Besprechung: „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“ (2014)

„Wirklich entschlossen waren wir ohnehin nie“1

Im gonzo Verlag erschien 2014 in der Erstauflage das Pamphlet „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“.
Als Urheberin zeichnet sich eine nicht näher benannte „Offensive Frühjahr Fünfundzwanzig“ verantwortlich. In der Publikation sind verschiedene Texte vereint, die scheinbar von verschiedenen, sich konspirativ gebenden Autoren verfasst wurden.
Das 70 Seiten umfassende Buch mittleren Formats ist übersichtlich gesetzt, kann aber weder ein Inhaltsverzeichnis, einen Anhang noch erklärende Fußnoten aufweisen.
Das „Gesicht“ des Werks, das Cover, ist von ineinander verschwommenen Grautönen bedeckt, die wiederum ein großer roter Stern und ein kleinerer schwarzer Stern ziert. Diese intern genutzten Erkennungsmerkmale der Autonomenszene stehen für den Versuch einer diffusen Allianz auf intellektueller Basis zwischen linken, also primär zentralistischen, jakobinisch-marxistischen Ideen in Rot und föderalistisch-liberalen Ideen, wie dem Anarchismus, in schwarz.
Nicht nur mit diesen Symbolen richtet sich das Werk ans Innere der Autonomenszene, sondern auch mit dem Ansinnen, welches im Titel geäußert wird, nämlich „Strategien gegen die Bewegungsstarre“ zu liefern.

Wie sehen diese „Strategien“ aus?wtwk

Mit „Bewegungsstarre“ ist die Marginalisierung („gesellschaftliches Abseits“) der mehr als 30 Jahre währenden Autonomenbewegung (S. 5) gemeint, wobei hier Begriffe wie „links“ und „autonom“ für dasselbe politische Chop Suey verwendet werden. Die Einleitung heißt hier „Selbstverständnis“. Was aber „Autonome“, „Linksradikale“ genau sind, wird erst mal nicht deutlich, weswegen dieser Titel für eine Einleitung ungünstig gewählt ist, da kein Selbstverständnis im engeren Sinn darin enthalten ist.

In „Der Wärter, den sie Insasse nannten“, werden, wie in der Einleitung angekündigt, Methoden der Autonomen genannt. Diese bestehen in „verdammen“, „Austausch“ und „verständigen“. Praxis darüber hinaus wird nicht empfohlen, denn man vermutet eine Mittäterschaft zu den bestehenden „Verhältnissen“. (S. 7)

Wer nicht so denkt, wie ich, den mach ich tot“ heißt der darauf folgende Text, der sich darum dreht, prinzipiell „Gewalt“ abzulehnen, besonders in internen Streitigkeiten. Der Aufhänger dieses Kurztexts ist der seit Mitte der 90er Jahre schwelende Konflikt zwischen sogenannten „Anti-Imperialisten“ und „Antideutschen“.2 Nach dem missglückten Selbstverständnis unternimmt nun dieser Text den Versuch einer Positionierung: „Jeder, der dafür eintritt, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse aufzulösen, ohne sie durch neue ersetzen zu wollen, hat natürlich das unanfechtbare Recht, sich als Teil der linken Bewegung zu betrachten.“ (S. 11-12)
Der Leser fragt sich zu Recht, warum der Text nach dieser Definition die beiden Konflikt-Parteien überhaupt noch zur „linken Bewegung“ zählt… Die Lösung des Ganzen lautet: „[Wer] auch ‚nur‘ zur Gewalt gegen andere Linke aufruft, muss konsequent ausgegrenzt werden.“
Auf den eigentlichen Widerspruch zur soeben gegebenen Definition geht der Text gar nicht ein, wichtiger scheint es, dass keine „Gewalt“ zwischen beiden Gruppen herrschen dürfe.

„Ein verhinderter Leberschaden macht noch keinen (Doktor) Sommer“ heißt der darauf folgende Text. Es geht wieder um einen diffusen Begriff des „Linksseins“ und darum, dass keine Zielklarheit in der „Bewegung“ herrsche, was die „Zeit nach einem linksradikal motivierten Umbruch“ (S. 20) anbelange. Wenn man diese „Streitschrift“ (S. 5) liest, kann man durchaus darüber streiten, ob dieselbe Unklarheit für den Zeitraum VOR jedem „Umbruch“ nicht auch zutrifft…
Fazit des Textes: Wer lediglich „auf dicke Hose machen“ will, muss durch einen „ personellen Aderlass“, der „alternativlos scheint“, die Bewegung verlassen.

