Reihe Kiosk 3: „Wir brauchen eine ‚Transformation‘ der Gesellschaft“

trnsfrmIch will die Reihe mit Besprechungen von aktuellen Zeitschriften vom Kiosk für dieses Jahr mit einem besonderen Heft beenden. Weniger abstrakt und Marx-hörig als das Philosophie Magazin und im Gegensatz zum Shift Magazin um echte Veränderung zum Guten bemüht, folgt nun die Besprechung zur ersten Ausgabe des transform. Viel Spaß!

Kucken, guuut…

Die Ausgabe „Wir schmeißen hin!“ (N° 1, 2015) des transform Magazin für das Gute Leben beschäftigt sich im Schwerpunkt mit dem Thema „Arbeit“. Es besteht aus ~ 130 Seiten schweren Papiers und ist farbig matt gestaltet. Zahlreiche Bilder lockern den Textfluss auf, ohne zu dominieren oder zu nerven. Im Umfeld einschlägiger, kritischer Publizistik aus den politischen Szenengebilden gibt es zu oft zu wenige originelle Ideen. Das transform hat dagegen alles selber gemacht – Bebilderung, Satz – alles strahlt Professionalität, Seriosität und Offenheit aus. Die Beibehaltung formeller Details fördern diesen Eindruck. Das Heft unterstreicht durch das Fehlen einschlägiger Symbole seinen undogmatischen Standpunkt – ein Magazin, welches wirklich Lust auf den Inhalt weckt!

Prolog: back to the roots

Im 17. Jahrhundert legte der Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–1679) Ideen und Rechtfertigung des Staates in mehreren Schriften nieder. Darin hieß es unter anderem, dass der sogenannte „Naturzustand“ des Menschen, und damit seine innere Beschaffenheit, einem Kriegszustand ähnele, der jeden mit jedem kämpfen lasse. Erst der Staat fasse den Menschen zur Gesellschaft zusammen, beende diesen Krieg und schaffe die Grundlage für Wohlstand.
Dem entgegen erkannte Hobbes aber auch, dass der Mensch im Zustand des Staates einem anderen Staat ein „Wolf“ sei – „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ ist ein ursprünglich einer griechischen Komödie entlehntes Zitat, welches Hobbes nicht auf die einzelnen Menschen, sondern auf das Verhältnis zwischen Staaten bezog.1 Schon bei Hobbes ist der Staat also nicht gleichbedeutend mit Frieden, sondern nur das Ende eines bestimmten Konflikts. Jenem nämlich, der zwischen den Menschen besteht, die ohne Staat nicht in einer Gesellschaft, sondern vereinzelt in einer kriegerischen Auseinandersetzung gegeneinander leben würden, da das ihr Naturzustand sei.
Wenn dieses Denken die Rechtfertigung für den Staat sein soll, muss man sich fragen, ob es tatsächlich stichhaltig ist. Nach unserem heutigen Erkenntnisstand lebte der Mensch niemals, selbst in seinen Vorformen der Evolution nicht, als vereinzeltes Individuum im „Krieg“ gegen andere, einzelne Menschen, sondern immer als kooperative Verbindung in der Auseinandersetzung mit den Lebensumständen (nicht pauschal der „Natur“, denn die Natur ist ihm beides: Problem, das es zu lösen gilt und Grundlage das Lebens überhaupt).
Demnach ist unsere ökologische Potenz nicht dadurch begründet, dass wir als leidgeprüfte Einzelkämpfer durch die Gegend zotteln, sondern dadurch, dass wir im Verbund über uns hinaus wachsen konnten um Angreifer, tierischer wie menschlicher Art, Unwetter u.a. Katastrophen erfolgreich abzuwehren. Das bedeutet nicht weniger, als dass weder die Individualisten positiver noch negativer „Natur“ ihre Argumentationsgrundlage verlieren… Denn Individualismus ist zwar eine schöne Idee – sie kann dem einen dazu dienen, einen Staat zu begründen, der dem Individualismus gegenüber einen Fortschritt darzustellen scheint und dem anderen dient der Individualismus als letzte große Freiheit – aber beide vergessen: Sowas geht nur innerhalb von geistigen Ideen. Nicht mit realen Menschen.
Menschen haben mit Individualismus als „Gesellschaftskonzept“ von ihrer ganzen Evolution her nichts zu tun. Sie sind auch keine Konkurrenten „von Natur aus“ und Konkurrenz „belebt“ auch nicht „das Geschäft“.
Obwohl wir von „Naturvölkern“ reden, von „Stämmen“, „Stammesverbänden“ und „Sippen“ konnte sich die irrige Vorstellung des kulturlosen Einzelkämpfers erhalten, wenn es um das Verhältnis von Staat, Individuum und Gesellschaft geht. Von diesem Denken profitieren die Herrschenden allein, die ihre Organisation, den Staat, in den Gehirnen der Beherrschten bestätigt sehen.

