Einfach prechtig, dieser Spiegel-Bestseller

Alle Klarheiten beseitigt?

Richard David Precht – mehr Model als „Philosoph“, mehr Modephilosoph nach Rainald Grebe – veröffentlichte im Goldmann Verlag bereits 2007 sein Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. Es gelangte nicht plötzlich zu Ruhm, sondern sukzessive. Heute empfehlen es mir Sinnsuchende, Leute, die sich in Bahnhofsbuchhandlungen herumtreiben und jene, die sich tatsächlich auf die Suche nach dem eigenen Selbst gemacht haben. Dieser Umstand allein, nicht die laut Spiegel angebliche Bedeutung des „Bestsellers“, veranlasst mich zu dieser Rezension, denn das Buch bietet für alle drei Gruppen keine Vorteile, nur Nachteile.
Zunächst lesen wir auf dem Cover bereits den Warnhinweis: „Spiegel-Bestseller“. Wer davon noch nicht abgeschreckt ist: „Eine philosophische Reise“. Kann die Beantwortung der Frage „Wer bin ich“ denn überhaupt mit „philosophischen“ Mitteln durchgeführt werden? Selbst Precht bricht mit der Philosophie und zieht die naturwissenschaftliche Forschung hinzu – jedoch nicht konsequent. Immer dann, wenn seine Gedankengänge drohen, überhaupt nicht mehr nachvollziehbar zu sein, bedient er sich der „objektiven Wissenschaft“ – mit kritischem Blick, wie man ihm zu Gute halten muss.
Bis Seite 135 ist das Buch tatsächlich eine „philosophische“ Gähnreise, streift die Frage nach dem eigenen Ich nicht mal, sondern beantwortet nur die Frage „Welcher Intellektuelle hat was zu welcher Zeit über das Ich gesagt und was sagt die Hirnforschung dazu?“. Um Thomas Henry Huxleys (1825–1895) Ablehnung des „Guten im Menschen“ („Für Huxley war der Mensch schlecht[…]“) zu entkräften schreibt Precht:

„In England, dem Land, in dem er lebte, gab es Gesetze, das Töten und Bestehlen von Menschen war verboten, der Staat war geregelt, und die Bürger konnten auf die Straße gehen, ohne jederzeit um ihr Leben fürchten zu müssen.
Wo aber kam diese Ordnung her? Nun, die Zivilisation und die Kultur bändigen das Zusammenleben der menschlichen Bestien, meinte Huxley.“