„(Bürger-) Schreck und Erschrecken“ dreht sich um die „Nähe der linksradikalen Positionen“ zu denen des Bürgertums, dem die Aktivisten entstammen würden. Der Text rät an, das Bürgertum zu „radikalisieren“, ohne weiter auf die näheren Umstände dieses Vorhabens einzugehen.

„Nächster Halt gefliester Boden?“ steht erneut unfähig dem Konflikt zwischen Israel- und Palästinafans gegenüber. Das rigoristische, hysterische Fazit des Textes: „Widersprüche aushalten! SchlägerInnen auf beiden Seiten ausbremsen! Die Vielfalt unserer Positionen zur Waffe machen!“

Neben den konspirativen Gruppennamen hält das Werk für den Leser auch Einwürfe von fiktiven Ratgebern bereit, die ihres Zeichens nach nicht aus der autonomen Szenen stammen. Die Texte ohne oder mit verschleierten Urhebern erhielten eine fettgedruckte Überschrift, zur Kenntlichmachung der „Ratgebertexte“ sind diese kursiv betitelt.
Der erste dieser Monologe heißt „Die Kommunikationswissenschaftlerin und Sexualtherapeutin Dunja Petrowna-Schmidt zum Thema ‚Der Umgang innerhalb der autonomen Linken‘:“.
Der Text kritisiert die Kluft zwischen dem „Anspruch Herrschaftsverhältnisse auflösen zu wollen“ und dem „Umgang“ miteinander innerhalb der Szene. Dieser sei „aggressiv“ und vom Verlangen nach „Dominanz“ geprägt. Beispielsweise das sogenannte „Gendern“ kritisiert die fiktive Urheberin richtig als „nicht kreative Verbeamtung der Sprache“. Alles Weitere bleibt schwammig und nicht konkret, es tauchen nebulöse Begriffe von „Aggressivität“ bzw. „Hierarchien“ auf. Die „autonome Linke“ wird als „politische Bewegung“ bezeichnet.

„ringelpietz der halbherzigen“ heißt ein weiterer Text der Sammlung. In ihm fällt zunächst auf, dass es keine Großbuchstaben gibt. Der Leser kann darüber spekulieren, ob damit die „Herrschaftsfreiheit“ illustriert werden soll oder doch vielleicht nur die Suche nach Identifikationsmerkmalen im Vordergrund stand. Der Text „rät dringend davon ab“, sich in „proteste einzuklinken“. Die Autonomen hätten weiterreichende Ziele und dies würde nicht zu den profanen Protestbewegungen aus der Bevölkerung heraus passen, bspw. zu den Protesten gegen den Frankfurter Flughafen-Ausbau (S. 31). Alternative Strategien oder nähere Einzelheiten bleiben unerwähnt.

Der nächste Text, er beginnt auf Seite 34, hat keinen Titel und dreht sich, ähnlich wie der Vorgänger, um Linke, die in verschiedene, internationale „Konflikte“ Revolutionssehnsüchte projizieren würden und damit falsch lägen. Sie würden damit nur ihr „Ego pimpen“ (S. 37). Die „Konflikte“ werden im Herrschendensinne politisch und ohne Klassenstandpunkt betrachtet. Gegenüber dem historischen Internationalismus der Arbeiterklasse, aus dem dieses Verhalten resultiert, wird kein alternatives Konzept vorgeschlagen. Der Urheber verbleibt orakelhaft mit dem Hinweis darauf, dass „tiefgreifende Veränderung […] einen langen Atem braucht.“

Der nächste Text ist wieder einer der kursiv betitelten „Ratgebertexte“ und ist überschrieben mit:

„Abigail M. Baxter, ehemalige strategische Beraterin der angolanischen Streitkräfte, auf die Frage, wie es um die militärische Stärke der deutschen Linken bestellt sei:“

Die fiktive Ratgeberin antwortet von oben herab an eine fiktive „junge Dame“. Kurz gesagt, konstatiert die „Ratgeberin“, dass keine „militärische Stärke der deutschen Linken“ vorhanden sei. Die „Strategie gegen die Bewegungsstarre“ lautet in diesem Fall: „Beten Sie, junge Dame!“. (S. 42)