„Wir schmeißen hin!“ Die Pilot-Ausgabe des transform

Das vorab Erwähnte zeigt, wie wichtig es ist, sich seiner Konditionierung bewusst zu sein und eine neue Geistesgrundlage zu entwickeln, von der ausgehend die Verhältnisse wirklich verändert werden können.
In dieser Besprechung steht daher dieser eine Aspekt im Vordergrund: Wohin gelangt man, wenn die Vergangenheit Hypotheken auf die Gegenwart erhebt, sich Kontinuitäten im Denken halten und zur Blüte gelangen, in vermeintlich Neuem?

Das transform Magazin will gesellschaftliche Veränderung herbeiführen und motivieren. Es tritt undogmatisch auf und hebt sich weit über das Niveau der subkulturellen Szenen bspw. der Anarcho- oder der Autonomenszene. Dies gelingt zum Einen dadurch, dass weder das sogenannte „Gendern“ nicht mit der bekannten Dienstbeflissenheit eines Politkommissars durchgeboxt wird, noch dass „Veganismus“ als Allheilmittel gegen jeden Weltschmerz Eingang findet. Politische Verbissenheit wird zu Gunsten niedriger Zutrittsschwelle vermieden, Vielfalt hervorgehoben und Seriosität ist durch Einhaltung formeller Standards gegeben. Dazu hat das transform noch gute frische Gedanken: Beispielsweise die Differenzierung zwischen „Lohnarbeit“ und „Arbeit“, die etymologische Analyse des Wortes „Arbeitnehmer“ und Hinweise, die weit über die bürgerliche Alternativbewegung hinausgehen wie auf die anarcho-syndikalistische Gewerkschaftsinitiative „FAU“2. Von den am Kiosk erhältlichen „Mainstreamzeitschriften“ geht sie damit einen besonders vielversprechenden Weg.
Dennoch wird das transform den Anspruch, gesamtgesellschaftliche „Transformation“ voranzutreiben nicht gerecht, und das liegt leider an folgendem Umstand:Die absolute Mehrheit der Ansätze im Heft sind „individualistischer“ Natur. Pausenzeiten verlängern, Faulenzen, einen eigenen Betrieb nach eigenem Gusto gründen, Hartz 4 als Grundeinkommen und diffuse Künstleraktionen sind Tipps für Individuen. Wie schon erwähnt ist der Mensch aber als Einzelner gar nicht so richtig Mensch und vereinzelter als heute kann man ja gar nicht mehr leben – Staat und Kapital haben es geschafft, dass sich Freunde, Familien und Gefährten wegen des wirtschaftlichen Drucks trennen und zu Feinden werden. Das Ende ist eine Gesellschaft, die in verfeindete Klassen aufgespalten ist und dadurch vom Staat und von den Eigentümern kontrolliert werden kann. Die entsprechende Transformation wäre also zunächst die Aufklärung und Durchdringung des Menschen mit der Erkenntnis, dass gegenseitige Hilfe, Solidarität und Kooperation den Kern jeden Schrittes bilden, der in Richtung besseres Leben, mehr Freiheit und mehr Befriedigung führt.
