„damit man nichts mehr denkt…“ – Reaktion auf den Artikel „Der unmoralische Gehorsam“ von Gerd Grün

Selbst Psychosozial
Grün, Gerd „Der unmoralische Gehorsam.“
Aus: psychosozial Nr. 69, 1997, S. 97–113


Was?

Eine sehr interessante Abhandlung über Gehorsam aus der Sicht der Psychologie fand ich durch Zufall im Internet auf der folgenden Seite zum kostenpflichtigen Download:
KLICK
Der Artikel von Gerd Grün umfasst die wichtigsten, bis dahin in der Psychologie erbrachten Erklärungen für gehorsames Verhalten, welches die moralischen Grundsätze der handelnden Person überschreitet und deshalb als „unmoralischer Gehorsam“ bezeichnet wird. Populäre Beispiele für „unmoralischen Gehorsam“, die der Text anführt, sind das Menschenvernichtungslager „Auschwitz“ zwischen 1940 und 1945, der Atombombenabwurf über Hiroshima 1944 und ein Massaker an der Zivilbevölkerung in My Lai 1968.

Hä? Wieso hier?
Für die bewegungsorientierte Syndikalismusforschung, die sich über die rein historische Betrachtungs-Ebene erhebt, ist es wichtig Impulse aus allen Lebensbereichen zusammenzutragen , für die umfassende Ausbildung der Mitstreiter und Mitstreiterinnen verfügbar zu machen und ihre Reflexion anzustoßen.
Zum anarcho-syndikalistischen Menschen- und Weltbild gehört selbstverständlich nicht nur der wirtschaftliche, betriebliche Aspekt, sondern die Anarcho-Syndikalisten sind stets offen für neue Erkenntnisse und studieren die momentane Praxis betreffenden Publikationen aus möglichst vielen Lebensbereichen. Nicht nur die Zukunftsvorstellung des Anarcho-Syndikalismus ist eine föderalistische – auch die Art der Bildung soll eine umfassende, undogmatische und möglichst nicht monokausale sein, wie sie für das zentralistische Denken symptomatisch ist.

So! Jetzt aber zur Sache!
„SIND SIE SCHWAAANZLUTSCHER?!“ – „SIR, JAWOHL, SIR!!“ ist ein sinngemäßes Zitat aus dem anti-militaristischen Film „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick, aus dem Jahr 1987. Die im Zitat erwähnte Szene stammt aus der Ausbildung der US-Marines, die in den Vietnamkrieg geschickt wurden. Der besonders brutale Ausbilder erzeugt hier plastisch vorgeführt, was Grün als „Einüben“, bzw. „Gewöhnung an Gehorsam“ bezeichnet, aus einer „administrativen Struktur“ (dem Militär) heraus(S. 101). Der Artikel nennt folgende Erklärungen für Gehorsam:

  1. Die Disposition, das Persönlichkeitsmerkmal nach La Boëtie (1577)
  2. Die autoritäre Persönlichkeit nach Adorno et al. (1950)
  3. Delegation der Verantwortung nach Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung (1958)
  4. Die Widerlegung von Punkt 1. durch das Milgram-Experiment (1961)
  5. Gewöhnung nach Gilbert (1981)
  6. Die Abwägung in einem Frage-Ablaufschema nach Schmid (1987)
  7. Resultat von Gruppen- bzw. Herdenverhalten nach Schurz (1990)
  8. Die Soziale Rolle nach Van Elteren (1990)

Für die Ausbildung eines gut ausgestatteten geistigen Horizonts das Thema betreffend, empfiehlt es sich alle erwähnten Erklärungen und ihre Stärken und Schwächen anzuschauen. Sowieso empfehle ich das Studium der hier gegenständlichen Abhandlung.
Im Folgenden konzentrieren wir uns allerdings auf die Erklärung durch „Verantwortungsdelegation“, weil sie für das Leben im bürgerlichen Regime die wichtigste ist. Bürgerliche Herrschaft erstreckt sich wie alle absolutistischen Systeme nicht nur auf die Bevormundung in einem Lebensaspekt, bspw. der Politik, sondern sie ist allumfassend. Genauso wie Herrschaft in der Politik stattfindet, durch Politiker, sind die geistigen Wortführer eine Aristokratie bildende Priester, Fachleute, Akademiker. Die wirtschaftlichen Herrscher sind die Eigentümer der Produktionsmittel, die sich auf dem geistigen Fundament der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft ausruhen können. Ihre Zwangsmittel erstrecken sich über Lohnarbeit, dadurch Bestimmung der Gehälter, der Produktqualität uvm. Die bürgerlichen Gesetze und ihre ausführenden Instanzen (bzw. davon nochmals abgehoben der industriell-militärische Komplex mit seinen Entscheidungsträgern) machen die Zwangsmittel des Staates vollständig. Dies ist die Welt, in die wir gezwungen wurden: Hypotheken der Vergangenheit auf die Leben der Neugeborenen. Auch die Idee des Eigentums gehört in die zentralistische Denkweise und auch einer „Idee“ kann „Gehorsam geschuldet werden“ (S. 107).