Der nächste Text heißt „Mach’s wie die Wanderameise – erleg den Skorpion – aber immer schön leise!“ und beschreibt das Menschenbild der Autonomen, wenn auch unbewusst. Darin ist kein Platz für – richtig! – „Gewalt“. Es ist ein Text gegen Militanz und gegen ein eigenständiges Verständnis von Antifaschisten. Diese sollten sich nicht martialisch „Antifa-Hooligans“ nennen (S. 45), denn ganz im Sinne selbstloser Askese würde nur das „Ergebnis zählen“ (S. 44). Außerdem verspiele man damit „Ernsthaftigkeit“.
Dem gegenüber steht die „Strategie gegen die Bewegungsstarre“, die die Verfasser in diesem Fall fahren: Mit „Timurtrupp Hand Herz Hirn“ wählten sie einen Namen, der mit gutem, glaubwürdigem Beispiel den „männerbündischen“ (S. 43) Antifas voranschreitet und keinen Milimeter Ernsthaftigkeit preigibt.

Ab Seite 46 beginnt wiedermal ein „herrschaftsfreier“ Text, ohne böse dominante Überschrift. Hierin geht es um Repressalien auf Demonstrationen. Der Leser kann schwer ausmachen, worum es darüber hinaus genau geht – ähnlich wirr, wie der Vorschlag das „Bürgertum zu radikalisieren“, phantasiert der Autor hier über die Möglichkeit, dass Polizei-Beamte bei der nächsten „Hausbesetzung“ behilflich sein könnten, bspw. beim „Anbringen eines Transparents“. Ob das nun „aberwitzig“ sei, oder aber bloß defätistisch, das weiß der Text noch nicht genau…

Der nächste „Ratgebertext“ hat sogar eine fettgedruckte Überschrift: „Lassen Sie den Knüppel im Sack“ lautet sie und der fiktive Ratgeber ist in diesem Falle „Harvard-Ökonom Eleftherios Rastapopoulos“.
Er beginnt wieder im Ton einer Belehrung von oben herab mit „Junger Freund“ und fragt ob die Autonomen „Zulauf“ bzw. „Akzeptanz“ verzeichnen könnten, was negativ beantwortet wird. Dem Problem dieser Stagnation, bzw. Marginalisierung wird äußerst erhellend entgegengehalten: „Kämpfen Sie mit Ihrem Kopf!“

„Nazis und Bullen und Oberlippenbärte“ ist ein Text über die möglichen Gefahren eines Schulterschlusses mit unbekannten Rebellen. Beispiele werden angeführt, in denen der Vertrauensvorschuss der Autonomen missbraucht worden wäre, wie zum Beispiel im Falle von „Punks“, die lediglich „auf den Putz hauen“ wollten (S. 55). Fazit des Textes ist, dass es dem nicht näher bestimmten „Wir“ um „Widerstand geht“. Was damit genau gemeint ist, und was diese obligatorische Anti-Haltung vom willkürlichen Schulterschluss abhebt, das verrät der Text leider nicht.

„Waffen für die Siechenstation“ und „Die spinnen, die Gallier!“ sind zwei Texte, deren Inhalt sich nicht erschließen lässt und die vermutlich als eine Art künstlerische Lückenfüller dienen sollten. Da sie keine neue Symptomatik aufweisen, müssen sie hier aber auch nicht näher betrachtet werden.

„Hamburg abwerten – Flora verschwinden lassen“ dreht sich um die Funktion des autonomen Zentrums „Rote Flora“ in einem „aufgewerteten“ Viertel Hamburgs. Hier würde, so der Text, das die Autonomen umgebende Flair zu einer Bereicherung des Viertels beitragen, im Sinne der Profiteure und der Touristen, statt, wie proklamiert, dazu beizutragen, genau diesen Gruppen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Einst erkämpfte „Rückzugsräume“ würden „Trägheit und Besitzstandsdenken“ mit sich bringen. Diese sollen daher in einer marxistischen Alles-oder-Nichts-Doktrin abgestoßen werden.