Die bewusste, freie Gesellschaft ist das Ziel. In ihr lebt der Mensch in seiner natürlichen Heimat, der Verbindung mit anderen Menschen. Dieses universelle Zusammengehörigkeitsgefühl ist die Grundlage einer Bewegung, die die Verhältnisse tief verändern will. Diesen Brunnen dürfen weder Konkurrenz noch Misstrauen vergiften, sonst wird man automatisch wieder bei reaktionären Ergebnissen herauskommen, wie es bspw. bei der Sozialdemokratie oder anderen zentralistischen, marxistischen Bewegungen der Fall war.
Der weitere Schritt wäre, diesem Bewusstsein, diesem Zusammengehörigkeitsgefühl die entsprechende Organisation zu verleihen,
damit das Ganze ein soziales Netz bilden kann.
Fälschlicherweise bezeichnet das transform die Arbeitslosengelder als „soziales Netz“ (S. 70). In diesem Sinne ist es ganz eins mit der Denkweise des Staates, dass nämlich staatliche Gelder etwas „Soziales“ im Sinne von etwas „Gesellschaftlichem“ seien. Es handelt sich in Wirklichkeit aber um ein bürokratisches Netz, welches genau zu dem Zweck erschaffen wurde, das echte, natürliche, soziale Netz zu zerstören.
Zwischenmenschlichkeit ist hingegen sozial. Was lokal zwischen den Menschen wächst (ob darüber hinaus, ist sekundär) und deren Gestaltung unterliegt, die daran Anteil haben, ist sozial. Eine Weisung von Oben ist niemals sozial, denn sie wird zwar von Menschen ausgeführt, aber ohne, dass sie daran inneren Anteil haben. Gehorsam ist nicht sozial.
Auch die Gesellschaft wird vom transform nicht als das erkannt, was sie in Wahrheit ist.
Zunächst einmal fallen diverse Beinamen für „Gesellschaft“ auf:
„Optimierungsgesellschaft“ (2)
„nicht-kapitalistische Gesellschaften“ (22)
„digitalisierte Gesellschaft“, „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ (38)
„Postwachstumsgesellschaft“ (61)
Die Autoren scheinen mehrere „Gesellschaften“ zu kennen. In manchen Fällen jedoch empfehle ich, um Klarheit zu schaffen, das Wort „Gesellschaft“ spielerisch durch das Wort „Wirtschaft“ zu ersetzen… Man spürt sofort die nähere Verwandtschaft zur Wirtschaft – klar: Nicht die Gesellschaft ist hier verantwortlich, sondern die Wirtschaft, die durch das Eigentum an Produktionsmitteln, Grund und Boden an den Schirmherr Staat geheftet ist, der dafür den gesetzlichen Überbau geschaffen hat. Auf Seite 67 ist „unsere Gesellschaft selten familienfreundlich“. Auch in diesem Fall wird die Gesellschaft zur Verantwortung gezogen, obwohl es hier um Wirtschaft geht und auch innerhalb der Wirtschaft nicht um alle darin Tätigen: Es geht hier um jene, die die Umstände der Wirtschaft bestimmen. Das sind die Eigentümer, nach deren Profit sich das allermeiste richtet und der Staat, der hier wie überall durch Gesetze eingreift. Es müsste also heißen: Staat und Reiche haben unfreundliche Umstände für die Familien der Lohnabhängigen geschaffen.