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als „geregelt“ oder „furchtlos“ zu beschreiben, ist – um es gelinde auszudrücken – „ahistorisch“. Denn verhungernde Proletarier, Insassen der Kolonien und viele weitere Millionen Menschen (Ich-Suchende beschränken sich nicht nur aufs Bürgertum, Herr Precht) bangten jeden Tag um ihr Leben und hatten nicht nur Existenzängste, wenn sie „auf die Straße gingen“, sondern auch überall sonst. Die Mehrheit der Menschen des Planeten musste darunter leiden, dass sich das Bürgertum „ohne Angst auf die Straße wagte“.
Und überhaupt – wieso wirft Precht Begriffe wie „Kultur“, „Zivilisation“, „Staat“ und „Gesellschaft“ derart unreflektiert durcheinander? Wie soll das zur Ich-Findung beitragen, wenn hier bei den Grundlagen schon Verwirrung und heilloses Chaos herrscht, wie bei allen Intellektuellen, die er so gerne in seinem Buch zitiert? Wie will er auf dieser schwammigen, tendenziös-bürgerlichen Grundlage zum Wesenskern des Menschen durchdringen? Auf diese abstrakte Weise wird es nicht gehen und das ist auch das einzige, was Precht im Rest seines Buches bestätigt.
Von der zentralistischen Denkweise, die er von seinen intellektuellen Lieblingen durch die Kontinuität abstrakter Begriffe und Metaphysik übernimmt, fällt er immer wieder auf die falschen Füße, auf die seine „Reise“ somit gestellt ist, zurück und gelangt nicht zur Beantwortung seiner eingangs gestellten Frage. Was mir scheiß egal ist – er hat seinen tollen Job und seine väterliche Selbstzufriedenheit – Millionen Menschen da draußen haben Hartz 4 und sind vor allem abgespalten von ihren Gefühlen und Bedürfnissen – sie leben ein hartes Leben gegen diese Gefühle und Bedürfnisse und damit gegen ihr Selbst, gegen ihr Ich.
Für diese Menschen die Frage nach dem „Ich“ mit der abstrakten Herangehensweise von Laber-Philosophen beantworten zu wollen, von sogenannten „objektiven Wissenschaftlern“ oder Psychologen, die genauso die menschenverachtende, vom Leben abgewandte Denkweise ihrer Vorgänger geerbt haben, ist in ihrem Fall nichts anderes, als die Konsolidierung ihres schmerzlichen Zustandes. Dieses Buch – um es klar zu sagen – stellt die Frage „Wer bin ich?“, um sie nicht zu beantworten.
Um diese Frage zu beantworten muss man beim Menschen beginnen – bei diesem Wesen, welches sich aus der Gesellschaft entwickelte, wie es Precht ja auch durch den Druck der Forschung zugeben muss. „Menschen sind keine gnadenlosen Einzelkämpfer“. (136)
Aber was heißt das? Hier vollzieht Precht nun eines seiner auf der Uni erlernten Kunststücke, zur Rettung der bürgerlichen Ordnung: Statt nun chronologisch weiter zu gehen, also von der Sippe, der Gruppe, dem Verbund, der Gesellschaft, die den Menschen gemacht hat, darauf zu kommen, dass jene im Unrecht sind, die behaupten, der Staat hätte den Zusammenschluss des Menschen und damit seine ökologische (und wirtschaftliche usw.) Potenz geschaffen (der Staat und seine Vergötterung kamen erst später), wirft Precht den Begriff „Staat“ und „Gesellschaft“ einfach analog ein. So wie wir ihn alle in der uns umgebenden bürgerlichen Herrschaft, die Precht als zweites Kunststück „Ordnung“ und „ziemlich gut geregelt“ nennt, bitter erlernen mussten. Er hinterfragt hier gar nicht – das gleiche macht er mit „Zivilisation“ und … „Kultur“ – und versteht deshalb auch Nietzsche nicht, den er zu Beginn seines Buches herannimmt:
Schon Nietzsche erklärte, dass „die Deutschen“ mit konsolidiertem Staat, mit zentralistischem Reich, den Untergang ihrer kulturellen Fähigkeiten besiegelten. Ein Unterschied zwischen Kultur und Staat, der ein besonderes Licht auf die Ich-Frage werfen könnte? Nein, für Precht ist das alles nebensächlich, er setzt sich lieber mit den Intellektuellen und ihren detaillierten Träumereien auseinander, ohne den Mut, eben jene Grundlagen unseres Lebens zu hinterfragen, die uns aufgezwungen wurden. Stattdessen hinterfragt er lieber jene, die uns nicht aufgezwungen wurden, die nun einfach mal da sind – wie das Gehirn. Aber nicht so, wie es zur Ich-Frage hätte beitragen können: Nicht so, dass der Leser danach seine Hirnaktivität spürt, oder ein Körpergefühl bekommt, welches er zur Ernährung seiner grauen Masse besser nutzen könnte. Nein, Precht beschreibt das Gehirn abstrakt, so wie es andere sehen, nicht wie es von einem Ich wahrgenommen werden könnte.
Weiter geht’s:
„Das Gesetz in mir. Warum soll ich gut sein?“
Diese Frage impliziert: Es gibt ein „Gesetz“ in meinem „Ich“ drin. Der abstrakte, von Menschen gemachte Begriff, der nur dadurch Bedeutung erhält, dass man an ihn glaubt, wird zu einem Teil des Ichs erklärt, auf dessen Suche sich viele von Prechts Lesern begeben. Damit festigt Precht als drittes Kunstsückchen die Ideologie der Herrschaft erneut: Ihr wichtiger Bestandteil „Gesetz“ wird zu einem natürlichen Teil des Ich umgedeutet. Um das dann schön im Leser wirken zu lassen, kommen einige langweilige Kapitel mit den Tränendrüsenfragen des deutschen Fernsehens: Sterbehilfe ist auch dabei – den ganzen eklig verlogenen Kitsch den man schon im „Religionsunterricht“ oder im „Sozialkundeunterricht“ bis zum Erbrechen über sich ergehen lassen musste. Kein Wunder, dass das Buch zum Bestseller wurde – es dockt dort an, wo das Schulsystem und die uns umgebende Kulisse an Medien und Shows bereits Vorarbeit geleistet haben und die Rezeptoren geschaffen haben, an denen dieses Wiederkäuer-Buch ohne Probleme kitzeln kann.
Es wird dann im Folgenden immer peinlicher: „Dürfen wir Tiere essen“, „Wie sollen wir mit Menschenaffen umgehen“ usw. Damit kann sich der Bestseller dann auch im Wandschrank eines Veganers wiederfinden – eine geniale Verkaufsidee, aber inhaltlich nicht wirklich zielführend, wenn es um das eigene Ich geht, mit irgendwelchen Viechern anzufangen.
Von den Tierrechtlern, die Millionen Proletarier im Sumpf von Krieg und Ausbeutung ohne mit der Wimper zu zucken, verrecken sehen, geht es dann über ebensolche Dominikaner zu „Gott“ usw. Wie schon vorgewarnt, lässt Precht keinen dieser schmierigen, heuchlerischen Gemeinplätze des Establishments aus. Ich gehe auf diesen Gedankendreck nicht näher ein, ich will nur klarstellen, dass all das nicht die Frage „Wer bin ich?“ beantwortet, sondern den Zustand des Fehlens einer Antwort konsolidiert.
Und wieder weiter: Auf Seite 327 zitiert Precht dann was Gutes, ohne die Umstände zu nennen, die Entwicklungsgeschichte, wie etwa in den Kapiteln davor, des Gedankens aufzuzeigen, weil er hier wahrscheinlich auch Probleme bekommen hätte. Diese Probleme hätten darin bestanden, dass er bei der Betrachtung des „Eigentums“ durchaus bürgerliche Pfade hätte verlassen müssen, um annähernd objektiv zu bleiben, aber dadurch ja den Boden jener famosen „Neutralität“ verlassen hätte, wie ihn uns die lieben Intellektuellen stets bereiten…
Das Zitat stammt von „Sir“ William Blackstone, von 1766: demnach sei Eigentum „despotische Herrschaft“. Applaus! Aber wie weiter? Und welchen Anteil hatte die römische Militärgeschichte, genauer die „Besoldung“ der Soldaten daran? Aber das lässt Precht alles weg und fällt gleich über sein eigenes Bein: Das Eigentum stellt er in Frage, er will uns sogar seine Obstbäume schenken, aber den Staat will er beibehalten – wobei er eben noch erklärte, mit den Worten von Blackstone dass Eigentum Herrschaft sei… aber halt: Genial wie Precht ist, trennt er Eigentum und Herrschaft im Widerspruch zu Blackstone voneinander: Eigentum sei deshalb keine Herrschaft, weil man ja nicht so mit dem Eigentum umgehen könne, wie man wolle – der Staat würde ja verbieten, das Eigentum Altöl in den Gartenteich zu kippen……… Wow.