„Kälbermarsch“ ist der krönende Abschluss einer aktuellen Rundschau autonomen Realitätsverlusts. Ganz im Sinne der „Strategien gegen die Bewegungsstarre“ empfiehlt „umherschweifende Haschrebellen reloaded“ statt einer „Demonstration“:
demonstrieren zu gehen. Wer mit „bunten“ Kleidern statt im „Schwarzen Block“ demonstriere, halte „nicht am verfestigten Ritual fest“, sondern bringe „die Dinge voran“.

Wozu Autonomen-Szene?

Die Autonomen sind demnach keine emanzipatorisch wirkende Vereinigung. Sie sind eigentlich überhaupt keine Vereinigung, weil sich ihre Bestandteile gegenseitig abstoßen. Sie reden, wie für avantgardistische Intellektuelle typisch, viel heiße Luft, begreifen sich als „politische Bewegung“. Das heißt aber: entweder haben sie die Macht Politik in die Tat umzusetzen, oder aber, sie existieren nicht.
Ihr wirtschaftliches, handfestes Alltagskonzept existiert auch nicht. Wenn man sich das Buch durchliest, liest man von Demonstrationen, Hausbesetzungen usw. aber davon lebt kein Mensch. Das sind höchstens schöne Hobbies, Fetisch, aber keine Basis für eine Gesellschaftsordnung.
Autonome sind reine Politiker, ohne die dazugehörigen Machtmittel. Sie haben den Anarchismus völlig falsch verstanden, als „Politik ohne Herrschaft“ – dabei meint der Anarchismus „Gesellschaft ohne Herrschaft“. Der Unterschied liegt darin, dass man eine lebendige Gesellschaft nicht herbeireden oder von oben herab „empfehlen“ kann.
Politik alleine ist eine untergeordnete Sache, sie losgelöst von bspw. der Wirtschaft zu betrachten, läuft auf eine abstrakte Weltsicht hinaus, die niemals von der Realität befruchtet wurde und deshalb auch keine Daseinsberechtigung hat, keinen Ratgeber, sondern einen Verführer darstellt.
Reine politische Ideen sind nur Ausgeburten der Köpfe einzelner. Sie können niemals mit Schwafeln, Demos oder Hausbesetzungen in die Lebensrealität gezerrt werden.
Ich bin von diesem Abfall nicht nur enttäuscht. Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, wieso die Autonomen in der Bevölkerung nie besonders gut gelitten waren, auch bei kritischen Geistern nicht. Der Grund liegt auf der Hand: Ihre gesamte geistige Grundlage ist schwammig. Sie wabern losgelöst von der Lebensrealität eines Alltages durch die Galaxien von politischen Ideen, ohne aber zu erkennen, dass es im Leben einer Gesellschaft mehr braucht.
Ihr unseriöses, unentschlossenes Auftreten ist ein weiterer Punkt, der Menschen abstößt. Die rigorosen Sprüche, die sie sogar in ihren Pamphleten klopfen, sind für alle anderen, Arbeiter und Arbeiterinnen im Besonderen, nur heiße Luft von Intellektuellen und Angebern. Das ganze Buch illustriert diese Verzerrungen– man spürt die aufgesetzte Coolness in der unauthentischen Imitation von Jugendsprache gepaart mit dem Soll an politischer Korrektheit. Es kommt dabei einfach nichts Lebendiges heraus.