Boris W. will im Artikel „Ein Jahr Zeitwohlstand“ den „sozial-ökologischen Wandel der Gesellschaft“.
Interviewpartner Michael sagt auf Seite 75, dass er als Hartz 4-Abhängiger von der „Gesellschaft“ bezahlt werden würde, transform leitete dazu ein, dass die „Gesellschaft“ einem „Arbeitszwang“ unterläge. Und sowieso „leben [wir] in einer Gesellschaft, in der wir uns über Arbeit definieren.“ (15)
Nicht die Gesellschaft zwingt uns zur Lohnarbeit, sondern der Staat im Verbund mit den Kapitalisten tut das. Denn er kriminalisiert jegliche andere Art, am gesellschaftlich produzierten Reichtum teilzuhaben, als über finanzielles Eigentum. Hierzu zähle ich natürlich auch so etwas wie Nahrungsmittel. Hartz 4 bedeutet auch nicht, dass einer von der Gesellschaft bezahlt wird. Es bedeutet, dass der Staat durch eine Institution kontrolliert, wie viel die Menschen, die ER (nicht „wir“) über Lohnarbeit definiert, bekommen sollen, wenn sie keiner „Erwerbstätigkeit“ nachgehen. Es ist SEINE Bürokratie, nicht die der Hartz 4 Empfänger oder der Arbeiter und Arbeiterinnen.
Will das transform die „Transformation der Gesellschaft“ (23) in Richtung „Gutes Leben“ (siehe Titel) und „artgerechte Haltung“ (19), dann muss es den für die Spezies Mensch so wichtigen Begriff „Gesellschaft“ (und überhaupt alle Begriffe) sauber benutzen: im aufklärerischen, emanzipatorischen Sinne und nicht im Sinne des „Neusprechs“ der Herrschenden. Wie wichtig die Gesellschaft und wie unwichtig der Staat für den Menschen ist, muss begriffen werden, damit das Vertrauen in die menschliche Stärke fernab der Automatismen und der bürokratischen Mechanisierung wieder in den Massen erwacht. Man muss eine klare Linie ziehen zwischen jenen, mit denen man tagtäglich zu tun hat und jenen, mit denen man ganz natürlich durch Kommunikation und freie Abkommen klarkommt (oder manchmal auch nicht – das gehört dazu!) sowie jenen, die man nie zu Gesicht bekommen hat, die aber plötzlich einen Einfluss auf ganze Nationen ausüben, ohne, dass die darin Lebenden ihre Zustimmung gegeben haben.
Dieses Bewusstsein nennt man Klassenbewusstsein. Sich also darüber im Klaren zu sein, dass es eine menschliche Gesellschaft gibt, in der alle gleich sind, aber es einen Staat und Eigentum gibt, wo manche „gleicher“3 sind.