In einer hoch-arbeitsteiligen, staatlich organisierten Gesellschaft ist es eine alltägliche Gewohnheit, Zuständigkeiten und Verantwortung an andere, meist eigens dafür vorgesehene Stellen abzugeben. (S. 104)

Im obigen Zitat beachtet der Text noch die wirtschaftliche Seite des menschlichen Lebens unter bürgerlicher Herrschaft („arbeitsteilig“). Im „Resumée“ lassen dann aber Verbesserungsvorschläge die wirtschaftlichen und bürokratischen Grundlagen der Herrschaft außer Acht: Nach Gerd Grün lauten die aus den Erklärungsansätzen resultierenden Vorschläge zur Vermeidung „unmoralischen Gehorsams“ und damit zur Vermeidung des organisierten Massenmordes, der Folter und ähnlicher Taten, wie folgt:

  • Keine Ausbildung von [z.B.] Folterknechten
  • Keine Gehorsamseinübung
  • Demokratisierung von Autoritäts- und Befehlsstrukturen, Mitspracherecht
  • Stärkung der autonomen Persönlichkeit
  • Erzieherische Förderung des moralischen Urteilsvermögens

Wie der Text bereits vorher die Eckpfeiler bürgerlicher Herrschaft als Ursache für den „unmoralischen Gehorsam“ nannte, so nennt er auch in kritischen Bemerkungen zu den oben genannten Verbesserungsvorschlägen die „Mächtigen“ als jene, die der Entwicklung zu einem höheren Niveau moralischen Urteilsvermögens durch die Sicherung ihrer Herrschaft im Wege stehen würden.
Menschen werden längst nicht nur in den Bildungsinstitutionen erzogen – dies geschieht das ganze Leben lang. Was die Erziehung betrifft, so sind die Stufen, die das menschliche Leben angeblich durchmacht, vom Säugling bis zum Erwachsenen, propagandistisch kontaminiert – sie passen prima zur Tatsache, dass im Kapitalismus der Mensch zufällig in der längsten und stabilsten seiner Lebensabschnitte – dem „Erwachsensein“ – seine Arbeitskraft zur Verfügung der Besitzenden und Herrschen stellen soll. Dazu konstatiert der Autor, dass sich, „Alltagsgesprächen“ zufolge der „Durchschnittsmensch“ auf einer „kindlichen Stufe“ des moralischen Urteilsvermögens befinde. (S. 107)
Die „Mächtigen“ halten die (moralisch-ethische) Entwicklung der Mehrheit zurück, ist die einzig rationale Konsequenz aus diesen Zusammenhängen und das führt zu immer fortwährender Verantwortungsdelegation und damit „Entlastung“ des eigenen Ichs. Damit ist die Gefahrenquelle für „unmoralischen Gehorsam“ eigentlich klar benannt.
Der Autor regt mit offenen Fragen und zahlreichen Anknüpfungspunkten weitergehende Forschung an und rundet somit seinen Überblick ab. Er verliert dadurch keinesfalls sein sogenannte „Wissenschaftlichkeit“, denn er beschränkt sich bei seinen Verbesserungsvorschlägen auf das Resumée. Der letzten Frage des Textes wollen wir abschließend unsere Aufmerksamkeit widmen:

Wo muß man ansetzen, um jemals über die klagende Analyse von de la Boëtie hinauszugelangen?