Dass sie sich ihres Geisteszustands selbst nicht bewusst sind, zeigt der „Rat“ von Seite 31. Aus einer avantgardistischen Grundhaltung heraus bei lebendigen Basisbewegungen, seien sie noch so kurzatmig, nicht teilnehmen zu wollen, hat für Bewegungen und Organisationen nur eins zur Folge: Abkapselung und damit geistige Inzucht. Diese Selbstgenügsamkeit wird noch an anderer Stelle offenbar, wenn es um die Antifaschisten geht. Die englische 43 Group und auch viele Gruppen in Deutschland haben immer wieder aufs Neue bewiesen, dass Kraft und Selbstbewusstsein ausstrahlende Gruppierungen ohne Nazi-Hintergrund kaum Naziprobleme in ihrem Wirkkreis haben – die (jungen) Menschen gehen dann nämlich direkt zu ihnen, weil das ihrer natürlichen Suche nach Halt und Identifikation viel eher entspricht, als sich zu Intellektuellen zu gesellen, die nirgendwo in ihrer Lebensrealität andocken können. „Antifa-Hooligans“ sind wesentlich besser als eine kampferprobte Garde für NPD-Veranstaltungen. Autonome kapieren einfach nicht, dass wenn sie nicht das Selbstbewusstsein und den Stolz ausstrahlen, es die Faschisten tun und dadurch unbedarfte Interessenten gewinnen. Nicht nur Politik macht das Leben aus, sondern auch Emotion, Leidenschaft, Sehnsüchte, Psychologie, Hunger.
Statt sich in den „Strategien“ auch anderen Feldern des menschlichen Lebens zu öffnen, wichtige Analogien herzustellen und echte, handfeste Konzepte zu entwickeln, winken die Autonomen ab und fordern von ihren antifaschistischen Genossen Enthaltsamkeit, trotz ihrer Leistung im Kampf gegen eine menschenfeindliche Ideologie und trotz der historischen Tatsache, dass genau diese Enthaltsamkeit den Gegnern Suchende zuspielt.
Dennoch, dieses Buch war nötig, um der interessierten Leserschaft vor Augen zu führen, dass die Autonomen-Szene keine Antwort auf die Nöte und Fragen der heutigen Zeit darstellt, sondern, losgelöst von ihr, abstrakten Vorstellungen hinterherjagt.


 

1 Seite 70, „Was tun, wenn’s klemmt“ Hrsg. O.F.F., 2014, gonzo Verlag

2 Hierzu ein kleiner Überblick: Die „Anti-Imperialisten“ haben die Annexion der DDR durch die BRD noch als „Anti-deutsche“ Begriffen, d.h. als Gegner deutschen Großmachtstrebens. Einer ihrer bekannten Vertreter ist Jürgen Elsässer. Die „Antideutschen“ von Heute sind eine jüngere Strömung der „radikalen Linken“, die dazu überging zunächst aus Provokation völkisch rassistische Slogans gegen deutsche Urheber zu kehren. Einer ihrer wichtigsten Vertreter heißt Justus Wertmüller. Aus dieser „spontanen“ Provokation wurde mit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gegen die Unterkünfte von „Ausländern“ eine enge Ideologie, die schlussendlich Parallelen zwischen der völkisch betrachteten „deutschen“ Schuld an der Shoa und dem Bestehen des Staates Israel konstruierte – derart, dass „deutsche“ Linke aufgrund „historischer Verantwortung“ nur auf Seiten Israels stehen könnten, ansonsten würden sie in antisemitische Kontinuitäten verfallen. Eher stalinistische „Anti-Imperialisten“ hingegen stehen auf der Seite der Palästinenser, deren Wohnraum von israelischen Siedlern in verschiedenen Teilen des Gebietes besetzt wurde. Sie sehen darin einen illegitimen Akt der Expansion eines Nationalstaates auf Kosten der ehemaligen Bewohner der betroffenen Gebiete.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

3 Kommentare

  1. Ein gutes Fazit.
    Eines wird aus dem Text/den verarbeiteten Texten klar: In den Linken/Autonomen ist noch ein vager Gedanke von Zusammenhalt. Wo dieser ansetzt lässt sich allerdings nicht genau verorten, denn es wird sich alle Mühe gegeben sich abzugrenzen um die Hoheit auf seinem Gebiet zu haben (ähnlich wie an einer Uni mit ihren Fachbereichen.
    Trotzdem meine ich, dass linke Gruppierungen doch noch eine gewisse Attraktivität haben für Neuzugänge. Das erklärt sich aus den kulturellen Angeboten ( Konzerte, Workshops etc.) bei denen auch ein gemischteres Publikum einen leichteren Zugang zu diesen Kreisen findet. Jedoch wird man da wohl feststellen, dass es wie überall gewisse Stimmführer und Eliten gibt die Neuzugänge erschweren. Dem Interessierten werden eher noch Hürden in Form von Kleidercodes, Gesprächsthemen und politischer Vorbildung in den Weg gelegt. Dass so etwas nicht bei dem Aufbau des Selbstbewusststeins junger Leute förderlich ist erklärt sich von selbst. Wie du gegen Ende ja auch ausführst.
    Gut kommt bei deiner Kritik heraus wie wenig produktiv eine solche Szene ist. Zwar rekrutieren sich aus diesem Spektrum regelmäßig viele Freiwillige für soziale Projekte und es scheint auch genug kreative Energie zu geben. Längerfristige Planungen scheinen jedoch an der zwanghaften Individualisierung zu scheitern.
    Die Frage ist, ob diese Szene nicht doch einen Zweck erfüllt, selbst in ihrem jetzigen Zustand, denn sie ist immernoch für viele Anstoß für kritisches Gedankengut und somit zwar nicht aus sich selbst heraus emanzipatorisch aber doch Katalysator für die eigene Emanzipation und bietet teilweise zumindest einen gewissen Freiraum für Gedanken und Kreativität.