Arbeitskampf und Individualismus

Das Hauptaugenmerk dieser Ausgabe auf das Thema „Arbeit“ hätte also nicht in der Vereinzelung durch mehr sogenannte „Individualität“ liegen müssen, sondern darin bestehen sollen, wie man gemeinsam im Feld der Wirtschaft etwas schafft, was den Druck des Kapitals auf den Einzelnen vermindert. Der Einzelne schafft dies weder durch Auf- noch durch Ausstiegsillusionen. In Kollektivbetrieben, in Genossenschaften, in sozial-revolutionären Gewerkschaften, die gegen die Klassenteilung vorgehen, lägen bspw. Perspektiven, welche eine individuelle Aktion nicht hat. Diese Dinge hätten weitaus mehr Beachtung finden müssen, wenn es um das Thema „Arbeit“ geht.

Beispiel: Streik

Streik ist eine kollektive Aktion, in der die Menschen einander ganz anders kennenlernen, kämpferisch und in Kooperation für ein gemeinsames Ziel, ohne einen kopflosen Aufstand anzetteln zu müssen. Streik hat darüber hinaus in seinen Zielen und Methoden unglaublich viel Potenzial: Der Staat und die Eigentümer produzieren nichts… ALLES, das existiert, existiert nur, weil es von Menschenhand geschaffen wurde. Wenn die Abhängigen ihre Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung stellen und dadurch eine breite Wirkung durch viele Bevölkerungsschichten erlangen, können sie das ganze System kippen, denn die Herrschenden würden einfach nicht mehr handlungsfähig sein.
Im Grunde beschreibt das so eine Situation, wie es nach dem Ersten Weltkrieg war. Hier hätten sich schwerlich genug Soldaten gefunden, die in der Lage gewesen wären, die Menschen weiterhin dem Kaiser und seinen Raubrittern gegenüber in Zaum zu halten. Die meisten von ihnen hätten zwar die Hohenzollern nicht aktiv verjagt, aber sie hätten ihnen auch nicht mehr gehorcht, nicht mehr für sie und ihr Establishment gearbeitet. Nur durch die Sozialdemokratie war es möglich, wieder positive Mitarbeit unter den alten Eliten – zugegeben ohne den Kopf – zu erzielen. Das zeigt, dass die Situation der Verweigerung nach dem Krieg unbewusst von statten gegangen ist, die wenigsten waren sich im Klaren über die Größe dieser Zeit und ihre Geltung für die Zukunft. Wenn aber die Gesellschaft so aufgeklärt wäre, zu sehen, wohin sie die Herrschenden bewegen kann – nämlich zur Aufgabe der Herrschaft und damit zur Errichtung eines Lebens in Eigenverantwortung und lokaler Souveränität in weltweiter Vernetzung – dann wäre dies eine Transformation des Systems, die den Namen verdient hat!
Und auch im Kleinen ist der Streik eine prima Sache, stellt er doch eine Strategie dar, die die Abhängigen ganz alleine, ohne Bevormundung tun können. JEDER und JEDE kann darüber entscheiden, ob sie weiterhin ihre Kraft in die Ziele eines Systems investiert. Findet sich Rückhalt in einem sozialen Netz (s.o.), wie etwa in einer klassenkämpferischen Gewerkschaft, oder einfach in guten zwischenmenschlichen Beziehungen im Betrieb und darüber hinaus, dann kann ein Streik vieles sein: Lohnkampf, Kampf für Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Solidaritätsstreik, Generalstreik gegen einen Krieg oder eine Beschneidung der Rechte usw. Man sieht: Streik, dieses einfachste aller Dinge, das echte, bewusste Nichts-im Sinne-der-Herrschenden-tun, ist viel besser als „Faulenzen“ alleine, denn „Faulenzen“ ist ein depressiver Ego-Trip, nicht solidarisch und rüttelt auch nicht an den Verhältnissen.
Man muss hier einmal begreifen, dass dieses Streiken politische und wirtschaftliche Aspekte vereint, ohne den Staat, ganz von der sozialen Basis ausgehend. Es ist ein wirtschaftliches Druckmittel, welches den politischen Druckmitteln, wie Wahlen usw., haushoch überlegen ist, weil die Betroffenen selbst über wer, wann, wie und wozu entscheiden können.
Man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass die existierenden „Gewerkschaften“, vorrangig des DGB, Organisationen sind, die in der Doktrin der „Sozialpartnerschaft“ strategisch eingebunden4 sind. Aus ihnen heraus wird niemals ein Impuls kommen, der zur Veränderung des Systems führt, weil sie von den Herrschenden dazu benutzt werden, eben dies zu verhindern. Selbermachen ist hier gefragt. Im Bewusstsein über die eigene Fähigkeit im Verbund mit anderen, muss auch einbegriffen sein, dass man selbst etwas tun muss, um die Gesellschaft zu befreien.5
Das transform selbst war es, welches bei mir persönlich die letztendlich enttäuschte Erwartung – insbesondere auf das Thema „Streik“ – weckte und zwar durch den Schwerpunkt „Arbeit“ zum einen und zum anderen mit einer Ausgabe, die „Wir schmeißen hin!“ titelte!

Beispiel Kollektivbetrieb

Kollektivbetriebe sind Betriebe unter der Regie der im Betrieb arbeitenden Leute. Nach außen charakterisiert einen Kollektivbetrieb die solidarische Verbundenheit mit der Gesellschaft und anderen Kollektivbetrieben. Der Vorteil eines Kollektivbetriebes gegenüber allen Kampfmaßnahmen ist, dass die Leute für sich und ihre Ziele wirtschaften, für alle Augen etwas Konstruktives tun und selbst davon profitieren. Sie bestimmen ihre Arbeitsumstände. Sie sind es, die den Gewinn verteilen und entscheiden über Partner, die innere Struktur und den öffentlichen Auftritt. Sie bieten außerdem die einzige echte Transformationsmöglichkeit direkt aus dem Jetzt heraus: Die große Ernährerin Wirtschaft brauchen alle Menschen, immer, überall. Wie das geht, kann man nicht ad hoc lernen, sondern das muss in Jahren der Vorbereitung den Abhängigen ins Mark übergehen. Der Kollektivbetrieb mit seinen zahlreichen Erkenntnissen, Austauschmöglichkeiten usw. bietet dafür allen Raum – alles andere muss Spinnerei bleiben, weil das Korrektiv der Realität trockene Theorien niemals berührt.
Ein wichtiger Vorteil dem Marxismus gegenüber: Eine avantgardistische Partei oder ein plötzlicher gewaltsamer Umsturz kann niemals die Menschen zu einer bewussten Gesellschaft erziehen. Das ist ein langer Prozess, der von der Basis ausgehen muss. Nur die Einzelnen im bewussten Verbund mit ihresgleichen sind dazu in der Lage. Der Kollektivbetrieb, wie auch gemeinsame, selbstorganisierte Arbeitskämpfe, sind eine praktische Schule, in der die Abhängigen ihren Horizont erweitern. Das Ziel dieser Auseinandersetzung mit Themen wie Produktion, Konsumption, Bedarf, Buchhaltung, Businessplänen, und den handwerklichen Schritten im jeweiligen Betrieb, ist es, einen Bildungsgrad bei den Abhängigen zu erreichen, der es ihnen möglich macht, die Wirtschaft, die Betriebe, ohne Führungsebene selbst zu übernehmen und weiterzuführen. Das heißt sie zu vergesellschaften. Um eine Wirtschaft des „Guten Lebens“ für alle zu etablieren, ist es nötig die Betriebe aus dem Eigentum eines Einzelnen, des Staates oder einer Clique in den Dienst der Gesellschaft zu überführen. Bezüglich des Begriffs der „Arbeit“ möchte ich hier noch ein persönliches Erlebnis schildern, weil es wirklich plastisch ist: Ich habe einige Jahre in der Lagerlogistik unter diversen „Zeitarbeitsfirmen“ gearbeitet. Diese Menschenschinderei, die den Geist zersetzt, weil sie den Körper hetzt, war mir vom ersten Tag an eine Last. Die selbe Arbeit zu einer anderen Zeit, die ich nicht als austauschbares Rädchen im unüberschaubaren zentralistischen Betrieb verrichtete, sondern als Persönlichkeit mit Geltung in einem föderalistischen Betrieb auf kollektiver Basis, ging mir mit Freude von der Hand. Wer den Unterschied nicht kennt, zwischen a) für einen Hungerlohn für den Reichtum einer Clique zu schuften, ohne Anerkennung der eigenen Persönlichkeit und b) Teil eines Kollektivbetriebs zu sein, der wird niemals verstehen, wie man in körperlicher „Arbeit“ etwas Gutes sehen kann und der wird weiterhin der irrigen Annahme gehen, dass Arbeit an sich ein „Fluch Gottes“ (34) ist. Es geht hier einzig und allein um die Differenzierung WIE Arbeit stattfindet. Diese Umstände sind zentral und werden leider vom transform zu schwammig behandelt.
Besonders die deutsche Geschichte ist voll von schicksalhaften Beispielen, in denen nur noch wirtschaftliche Machtmittel der Abhängigen den verhängnisvollen Kurs der Herrschenden hätten korrigieren können. Leider nimmt das transform von dieser bis heute fortdauernden Brisanz keine Notiz. Gerade bezüglich des Geschichtsbewusstseins fehlt es an Input im deutschsprachigen Raum, gerade hier muss „transformiert“ werden.

Fazit

Zusammenfassend kann man dem Magazin den eigenen Willen zur Emanzipation attestieren, aber man muss entscheidende Abstriche machen. Die geringe Tiefe und der geringe konstruktive Artikel kommen dem Angestrebten nicht entgegen, obwohl sich auch komplizierte Inhalte verständlich darstellen ließen. Es fehlt nahezu überall ein historischer Bezug – woher kommt welches Denken? Am Ende fällt das transform über diese Ausblendung eines wichtigen Aspekts und benutzt Begriffe zu oft aus einem Geist heraus, welcher der „Transformation der Gesellschaft“ als postuliertem Ziel entgegengesetzt ist.
Trotz allem bietet das transform mit seiner angenehmen, nicht-avantgardistischen Grundhaltung und seinem seriösen Äußeren die Möglichkeit, „Transformation“ in breiten Bevölkerungsschichten zu motivieren – wenn sich die entscheidenden Punkte weiterentwickeln. Diese Pilot-Ausgabe zeigt mit dem wiederholten Wunsch um Feedback, dass das Team das Potenzial dazu hat!6

 

Anmerkungen

1 Siehe: Wikipedia (aufgerufen am 11.12.2015)
2 Die „Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union“ wurde in den 1970er Jahren als Nachfahrin der „Freien Arbeiter Union Deutschland“ (Anarcho-Syndikalisten) gegründet, konnte aber bislang nur selten Arbeitskämpfe verbuchen und schleppt neben dem proklamierten gewerkschaftlichen Charakter („Union“) auch die informellen Verbindungen zur Anarcho- und linken Szene mit. Neben der Bedarfsgemeinschaft als Selbsthilfe-Organisation der Arbeiterklasse wird sie von zahlreichen Mitgliedern als politische bzw. subkulturelle Interessengemeinschaft wahrgenommen. Diesen Widerspruch konnte die F.A.U. bislang nicht entschlossen lösen, was sicherlich ein zentraler Grund für ihre Marginalisierung darstellt.
3 George Orwell hat in seiner antimarxistischen Fabel „Animal Farm“ (1945) die Herausbildung einer bolschewistischen Avantgarde beschrieben, die sich als neue Klasse über der Gesellschaft installiert. Daher die Wendung „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher“. Überall dort, wo die Umgestaltung des Systems den Staat unberührt lässt, werden sich neue Macht- und Eigentumsverhältnisse auf dem Rücken der Gesellschaft etablieren und automatisch wieder vor den erreichten Fortschritt zurückfallen.
4 Siehe Michael Wilk und Bernd Sahler: Strategische Einbindung (2014). „Sozialpartnerschaft“ hätte ein wichtiges Thema im transform sein müssen.
5 Erich Mühsam stellt in seiner Schrift „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ (1933) dar, dass der Staat und die Herrschenden keineswegs Teil der Gesellschaft von Gleichen sind, sondern diese zu ihrem Wohl, unter der Vortäuschung falscher Tatsachen, ausbeuten. Er folgert daraus, dass die Gesellschaft um frei zu sein, vom Joch des Eigentums, der Herrschaft und der Religion befreit werden müsse.
6 Das transform hat seinen Sitz unter anderem in Leipzig, der Stadt des sympathischen „Feierabend“, in dem ich selbst bereits veröffentlichen durfte. Hier der Link: KLICK!

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