Was beim Altöl klappt, scheint bei Panzern und Uran nicht zu klappen. Und irgendwie bei Altöl auch nicht, denn die Meere sind voll davon. Außerdem klappt das was Precht sagt irgendwie auch nicht bei Vermietern: Sie sind alle davon überzeugt, dass ich als Mieter (igitt, da ist wieder jenes Ich, um welches sich Precht das ganze Buch schon drückt) ihnen gehöre, dass ich ihnen mein Leben – oder zumindest einen großen Teil davon schulde, weil ihnen gehört, womit sie mich erpressen… Also was labert dieser Precht da? Abstrakte Begriffe. Realitätsabkehr. Mehr nicht.
Auf Seite 330 steht dann nochmal ganz genau, wie Precht das ganze sieht und wie er Kant recht gibt, jenem Philosophen, der nach DEM „allgemeingültigen“ Gesetz gesucht hat und es glaubte in einer Neuauflage von „DU SOLLST!!!“ gefunden zu haben. Hier ist jedes zweite Verb „dürfen“ bzw. dessen Verneinung. Auch das ist wieder symptomatisch – statt vom Ich auszugehen, betrachtet Precht alles durch die Brille von Staat und Gesetz. Wo ist da das Ich? Sucht er tatsächlich dort nach dem Ich, wo es die Menschen längst aufgegeben haben? Eben dort, wo sie sich in den abstrakten Buchstaben des Gesetzes flüchten, in die große Ich-Losigkeit der staatlichen Bürokratie? Das ist doch schmerzhaft!
Dann sagt er wieder was Gutes, wenn er davon spricht, mit Simmel wohlgemerkt, dass sich der Einzelne per Eigentum zu vergrößern trachte. Das finde ich richtig und gut, besonders die Politik ist hier in diesem Zusammenhang interessant: Machen sich die Politiker mittels Rechte und Eigentum (=Macht) nicht größer als sie sind? Ich-Erweiterung mittels Eigentum über die Polis hinweg.
Diesen Gedanken finden wir bei Precht nicht, stattdessen kommt er à la Zerzan auf die böse „industrialisierte Welt“ zu sprechen, die angeblich den Konsumrausch entfesselt hätte. Man muss ihm womöglich einmal von der Existenz des Absolutismus berichten, vom Hof von Versailles oder anderen Ausgeburten auf die Spitze getriebener Gottesdienste der Macht…. er betrachtet nämlich einfach nicht die Tatsache, dass es auch darauf ankommt, WER konsumiert. Heute sind es immer noch nicht die Armen und Lohnabhängigen die den bösen Konsum auf die Spitze getrieben haben. Es sind wie immer die Reichen – deren Zahl hat sich vielleicht verändert – aber das auch nur, weil für mehr Reiche heute mehr Sklaven zur Verfügung stehen und diese geschickter Weise im Ausland gesucht werden, während hierzulande eine sozial beschwichtigte „Mittelklasse“ entwickelt wurde. Insofern erfüllt die Nation immer noch eine wunderbare Funktion in der Herrschaft. Sie hat Precht erfolgreich vorgegaukelt, dass er in einer homogenen Gesellschaft lebt, statt in einer Klassengesellschaft. Er benutzt also lieber die Floskel von der bösen Industrialisierung, statt nach dem „Wie“ der Industrialisierung zu fragen, bzw. nach der Beschaffenheit des Konsums aus sozialer Sicht.
Auf Seite 334 zeigt Precht dann auf, dass der Staatssozialismus (er nennt ihn auch so) im Hinblick aufs Eigentum keine besondere Veränderung darstellt und bläst damit nicht in dieses unsäglich dumme Horn der bürgerlichen Autoren, die immer, wenn man sich nicht schnell genug retten kann, davon anfangen, dass der Kommunismus ja das Gegenteil des Kapitalismus sei… statt nur eine andere Spielart desselben Prinzips. Das finde ich auch gut – dass er sagt, dass der staatliche Kommunismus keine Alternative zum Heute darstellt und deshalb auch für die Ich-Suche keine Perspektive bietet, weil das Ich-flüchtende Eigentum und der ebenso beschaffene Konsum dort genauso ihr Unwesen treiben.
Das folgende Kapitel „Das Rawls-Spiel, Was ist gerecht?“ Ist dann wieder richtig Banane. Gleich zu Beginn, Seite 335:

„Machen wir ein Spiel: Wir versuchen uns eine wirklich gerechte und völlig faire Gesellschaft auszudenken! Wir haben ein Spielbrett und einen Satz von Spielfiguren. Sie und ich, wir sind die Spielleiter und können die Regeln bestimmen, damit das bestmögliche für alle dabei herauskommt.“

Die Leute, die sich heute fragen, wer sie sind, fragen sich das deshalb, weil es immer wieder solche „Spielleiter“, solche selbsternannten gibt, die sich in ihr Leben derart eingemischt haben, dass der Eigenanteil daran verschwindend gering wurde. Sie wurden zu „Spielfiguren“, mal mit dem Ziel ihnen eine „faire“, mal eine autokratische Herrschaft zu produzieren. Immer wieder aber ging es darum, dass sie nicht selbst ihre Entscheidungen getroffen haben – DAS ist der große Knackpunkt in der Ich-Suche, einer den Precht ebenso unterschlägt, wie die Ich-Losigkeit der Bürokratie und des Staates und der abstrakten Begriffe: Man fragt sich bei Precht z.B.: Wer ist dieser „Allgemeinheit“? (zB. auf 336)

Allgemeinheit, ein verschwommener Begriff...

Ich sage immer Precht, dabei spricht er ja durch andere zu uns. Da er aber nur bestätigt oder widerlegt und sein Buch keinen innovativen Eigenanteil trägt, also (nicht lachen) kein Ich hat, nehme ich ihn gerne in Sippenhaft, denn wer sich so schön für die Interessen von Intellektuellen und der bürgerlichen Klasse einsetzt, der hat das auch redlich verdient.
Das Traurige, was Precht / Rawls nicht sehen, ist, dass die Menschen wirklich so leben: Spielleiter und Spielfiguren. Beide schleppen sie eine Lebensweise herum, die ihnen verwehrt, ihr Ich zu finden, denn beide sind gefesselt an die Knechtschaft des einen über den anderen. Und deshalb frage ich mich, was der Precht in so einer Welt mit dem Begriff der „Allgemeinheit“ will – er selbst stellt zwei Klassen auf: Spielleiter und Spielfiguren und spricht dann von Allgemeinheit? Widersprüchlich. Und dumm.
Dann geht es in der für Precht typischen phlegmatischen Sprache weiter: So nebenbei sind in dieser famosen Gesellschaft, die er sich mit Rawls ausdenkt, die „Grundbedürfnisse“ gedeckt. Ich frage mich, wo die heute gedeckt sind? Werden wir nicht jeden Tag um diese Grundbedürfnisse betrogen und erpresst? Oder muss ich etwa keine Miete zahlen? Kein Geld für Essen und Trinken ausgeben oder werde ich etwa nicht für Armut mit schlechter Qualität bestraft?
Ohne „Regeln“ herrsche „Anarchie und Chaos“ – wie aber Regeln beschaffen sind, das verrät uns Precht nicht. Aber er verrät uns, dass Eigentum einen Vertrag darstelle… und dass das Tradition hätte, denn es gäbe bei irgendeinem Intellektuellen auch schon einen „Gesellschaftsvertrag“.
Nun gut – und wie sieht dieser Vertrag aus? Ich unterschreibe dann da und mit mir der Herr Gesellschaft oder die Frau Staat? Und was ist das dann für ein „Vertrag“, der von einem Ich auf der einen Seite und von einem abstrakten Begriff auf der anderen Seite „unterschrieben“ wird??? Dieser himmelschreiende Widerspruch, dass Begriffe wie Staat und Gesellschaft zu Personen erklärt werden, müsste schon allein Umstand genug sein, dass man sich fragt, was mit den Ichs der Menschen passiert ist. Aber Precht sieht das alles nicht als Problem an – auch die Beschaffenheit der Verträge im Hinblick auf deren Kündbarkeit und tatsächliches Eingehen findet er nicht fragwürdig.