    Gefällt mir

    Antwort
    • Vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich möchte gerne auf die letzte Frage eingehen:
      Für soziale Kräfte, die bewusst was bewegen wollen, ist es meiner Meinung nach wichtig, dass sie sich eigene Körperschaften und Organe schaffen.
      So war die Erste Internationale in der Geschichte der Arbeiterbewegung zunächst erfolgreich, eben weil die einzelnen Bestandteile ihr Selbstbestimmungsrecht beibehielten.
      Bakunin unterstrich dies, indem er die wirtschaftliche Einheit der politischen Uniformität vorzog.
      Die Geschichte sollte ihm Recht geben: Die Londoner Clique um Marx und Co schaffte es tatsächlich die große Arbeiterorganisation zu spalten und auf die parlamentarische Aktion einzuschwören, womit sie Teil des bestehenden Macht-Systems wurde und ihre schöpferischen Kräfte stagnierten.

      Wenn heute also frische Kräfte ans Werk wollen, dann müssen sie sich von Grund auf frei machen von den gescheiterten Konzepten von Gestern. (Diese muss man dazu kennen)
      Leute, die was bewegen wollen, brauchen dazu keine Gurus, sondern machen sich am besten selbst auf die Suche nach den auf sie zugeschnittenen Formen.
      Die Quellen, aus denen sie zehren können sind vielfältig. Die Geschichte bietet reiches Anschauungsmaterial, welches man sich selbst – ganz frei – autodidaktisch erschließen kann. In der Geschichte der sozialistischen Bewegungen sind so viele Fehler gemacht worden, dass sie vor Lehren nur so strotzt.
      Von einem Lerneffekt merkt man bei den Autonomen nichts, die machen lieber Fehler immer wieder auf’s Neue (Siehe letzte Hausbesetzung mit anschl. Räumung in Frankfurt am Main vor einigen Tagen… das selbe (!) erlebte (nicht nur) Mainz (nicht erst) bereits 2012).

      Solche Szenen gefallen sich einfach selbst, so wie sie sind. Da passiert nichts mehr. „Nachwuchs“ brauchen die am allerwenigsten.
      Originelle Impulse müssen sich neu Bahn brechen. Selbst- und Geschichtsbewusstsein spielen hier eine wichtige Rolle.

      Ich denke, dass erwachendes Potenzial von dieser Szene gleich in trockene Bahnen gelenkt wird, ohne sich frei und zeitgemäß entfalten zu können.
      Was denkst du?

      Gefällt mir

      Antwort
      • Nasij

         /  Dezember 19, 2015

        Ich denke diese Szene reiht sich wohl in den Wust der Negativbeispiele ein. Dadurch hat sie eher einen Enttäuschungscharakter als einen Anstoß zur Verbesserung. Ob das traurig ist oder nicht ist im Endeffekt wurscht.
        Man muss sich, denke ich – statt sich an starre Ideologie zu halten – seinen Platz, seine Funktion und seine Wirkung in der Gesellschaft vor Augen führen. Auch mit den unliebsamen Teilen der Gesellschaft ist man so zwangsweise verbunden, doch gleichzeitig gibt einem dies auch eine gewisse Wirkungsmacht. Sich zwanghaft in allen Bereichen abgrenzen zu wollen und besonders zu sein ist pubertär. Es ist eine Reaktion auf diskriminierendes Kategoriendenken, dass ironischerweise zu einer Vervielfältigung von immer penibleren Ausdifferenzierungen führt – also zu nur noch mehr Kategorien. Szenen sind als Interessenversammlungen prinzipiell nichts schlechtes, doch nur wenn ihre Mitglieder die damit gezogenen Grenzen auch bereit sind zu überschreiten. Ich denke diese selbsttätige Handlung macht viel deutlicher ein Individuum aus, als das Anhäufen von Unterscheidungsmerkmalen.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: