Reihe Kiosk 2: Wealthy Whiners – Das „Shift“-Magazin

hippsters totenkopfIm Herbst 2015 erschien das zweite Heft von „Shift“ in den Kiosken der Republik und ich warf einen Blick nicht nur darauf, sondern auch hinein.

Das Heft ist ein ganzes Buch mit dicken, festen kartonierten Seiten, die bunt bedruckt sind. Der quirlige „Alternativlook“, eine Mischung zwischen Autonomen-Fanzine und Bildzeitung kann jedoch nicht über inhaltliche Widersprüche hinwegtäuschen: Das Shift-Magazin hält weder inhaltlich noch im, mit großem Aufwand betriebenen, Äußeren, was es verspricht.

Das Versprechen:

Auf der „Verpackung“ prangt: „Gesellschaftsmagazin für Menschen mit Mut zur Veränderung“. Außerdem: „Wir haben genug“ mit einem dieser gehypten Hashtags, um jung zu wirken. Des Weiteren spricht das Cover von „Flüchtlingen“, „Debatte“ und das Foto im Hintergrund zeigt ein hündisch dreinblickendes Modell mit verschiedenen, mit Cajal aufgetragenen Worten auf ihrem Gesicht: „Geiz“, „arm“, „Wohlstand“, „Genuss“.

Der Leser erwartet ein Magazin mit gesamtgesellschaftlicher Geltungi welches sich trautii auch wirtschaftlich reaktionäreiii Bastionen zu stürmeniv. Weit gefehlt.

Der Axel-Springer-Vertriebsservicev bleibt sich mal wieder treu: Statt „Veränderung“ findet der Leser nur Aussagen, die Bestehendes konsolidieren, die geäußerten Abstiegsängste widersprechen jedem „Mut“ und der Blickwinkel des Heftes hat auch nichts mit Gesellschaft zu tun, wie es der Name „Gesellschaftsmagazin“ suggeriert, sondern allein mit den Bestrebungen des Kleinbürgertums in Deutschland und seiner elitenstützenden Sichtweise. Auch im Aspekt des „jungen Wilden“ (Vorwort) muss widersprochen werden. Das Heft will durch die „hippe“ Variante des Eigentums-, Konkurrenz- und Leistungsdenken ins Establishment kanalisieren, statt freie Bahn für das „junge Wilde“ zu lassen oder zu schaffen.

Das Vorwort – wenn auch weit davon entfernt Antworten auf die soziale Frage zu liefern – gibt sich noch mit kritischen Allgemeinplätzen ein wenig pseudoradikal: „Ab 2016 wird das reichste Prozent der Weltbevölkerung 50 Prozent des weltweiten Wohlstands besitzen.“ Die Folgerung des Shift-Magazins: „Schluss!“ – nicht etwa mit der sozialen Ungleichheit, sondern mit der „Abwärtsspirale der Schuldgefühle“! Die kleinbürgerlichen Teilhaber, die Yuppies, die Hipster und wie sie alle heißen, diese Aufsteigerschicht des jungen Unternehmertums, will sich nicht mehr schämen und verkauft dies der Welt in einer Art Manifest im Alternativlook. Bezeichnend einer der Autoren mit braver Bubifrisur: „…und träumt von einer Welt ohne Geiz und Gier“ – wie wäre es von einer Welt ohne Geld? Aber diesen Glaubensgrundsatz seines eigenen Aufstiegs als hipper Redakteur würde er dann doch nicht brechen. Trotz angeblichem „Mut zur Veränderung!“

Einige Artikel drehen sich um den Begriff „genug“ shift– es wird gefragt, wieviel „genug“ ist, wieviel Besitz versteht sich. Darauf antwortet David Becker, dass er „genug hat“, weil er sein „Bafög zurückgezahlt“ hat und „schuldenfrei“ ist – der Fetisch um Besitz, Geld und Eigentum unter denen, für die diese Ideen soziale Sicherheit und Aufstieg bedeuten, steigert sich in der gebetsartigen Formel von der „Freude am Sparen“. Die Sparsamkeit ist aber hier nicht wirklich gemeint, sondern das Anhäufen von noch mehr – denn wirkliche Sparsamkeit kennt die im Shift Magazin hofierte Klasse gar nicht, es handelt sich hier um Sparsamkeit, die zur Tugend erhoben wurde, sie ist kein Muss, wie es bei der Lohnabhängigen Klasse der Fall ist, sondern Schmuck, mit dem der satte Geiz verdeckt wird. Genau dazu zieht das Magazin auch das geheuchelte Mitleid mit den Flüchtlingen heran: Die Armen wollen arbeiten, dürfen aber nicht – sie wollen was leisten, dürfen aber nicht – dass es auch Menschen sind, zählt in diesem Zusammenhang weniger, aber die Leistungsbereitschaft wird unterstrichen.

