Abend

Seit einigen Tagen läuft der Film „Der Nachtmahr“ in den deutschen Kinos. Heute Nacht habe ich mir die Spätvorstellung gegeben und hatte auf dem Heimweg genug Zeit darüber nachzudenken. Meine persönliche Ansicht zu dem Streifen ist die Folgende:

Die Protagonistin Tina lebt mit ihren Eltern in einer bürgerlichen Hauptstadt-Idylle. Die Eltern spielen Ehe, nach den Rollen-Mustern des Establishments, garniert mit Tischdeko für Sie, Ledersitze für Ihn und dem Gymnasium für Tina. Die Charaktere des Films leben alle in diversen, sich überlagernden, Posen. Egal ob Techno-Clique oder spießiges Elternhaus – wirkliche Persönlichkeiten sind kaum erkennbar. Kommunikation besteht aus allgemeinen Redewendungen, das Verhalten ist theatralisch und den Situationen gemäß vorprogrammiert.
In diese Beschreibung der Gegewart bricht schließlich ein Wesen ein, das aussieht, wie ein missgebildeter Fötus, nur eben größer. Etwas mehr als einen halben Meter hoch, glitschig, verkümmert und gräulich, taucht es in Tinas Wahrnehmung auf, wenn sie träumt oder im Party-Exzess ohnmächtig wird. Im Laufe des Films wird es immer realer und schließlich nehmen auch andere Personen dieses Fötus-Wesen wahr. Die Eltern reagieren entsetzt und versuchen das Wesen zu bekämpfen – wobei alles, was das Wesen trifft, auch Tina zuzusetzen scheint. Die beiden sind über eine subtile Art und Weise verbunden. Als das Wesen in eine Forschungseinrichtung verbracht wird, leidet Tina. Sie hat sich mit dem zunächst furchteinregenden Eindringling angefreundet und rettet ihn aus der Einrichtung. Anlässlich einer herausgeforderten Konfrontation zwischen dem Wesen und ihren Freunden demonstriert Tina Einigkeit mit dem Wesen. Sie wirkt stolz, würdevoll, zum ersten Mal im Film. Alle anderen sind gefangen in ihren Mustern: Handy raus, Video machen.

Das gleichnamige Bild von Fuseli hat scheinbar in mehr als einer Beziehung dem Film Modell gestanden.

Das gleichnamige Bild von Fuseli hat scheinbar in mehr als einer Beziehung dem Film Modell gestanden.

Das Wesen, welches in die bürgerliche Utopie einbricht steht für Tinas Ich. Ihr Selbst, welches irgendwann auf der Strecke geblieben ist und immer wieder von Schule, „Erziehung“, Parties und Drogen betäubt werden muss. Auch der Psychiater nimmt sich hier nicht aus, der auf Tinas „Problem“ angesetzt wird und es mittels Tabletten zu beruhigen sucht.
Der Film beschreibt damit die Abspaltung der eigenen, verkümmernden Persönlichkeit derer, die in die Pose der bürgerlichen Lebensweise verfallen und ist damit auf psychologischem Gebiet hervorragend treffsicher, was eines der Grundübel im Geist des Menschen heutzutage betrifft.

„Der Verrat am Selbst“ wie es der Psychiater Arno Gruen nannte. Das eigene Denken ist eingefasst in abstrakte Begriffe und theatralische Verhaltensmuster. Das Beispiel „Geburtstag“ zeigt ganz gut, dass es gar nicht um Tina dabei geht, wenn die Eltern sich um den gedeckten Tisch versammeln. Es geht um die Erfüllung von toten Ritualen, eine Art soziale Religion, die die Zugehörigkeit zur besitzenden Klasse aufzeigen soll. Mit „Geschenken“ huldigt man dem Begriff von Eigentum, an den der eigene Aufstieg, die angenommene Lebensgrundlage der kapitalistischen Pseudorealität, geknüpft ist. Doch Tina rebelliert – sie sieht die Intrige dahinter, dass die Eltern verschweigen, ihr Wesen in die Forschungseinrichtung gebracht zu haben, um die Szene wieder zu befrieden.

Besonders gelungen sind die Szenen der Verzweifelung der Eltern, wenn sie Tina „Familie“ und „Gefühle“ vorheucheln, wobei alles nur daran gesetzt ist, ihre eigene Lebensweise zu retten. Diese Lebensweise der Pose wird von Tina gestört, die zunächst als wahnsinnig abgestempelt wird. Doch durch ihren „Wahnsinn“, der sich später als echt herausstellt, durchbricht sie die Trennung zu ihrem Selbst kann durch die Rettung des Wesens zu sich selbst finden.

Das Ende steht für die erfolgreiche Integration ins eigene Ich: Tina wird durch den angreifenden Vater ohnmächtig geschlagen, der in der Annahme das Wesen zu prügeln, Tina trifft. Sie kommt zu sich. Im entwendeten Auto ihrer Eltern. Das Wesen hat sie diesmal gerettet und hat das Steuer übernommen. Die Abschluss-Szene steht dafür, dass ihr Selbst nun ihr Schicksal lenkt. Die Nacht, in die beide rausfahren, soll das Leben verdeutlichen, das vor Tina liegt. Darin zeigt sich der Coming-og-Age Anteil des Films am deutlichsten. Die Dunkelheit repräsentiert dabei die Fülle an Möglichkeiten, die Freiheit, die Tina hat, wenn sie aufhört in den abstrakten Schranken ihrer Umgebung zu leben. Zwanghaft bunte Techno-Parties, bescheuerte Deko auf dem Esstisch oder wahnsinnig modische Klamotten sind letztendlich doch nur Teil einer abstrakten Weltanschauung, die auf Eigentum, Herrschaft und Gehorsam basiert, statt auf echter Gemeinschaft mit persönlicher Freiheit.

Der Film ist daher eine gute Bestandsaufnahme der heutigen Lebensweise, besonders ihrer Folgen für die Persönlichkeit und die Psyche des Menschen. Allerdings versäumt er gangbare Wege aufzuzeigen, wie die Gesellschaft da herauskommen könnte. Mit der Endsequenz versumpft „Der Nachtmahr“ in individualistischem Morast und bleibt damit in der bürgerlichen Anschauung verfangen, die ganz klar in erster Linie als Ideologie des Gehorsams gegen den Gemeinschaftssinn des Menschen gerichtet ist. Kritischer Individualismus bleibt beherrschbar und stellt nur eine jugendtaugliche, systemstabilisierende Spielart des Konservativismus dar.

„Schade“, dachte ich mir, als ich unter dem Sternenzelt nach Hause ging. Der Streifen hätte gerne noch eine Stunde weitergehen können, technisch war er wirklich innovativ. Dummerweise ebbte er am Ende inhaltlich ab. Coitus interruptus kurz vor dem möglichen Orgasmus sozialer Relevanz. Die Ernte, Ausblick auf sozialen Fortschritt, verschimmelt nun im Keller falscher Bescheidenheit.

P.P.S.: "Doppelt Schade" dachte ich mir, als ich dann noch einen Flyer fand, der das Ende Uwe Boll's Regietätigkeit ankündigt, mit einem letzten Kinotermin in Mainz, im Capitol. Das sollte man eigentlich nicht verpassen, also wer von euch Bock hat: 19. August 2016. Ein Lichtblick: Es wird der letzte Teil der Rampage-Reihe gezeigt. "Rampage: President Down" (2016).
Wahrscheinlich ist es sowieso nur eine weitere Täuschung von Boll's Widersachern im Film-Establishment. Wer weiß!
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