Die „klagende Analyse“ Étienne de la Boëties (1530–1563) Feststellung von der „Freiwilligen Knechtschaft“, die den Zentralismus der Herrschenden stützt, ja überhaupt erst möglich macht ist gemeint. An dieser Stelle wollen wir eine knappe Antwort auf diese Frage versuchen – also wo muss man ansetzen, damit es nicht nochmals zig Jahrhunderte hindurch auf „unmoralischen Gehorsam“ aufbauenden Mord und Brand gibt, anstatt Reife und Menschentum?
Wir haben oben festgestellt, dass der Mensch nicht durch Schulen wirklich erzogen wird, sondern durch das Leben. Wie dieses Leben aussieht, hat bis zuletzt Einfluss auf ihn. Wie wir bereits lernten, führt Arbeitsteilung und staatliche Herrschaft zu Verantwortungsdelegation, die ein Vorzeichen menschenfeindlichen Verhaltens ist. Ohne Bewusstsein der Eigenverantwortung kann ein Mensch so ziemlich alles tun, wie uns nicht nur die Folterknechte aus dem KL Auschwitz beweisen. Demnach ist der Zentralismus, der auf Verantwortungsdelegation, wirtschaftlicher Ungleichheit und so weiter basiert, die erste Gefahrenquelle für Rückschritte in der menschlichen Evolution / Zivilisation. Überall dort, wo sich der Einzelne also mit solchen, die Verantwortungsdelegation fordernden Strukturen konfrontiert sieht, wird er potenziell zum Ichlosen erniedrigt.
Um zurückzukommen auf die Erziehung: Im kapitalistischen Betrieb wird dem Menschen demnach zum Großteil diese Verantwortungsfähigkeit aberzogen. Denn Delegation, also ungerechte Verteilung von Gütern ebenso wie von Verantwortung, ist ja das Kerngeschäft des kapitalistischen, auf Eigentumsvorstellungen basierenden Betriebes. Die Erziehung zur Verantwortungslosigkeit, die die kapitalistische Wirtschaft durch ihre monokausale Fetischisierung des Profits und des Eigentums betreibt, ist also eine Quelle asozialen Verhaltens, zu der die meisten Menschen weltweit gezwungen sind. Diese Schule der Asozialität muss folglich mitsamt dem ebenso strukturierten Staat abgeschafft werden.
An ihre Stelle darf allerdings kein Vakuum treten, sonst erfolgt jene verhängnisvolle Imitation des bereits Bekannten, das sich stets nach jenen Revolutionen ereignete, die ohne eine klare Zielvorstellung siegreich waren. Analog zum Abbau von Staat, Kirche, Eigentum und Kapitalismus muss demnach der Aufbau föderalistischer Strukturen geschehen. Und wenn wir konstatieren, dass die Wirtschaft momentan die größte Schule für Verantwortungslosigkeit ist, dann sollten es auch die Betriebe sein, die davon zuerst betroffen sind.

Wie man an der letzten Überlegung leicht erkennt, bewegen wir uns rasch zu wichtigen Punkten unserer Zielsetzung, nämlich den Hintergründen für eine revolutionäre Befreiung der Gesellschaft vom Staat – die Beschäftigung mit thematischen Nachbarn, wie hier der Psychologie, kann also sehr wichtig und erbaulich sein, zumal sie Ergebnisse aufzeigt und fundiert, die durchaus in unserem Sinne wirken und unsere Ziele unterstreichen.

Zum Weiterlesen, zum Anklicken:
Als Einstieg:
Arno Gruen: „Wider den Gehorsam“, 8. Druckaufl. 2015, 97 Seiten, Klappenbroschur, Klett-Cotta Verlag,
ISBN: 978-3-608-94891-2
Zur Vertiefung:
Arno Gruen: „Der Verrat am Selbst“,
1992,
192 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag,
ISBN: 978-3423350006

Des Weiteren lohnt es sich vielleicht, den Psychosozial-Verlag zu durchstöbern, da unter anderem weitere, mir unbekannte Schriften mit interessant wirkenden Titeln dort zu finden sind, wie zum Beispiel:
Jürgen Müller-Hohagen, Ingeborg Müller-Hohagen
„Wagnis Solidarität – Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS-Gewalt“, Psychosozial-Verlag, erschienen im Oktober 2015,
ISBN: 978-3-8379-2472-5

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2 Kommentare

  1. Mimi Krautberg

     /  Februar 23, 2016

    Ein sehr interessanter Artikel. Gerade für die Nachhaltigkeit und das Verstehen sowie das mögliche Vorbeugen von Unterdrückungsmechanismen halte ich gerade die Psychologie als wertvolle Ergänzung für die interdisziplinäre Syndikalismusforschung. Gute Zusammenfassung der Gründe für Gehorsam, sodass sich der Leser in die Matiere vertiefen kann.
    Revolutionäre Grüße

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    Antwort
    • Wichtig ist, denke ich, zu verstehen, dass Gehorsam und Herrschaft laut namhafter Psychologen den Menschen schädigen… Sie stützen damit die Annahmen des Anarcho-Syndikalismus auf die Psychologie bezogen.
      Was leider zu kurz kommt, sind die Konsequenzen, die sie daraus (nicht) ziehen.
      Wie zum Beispiel sieht ein Betrieb aus, der nicht auf Verantwortungsdelegation beruht? Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die nicht auf Herrschaft und Gehorsam und damit auf ihren Folgen basiert? Das wären für mich jetzt so die logischen Fragen… aber Fehlanzeige – das läuft einfach so ins Nichts – man könnte, sollte, bluublubb…
      Da ist die Wissenschaft wieder ganz befangen in der sie prägenden Pseudorealität, aus der sich die Schreiber nicht raustrauen.
      Zur Volstreckung der Forschungsergebnisse braucht es eben soziale Bewegungen, die erkämpfen, was einzeilne als Wahrheit längst erkannten, aber nicht durchzusetzen in der Lage sind.
      Ist doch irre, dass der Mensch im Kopf schon längst über Merkel & Co hinweg ist, aber sie und ihre industriellen Mittäter weiter toleriert werden, als wäre nichts…
      Danke für’s Lesen und Kommentieren!

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