In guter alter Bildzeitungsmanier offenbart sich das Shift Magazin ein ums andere Mal, zum Beispiel im Artikel: „Sei reich und hilf anderen“. Wir fragen uns: Wieso vorher auf Kosten anderer „reich“ werden, um ihnen dann später aus der Misere zu „helfen“?

Wo vorher Debora Höly noch tönt: „Kein Mensch ohne den anderen“ („Ich geh dann mal kehren“) erfahren wir von Jürgen Vielmeier und anderen Kommentatoren, dass man erst „reich“ und Unternehmer sein muss, um ein guter Mensch sein zu können und anderen „zu helfen“.
Nur der „Reiche“ kann andere mit „Arbeitsplätzen“ versorgen und sie damit glücklich machen.
Was bösartig anmutet, ist es auch – Formen der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe, des sozialen Kontaktes, der simpelsten Menschlichkeit finden sich in diesem Denken einfach nicht wieder – es geht in diesem Heft lediglich um die Aufwertung des Kapitalismus als hippes und „alternatives“ Lebensmodell. Bonze auf menschliche Art und Weise – Ausbeuter, aber BIO und Fairtrade.

Vielmeier über Klassengegensätze: Verlustängste der Reichen setzt er mit dem Hunger der Armen gleich. Man müsse deshalb einen ganz speziellen Reichtum erlangen, jenen, der „einen nicht belastet“ – also den Kleinbürgerlichen. Das ist alles kein Witz – die schreiben das wirklich 😉

Aufgelockert wird der ur-radikale Weltschmerz und dieses tiefempfundene menschliche Zusammengehörigkeitsgefühl über jede Grenze des Eigentums hinweg von einem feigen, in der dritten Person geschriebenen, Plädoyer gegen „Schmarotzerdasein“ im „Sozialstaat“ Deutschland, indem es Bettler und Bedürftige nicht geben kann.

Banken sind ok – denn sie können auch „ethisch“ von „ehrbaren Kaufmännern“ betrieben werden, wie uns Norbert Wolf im Interview versichert.

Dem Thema Flüchtlinge nehmen sich mehrere Artikel an, „Traumziel Europa“ bestätigt den alten Glauben „Hauptsache Arbeit!“ und spricht damit einen Flüchtling frei – wer „unsere“ Glaubensgrundsätze teilt, ist natürlich willkommen. „Angriff auf die Festung Europa“ interviewt Heribert Prantl zum Thema „Flüchtlinge“ und „Alternativen“. Alternativen nennt der Artikel keine, sondern Prantl beschwört wie alle Politiker und Journalisten das „ordentliche Integrieren“. Am Ende nennt er zwar die Möglichkeit der persönlichen Initiative, was für das Shift Magazin selten ist, da es stets an Gehorsam und Besitzstreben appelliert, aber er versäumt zu erwähnen, dass man Menschen auch in soziale Netze integrieren kann – solche, die aus der Gesellschaft wachsen, statt solcher, die vom Staat und vom Kapital von oben herab installiert werden, mit der Zielsetzung, die Zwischenmenschlichkeit unter Kontrolle zu bringen und auszubeuten. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass uns Prantl zwar mit den politisch korrekten Begriffen „Schichten, Gruppen, Milieus“ beschießt, aber den Klassenbegriff geschickt vermeidet.
Klassenkampf aus der Mitte heraus ist einfach Klassenbejahung – damit man selbst noch die Illusion von wirtschaftlicher „Sicherheit“ zum Betäuben des eigenen Gewissens heranzuziehen in der Lage ist, muss man den Herrschenden gehorchen und die Ausgebeuteten verschweigen.
Die ganze Sozialpartnerschaftliche Doktrin basiert darauf.