Wie aber müsste so ein Vertrag aussehen, damit er den Namen verdiene? Ganz einfach: Er müsste zwischen den Menschen getroffen werden.
Treffen zwei davon aufeinander, so könnten sie mit wenigen Worten einen Vertrag schließen – natürlich nicht über alle abstrakten Begriffe, die dem Precht in seinem Intellektuellen-Gehirn einfallen, sondern nur darüber, was auch wirklich interessiert:
„Hi, ich bin der und der und du? Ich bin der. Ich wohne hier. Hast du Lust mit mir diesen Baum zu fällen? Ja, klar. Hast du Bock danach was zu essen – Ja klar. Dann machen wir das oder? Ja Mann! Wird geil!“
Wo soll da noch Raum für Eigentum, Staat und all die anderen abstrakten Begriffe sein, die der Precht von seinen Vordenkern übernommen hat, ohne sein Ich zu fragen, was es davon hält? Nirgendwo – richtig!
Nirgendwo ist der Staat in der natürlichen Zwischenmenschlichkeit oder der sich daraus ergebenden Kultur zu finden. Auch der „freie Markt“ lässt sich nicht darin erkennen, denn der Markt ist nicht frei – Menschen sind frei und der Markt ist ein Stück Scheiße, welches seine Bedeutung und seinen Sinn verliert, wenn deswegen auch nur einer einen Krampf bekommt. Aber das weiß jeder, der Vorteile vom Staat genießt, wohlgemerkt gegen die Mehrzahl der Menschheit, die Mehrzahl der Ichs. Was macht derjenige da am besten, der diese Vorteile gegen die Mehrheit der Ichs durchdrücken will…
Er ent-icht die Ichs einfach: Du bist kein Ich, du bist jetzt Bürger. Anwalt, Arbeiter, was auch immer – du darfst alles sein, außer dir selbst. Voll die Demokratie, da du wählen darfst! Aus der Praxis wissen wir auch wie problemlos das ist. Man kann sich erstmal Zeit lassen mit der Berufswahl um das Richtige zu finden und muss bis dahin kein Geld benutzen geschweige denn dafür arbeiten. Man isst dann einfach nichts, kein Problem. Und dann verhältst du dich so, wie die Schablone, die du dir selber ausgesucht hast! So wie du dich nie verhalten würdest als du selbst.
Klasse oder? Und dann passiert folgendes: Zwischenmenschlichkeit kann nur dort entstehen, wo zwischen Menschen, sprich zwischen Ichs etwas passiert. Da wo aber der Mensch sich nicht so verhalten kann, wie er als ich sich verhalten würde, sondern wie er sich als Schablone verhält… nun ja – da kann es keine Zwischenmenschlichkeit geben. Wo es keine Zwischenmenschlichkeit gibt, gibt es Chaos, denn die natürlichen Absprachen, Vereinbarungen und Verträge zwischen den Menschen kommen nicht zustande – denn zwei stehen sich gegenüber und erkennen nur den einen, der jenes Eigentum hat und das eigene Bedürfnis dieses Eigentum auch zu besitzen, damit man überlebt. Jetzt kommt der Staat: Und sagt, kein Problem, ihr Trottel. Ich klär das für euch und gebe Gesetze, die das dann alles regeln, was ihr selbst längst geregelt hättet, wenn ihr ein Ich-Leben leben würdet.
