Mit Omma aufm Pütt – Gedanken zum Bergbau

Brigitte S., die Frau des in Gelsenkirchen berühmten Malers Manfred S. und Großmutter meiner Lebensgefährtin, ist aus Pommern ins Ruhrgebiet gezogen und hat einen Mann, der nicht immer Künstler, sondern zuvor Bergmann war.
Bei unserem letzten Besuch waren wir dann auch endlich mal „mit Omma auf’m Pütt“ und zwar im Bergbau-Museum in Bochum (Am Bergbau Museum 28).
Die rüstige Rentnerin führte uns Untertage und erklärte uns einige der Alltagsgegenstände in der finsteren Welt der Kohleschächte. Im Museum kann man sich neben dem Schaubergwerk auch verschiedene Kunstwerke ansehen, so auch proletarische Kunst in Form eines Malers aus Halle a. S.bill-603243_960_720

Wir lauschten einer intimen Führung durch die Zeche und diskutierten an einem diesigen Wintertag zurück bei Omma die Eindrücke. Dabei fiel mir ein, dass auch Peter Kropotkin sich zum Pütt äußerte und ich steuerte folgendes Zitat zu unserer Unterhaltung bei:

„Ganze Generationen, geboren und gestorben im Elend, unterdrückt, entkraeftet durch Ueberarbeit und mißhandelt von ihren Herren, haben diese ungeheure Erbschaft dem neunzehnten Jahrhundert vermacht.
Während tausenden von Jahren haben Millionen von Menschen, daran gearbeitet die Wälder zu lichten, die Sümpfe auszutrocknen, die Straßen zu bahnen, die Flüsse einzudeichen. Jeder Hektar Erde, welchen wir in Europa bebauen, ist gedüngt mit dem Schweiße mehrer Rassen; jede Straße hat eine ganze Geschichte von Frondiensten, von übermenschlicher Arbeit, von Leiden des Volkes. Jede Meile Eisenbahn, jeder Meter eines Tunnels haben Menschenblut erfordert.
Die Gänge der Bergwerke tragen noch ganz frische Spuren von den Hieben, die der Bergmann gegen den Felsen geführt hat, und schon könnte jeder Pfeiler der unterirdischen Galerien gekennzeichnet sein durch das Grab eines Bergmanns, der in der Blüte der Jahre vom schlagenden Wetter, durch einen Einsturz oder eine Ueberschwemmung hinweggerafft wurde; und man weiß, was für Tränen, Entbehrungen und namenloses Elend jedes dieser Gräber die Familien gekostet hat, welche von dem mageren Lohn des im Schutte verscharrten Mannes gelebt hat.“

(Aus: Peter Kropotkin „Die Eroberung des Brotes“, Trotzdem Verlag, Berlin, 1989)

Letztendlich will Kropotkin in dem Text darauf hinaus, dass einige Wenige für sich individuell die Arbeit von Millionen, auch früherer Generationen, beanspruchen. Und irgendwie hatte der gute Alte recht: Auch im Bergbaumuseum habe ich keine „Großen“ der Geschichte gesehen, wie sie bspw. Oslwald Spengler aufgefasst hat.
Und auch unsere heutigen „Großen“ habe ich nirgendwo gesehen – bspw. als die Menschen der Jungsteinzeit die ersten primitiven Bergbauwerkzeuge entwickelten und noch Erz durch Brand gewannen, da sah ich jene Politiker nicht, die Ende der Zweitausender Jahre die Zechen immer weiter unter Druck setzten und sie dann völlig schlossen, mit immer mehr geforderten Zugeständnissen seitens der schwindenden Zahl an „Püttologen“. Nein, diese wahnsinnige, brutale und finstere Arbeit in Hitze, Staub und Enge hat unsere ganze Gesellschaft verrichtet, begonnen mit unseren Ahnen. Nicht „Krupp“ darf auf den schweren Eisengliedern der Förderbänder prangen, sondern all jene vergessenen Namen, ohne die diese Arbeit nie hätte vollbracht werden können…

Bei ‚Omma‘ habe ich natürlich auch im Bücherregal geforscht. Es waren naturgemäß viele Bücher zum Bergbau vorhanden – ein schöner Band, den ich mir demnächst zulegen werde über „100 Jahre Bergarbeiter-Dichtung“, zählte zu den interessanteren Stücken.
Auch historisches war dabei: „Glück auf, Kameraden!“ aus dem Bund Verlag, herausgegeben u.a. vom Historiker  Hans Mommsen zum Beispiel. Schnell durch das Inhaltsverzeichnis geblättert, bemerkte man sofort die Einseitigkeit der Darstellung, die sich lediglich um die Zentralgewerkschaften drehte. Leider war über das fehlende Stichwortregister nichts ausfindig zu machen und die Namen aus dem Namensregister waren keine, die mir aus der syndikalistischen Bewegung bekannt waren.
Da die freiheitliche Arbeiterbewegung im Bergbau zwar in der Unterzahl war, aber dennoch tapfer auftrat und für die heutige Zeit interessante Erkenntnisse von der proletarischen Peripherie liefert, möchte ich eine Publikation zum Thema empfehlen, die mein Kollege verfasste, damit jene Gestalten und Kämpfe nicht in Vergessenheit geraten:

doering_schlesienHelge Döhring „‚Mutige Kämpfergestalten‘ – Syndikalismus in Schlesien 1918 bis 1930“, Verlag Edition AV, 2012
Hier erhältlich: KLICK

 

 

 

Das Bergbau-Museum Bochum, welches jederzeit einen Ausflug wert ist, hat HIER seine Internetpräsenz.

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