Weiter geht es mit einem Unternehmer, der mal Fußballspieler war – dieser übt ebenfalls Verzicht, indem er – als „Sparfuchs“ – einen Audi Q 5 fährt (NP ~ 58.000€). Der Mann sitzt im Bild auf einem Sessel in seinem im pop-kolonialen „Stil“ gehaltenen Büro – darüber prangt: „Ich mag es nicht, wenn Leute im Konsumrausch leben.“…

Wenn in so einem „Gesellschaftsmagazin“ eine hippe Frau in die untergehende Sonne schaukelt – ist das nicht DIE kleinbürgerliche Metapher schlechthin: Schaukeln? Weder Voranschreiten noch Fliegen? – und dazu Sokrates, aus dem Zusammenhang gerissen, zitiert wird mit „Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus ist künstliche Armut“ dann wird der Leser schnell an George Orwell erinnert, nicht nur an das Neusprech, dem sich das Shift Magazin aufs offensichtlichste bedient, sondern auch an Slogans aus „1984“: „Unwissenheit ist Stärke, Krieg ist Frieden“.

Wir können auch direkt bei „1984“ bleiben!
Ich finde, wer seine realitätsverlustigen Ergüsse „poetry“ schönt, darf Vergleiche mit den „Großen“ nicht scheuen:
Ecki Graumann: „Strebe nach Reichtum der nicht die Armut anderer erzwingt“
George Orwell: „Freiheit ist Sklaverei“

Das „poem“ „Mindesthaltbarkeitsdatum Ewigkeit“ (Was könnte unseren „Sparfüchsen“ lieber sein, als etwas, das ewig haltbar ist – kein Wunder, dass sie mit dem Christentum kokettieren, welches ja ebenso nach ewiger Geltung verlangt.) ist die Negation von Entschlossenheit, eigenem Willen und Eigeninitiative. Stattdessen sucht es in Wortklauberei nach dem reinen, unbestechlichen Prinzipien-Gral, irgendwo in der Vorstellung des Autors, nicht in der Lebensrealität, die sich echte Menschen teilen.

„Im Reich des Mammons“ heißt eine Reportage zu Bettelkindern in Koranschulen im Senegal. Hier wäre so viel möglich gewesen, aber leider fehlt es der Autorin an „Mut zu Veränderung“. Sie hätte beispielsweise darauf kommen können, dass ein jahrhundertealter Wirkmechanismus der Religionen darin besteht, durch die von ihnen geforderte fatalistische Haltung die Eigeninitiative der „Gläubigen“ zu lähmen, weshalb es unter religiösen Bedingungen auch nicht zu sozialem Fortschritt kommt. Aber nein, stattdessen faselt sie von „guten“ Gläubigen, von „gesellschaftlichem Konsens“, vom „Spagat zwischen Tradition und Moderne“ und setzt die ignorante Phrasendrescherei der Wealthy Whiners fort.

Im Interview „Manchmal verliebe ich mich“ steht ein 34-jähriger Mönch im Mittelpunkt. Er „verzichtet“ auf seinen eigenen Facebook-Account, um den vom Kloster zu betreuen. Wahrlich ein grandioser Verzicht.
Im Artikel soll eine seichte Form der Religion als hipp amnestiert werden. Der Rede und Antwort stehende „Mönch“ gibt selbstverständlich zu, dass er immer noch Konsumgedanken hegt und das tolle Auto schon gerne vor der Haustüre stehen hätte…