Und so schafft der Staat durch Bürokratie und Vorschriften zuerst das Ich, dann die Zwischenmenschlichkeit ab und schon verliert die Gesellschaft ihre Bedeutung. Es gibt sie praktisch nicht mehr, denn die Vormundschaft der Herrschenden über das Leben der Beherrschten trocknet die Interaktion völlig aus, unterwirft sie ihrem Prokrustesbett des Gesetzes und des Eigentums.
Im Zustand der Herrschaft „herrschen Anarchie und Chaos“. Ohne dass die Menschen einerseits ihr Ich und damit andererseits nicht die Zwischen-Ich-Beziehungen selbst gestalten können, herrschen quasi die wilden, von wirren Interessen und Leidenschaften gesteuerten Interpretationen der Herrschenden von Begriffen wie „Gerechtigkeit“, „Recht“, „fair“ und so weiter.
Aber es sind pauschale Begriffe, die von Einzelnen stammen. Und über das Leben von vielen gestülpt werden. Das Resultat sind Verzerrungen, zwischen den tatsächlichen praktischen Bedürfnissen jedes einzelnen, individuellen Ichs und der Vorgabe durch Staat und Eigentum.
Das nennt man Zentralismus – zentrale, abstrakte Begriffe, wie Nation, Staat, Gott und so weiter, werden über das Leben der Menschen hinweg wichtig gemacht, erlangen durch die militärische Macht eine erzwungene Bedeutung und drängen sich in die Lebensführung der Leute und leiten sie durch Zwang in die Ich-Losigkeit.
Aber dadurch, dass die Menschen sich z.B. in „normale Bürger“ und „Aufpasser“ teilen und damit den „Aufpassern“ alleine sowas wie „Gerechtigkeit“ als Job zuteil wird, verlieren die „normalen Bürger“ automatisch ihr Verantwortungsgefühl. Aus dem bürgerlichen Aufstieg ist zu entnehmen, dass es unerlässlich war, dass die einen arbeiteten und die anderen profitierten. Anders als Precht es darstellt waren die Faulen immer reicher als die fleißigen. Nun gut: Das Ende vom Lied ist, dass wir in einer Herrschaft leben, in der die Rollen die natürlicherweise in einem Ich alle vorkommen würden, dieser Sammlung entnommen sind und als einzelne Rollen auf ein Leben gezwängt wurden: Je nach Schulbildung und finanziellem Background wird man dieses oder jenes – dabei stecken in uns und jedem von uns tausende Anlagen, die damit unterdrückt werden, dass man sich für eine entscheiden muss – aufgrund von äußeren Faktoren – auch dies ist ein Faktor zentralistischer Ich-Losigkeit.
Alles andere wäre Föderalismus, aber nicht wie er verzerrt von den Herrschenden definiert wird, sondern als Basisgesellschaft der gesamten Menschheit, die durch gesunde und freie Ichs verbunden sind in der Tatsache, die Prechtie-Boy bereits erwähnte und gegen die er sich demnach auch nicht auflehnen darf: Der Tatsache, dass der Mensch kein Einzelkämpfer ist, also dass auch nicht „Konkurrenz das Geschäft belebt“, sondern Kooperation die Triebfeder der Gesellschaft ist.
Wie oben beschrieben besteht die Kooperation als natürliches Bindeglied zwischen Menschen. Der Staat und die Ideologie der Herrschaft schaffen dieses Bindeglied aber ab und schaffen sich selbst so eine Existenzberechtigung zulasten der Gesellschaft und damit – dem Ich.
Precht muss sich also entscheiden, zwischen dem Staat und der Ideologie der Herrschaft, dem Monopol, dem Zentralismus – und dem Ich. Und das alles hätte hier ins Buch einfließen müssen.