Eine nette Idee stellt der nächste Text dar: „Let’s turn off life support, shall we?“. Hier beschäftigt sich Sella Oneko mit möglichen Auswegen Kenias aus der „aid industry“. Das Ganze ist in Englisch verfasst und stellt daher wenigstens eine sprachliche Auflockerung zum Rest dar – inhaltlich jedoch biedert sich Olenko dem von Shift vorgezeichneten Leitfaden an: Sie gibt kritiklos Zitate wieder, in denen bemängelt wird, dass es in Afrika zu wenige Reiche und eine zu kleine Mittelschicht gäbe, es aber einige tolle Reiche wären, die ihren Mitbürgern helfend unter die Arme greifen würden… Reiche und Nächstenliebe – das von Vielmeier Geforderte scheint ja in Afrika voll aufzugehen!
Dass fortschrittliche Technik viel Handarbeit ersetzt, ist ihre Kritik an der „Hilfsindustrie“ – statt die kapitalistisch vertierte Form von Rationalisierung anzugreifen, die einen weltweiten Widerspruch und Fortschrittshemmnis darstellt, geht sie diesem gemachten Leid auf den Leim und fordert unreflektiert antithetisch „using people instead of machines“…
Damit bleibt sie weit hinter dem bereits 2003 verstorbenen Gordian Troeller zurück, der in seinen kritischen Reportagen wesentlich näher am Zahn der Zeit und an den tieferliegenden Missständen journalistisch arbeitete und wirklichen „Mut zur Veränderung“ in seinen Appellen hatte.

Der Bergbau in Rumänien ist genauso wie alles in unserer Welt vom kapitalistischen Gewinnmaximierungsstreben erfasst. Dies führt in der rauen Walachei dazu, dass schon mal – ähnlich wie in China und anderswo – das eine oder andere Dorf verschwindet. Die niederträchtige Version des Katholizismus, die Rumänien fest im Griff hält, führt denn auch gleich zu wenig Gegenwehr – die „so-Gott-will-Grundhaltung“ über die sich die Menschen aus Angst vor den Nachbarn nicht hinauswagen, führt dazu. Dies bestätige ich selbst, der ich das Land und seine Dorfbevölkerung einige Wochen erkunden durfte.
Das Beispiel des Dorfes Geamana ist eines dieser stillschweigend, vergrämt hingenommenen Ereignisse. Der Aufstand von Rosia Montana jedoch zeigt, dass es durchaus Widerstand gibt. Ein „Gesellschaftsmagazin“ mit „Mut zur Veränderung“ beschäftigt sich aber mit dem Dorf, in dem romantische Großmütter einen an die Kindheitstage erinnern und die still ertragen, was der internationale Bergbau ihnen aufbürdet – warum? Wo soll in diesem Heft der „Mut“ sein, die „Veränderung“?

Mehr noch als „enttäuschend“, „die Zeit nicht wert“ ist das Magazin eine Schrift mit übler Verweigerung der Realität der Menschen der Arbeiterklasse. Eine kleinbürgerliche pressure group treibt aus dem Axel Springer Konzern heraus mit „Shift“ die sozialpartnerschaftliche Doktrin in Deutschland voran.
„Shift“ konsolidiert altes, reaktionäres Eigentumsdenken und Leistungsfetisch, Gehorsam der Obrigkeit gegenüber und zur Tugend umgemünzten Selbstverzicht der Masse im Sinne der Besitzenden. Das Magazin leistet dies mit dem Vortäuschen von Kritik und Jugendlichkeit, verpackten tieferliegenden Messages in Debatten der Öffentlichkeit, die im Heft überhaupt nicht geführt werden. Das Heft formuliert auch keine Standpunkte, sondern hebt Meinung des Individuums damit auf, an diese Stelle Werte des Unternehmertums zu setzen. Kurz: Embedded Journalism.

i „Gesellschafts-“ nicht „Gemeinschaftsmagazin“

ii „Mut“

iii Begrifflichkeiten wie „wir haben genug“, „Geiz“, „arm“ und „Wohlstand“

iv „Veränderung“

v Hamburg, „Bildzeitung“

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2 Kommentare

  1. Roberto

     /  November 29, 2015

    „Der Hipster is tod, lang lebe der Hipster“: http://www.theguardian.com/culture/2015/oct/03/hipster-social-phenomenon-commercial-success

    Spass beiseite, eine durchaus gnadenlose und gelungene Demolierung deren.

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  2. Nasij

     /  Dezember 19, 2015

    Die Hipster machen mit ihrem alternativen Auftreten das skrupelose, ignorante Snob – und Spießerleben für junge Leute salonfähig.
    Richtige Propaganda-Bütteldienste.
    Ekelhaft.

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