Fazit:

Es ist durchaus die richtige Frage, wenn man heute fragt „Wer bin ich?“ und daraus auch die entsprechenden Konsequenzen zieht, dass man unter der Ideologie der Herrschaft lebt, die diese Frage aufzwängt und die damit nicht dazu geeignet ist, das eigene Leben zu „leiten“. Der Grund liegt darin, dass sie nicht das „Leben“ nimmt, denn irgendwie blubbert man ja doch weiter, sondern das „eigene“. Und das ist das Entscheidende. Die Herrschaft gibt „Eigentum“ außen, wo ein Selbst innen sein müsste. Für das eine räumt sie Platz ein, das andere bekämpft sie.

Da Precht dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein scheint1, empfehle ich folgende Alternativen:

  1. Rudolf Rocker
    „Die Entscheidung des Abendlandes“
  2. Gerd Grün
    „Der unmoralische Gehorsam“
  3. Arno Gruen
    „Der Verrat am Selbst“, „Dem Leben entfremdet“, „Wider den Gehorsam“

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Vielleicht sollte man die Bücher / Artikel sogar in dieser Reihenfolge lesen, denn Rudolf Rocker hat die schöne Begleiterscheinung, dass er Begriffe im Spiegel der Geschichte und der Lebensrealität zurechtrückt. Der Begriff „Kultur“ bspw. wurde bei GRUEN auch nicht hinterfragt und deshalb auch irreführender Art und Weise benutzt. Wer aber sich vorher darüber im Klaren ist, wo solche Wirren herkommen, der kann eigentlich alles lesen, ohne Gefahr zu laufen, fehlgeleitet zu werden… wer allerdings immer nur die eine Darstellung sieht, der kann sein Denken und damit sein Ich auch nicht befreien.
Wer wirklich sein Ich finden will, muss sich zunächst mal annehmen, wie er ist. Und damit meine ich nicht, zu akzeptieren, dass man jetzt doch nicht diese oder jene Note in der Mathematik erlangt hat, sondern dass man ein Mensch ist.
Der Mensch erkennt sich in anderen, ohne die er kein Leben führen könnte. Das heißt der Mensch ist ein Gesellschaftstier, im Grunde also kein Menschentier – sondern ein Geflecht. Da wo der Staat dieses Geflecht zersetzt, wo die Ideologie der Herrschaft und des Eigentums Vereinzelung schafft, kann der Mensch gar nicht mehr als Mensch leben – sondern nur noch als Verzerrung seiner selbst, als Wesen, Spezies. Und natürlich kann so eine nicht-artgerechte Lebensweise das teuerste, das eigene Ich nicht zur Geltung kommen lassen, sonst würde sich die Lebensweise selbst widerlegen.
Hier müssen noch viele Tage ins Land ziehen, bis man die entsprechende Antwort gefunden hat, auf die Ideologie der Herrschaft und was sie mit dem Menschen angerichtet hat. Aber auch ihre Zeit wird kommen – schon Gott wurde erfunden und wieder entsorgt.

1 Im Klappentext wird ersichtlich, dass die „Ich-Frage“ nur eine Marketingstrategie war, denn Precht hat kein Buch zur Ich-Findung geschrieben, sondern einen schwammigen Rundumschlag, der mal dieses und mal jenes Modethema der Oberschicht und der Intellektuellen umreißt. Aber da er sich nun mal dieser Täuschung bedient hat, muss er damit leben, darauf festgenagelt zu werden. Wenn ich in den Buchladen gehe oder mir auf dem Autobahnrasthof was zum Lesen hole, will ich nicht stundenlang im Buch stöbern müssen, sondern der Titel sollte ehrlich zeigen, was ich mir da kaufe. Precht hat sich seinen Beratern angepasst und damit muss er jetzt auch dafür grade stehen, dass man zu Recht annimmt, das Buch sei zwar eine „Reise“, aber eine zum „Ich“ und erhielte hier seinen Angelpunkt. Und da die Brisanz der heutigen Zeit nun mal in der Abspaltung des Selbst besteht, hantiert er zu leichtfertig mit den falschen Begriffen.

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