„Maschinengewehre und Zigaretten“

Bild Beitrag RothziegelAuf der 20. Linken Literaturmesse in Nürnberg (Okt./Nov. 2015) lernte ich im kollegialen Gespräch Robert Foltin kennen, der mit einem anderen Kollegen den Stand des Mandelbaumverlages betreute. Hier lag eine interessante Schrift aus, die vom „Institut für Anarchismusforschung“ stammte.
„Bitte schicken Sie uns einige Maschinengewehre und Zigaretten.“ ist ihr ansprechender Titel und inhaltlich geht es um Leo Rothziegel (1892-1919), einen „jüdischen Proletarier und Revolutionär“. Der Autor heißt Peter Haumer.
Die haptisch angenehme Broschüre hat ein raues, festes Titelblatt in Erdtönen und einen Umfang von 80 Seiten. Das Cover wird durch schwarze Schrift (und einen dieser wahnsinnig aussagekräftigen „schwarzen Sterne“) gestaltet. Wenn man sich an die „künstlerischen“ Cover der Landauer-Bände des Verlags Edition AV erinnert, ist das immerhin eine Verbesserung.
Wie im Stil von Büchern aus dem 19. und 20. Jh., die ein Portrait des Autors oder des Betrachtungsgegenstandes auf der ersten Seite nach dem Schmutzblatt hatten, finden wir in der Broschüre eine Fotografie von Leo Rothziegel.
Leider geht es ohne Inhaltsverzeichnis weiter: Robert Foltin schrieb zu dieser zweiten Publikation des Instituts ein Vorwort. Wir lernen darin die historischen Umstände im letzten Lebensabschnitt Leo Rothziegels in Österreich grob kennen.
Der darauf folgende Haupttext von Peter Haumer ist unterteilt in 5 Kapitel und schildert anhand von wenig eingeleiteten, kaum kommentierten Quellentexten (Zeitungsausschnitte, Texte von Rothziegel, Mitteilungen direkt aus den histor. Bewegungen usw.) die Erlebnisse des Revolutionärs in der Sozialdemokratie, der Rätebewegung und der syndikalistischen Bewegung Österreichs, die nach Haumers Broschüre schwer voneinander trennbar zu sein scheinen.
Letztendlich ordnet Haumer Rothziegel als Anarcho-Syndikalisten ein (Seite 73), der sich mangels einer entschlossenen und zielklaren syndikalistischen Bewegung in Österreich mit anderen, sich selbst als revolutionär verstehenden Kräften aus Sozialdemokratie und Rätespektrum zusammentut, um erst gegen den Ersten Weltkrieg antimilitaristischi tätig zu sein und dann in Ungarn die Räterepublik gegen u.a. rumänische Nationalisten zu verteidigen. Hier wird er erschossen.
Besonders gut finde ich die Äußerung des Autors bezüglich Rothziegels geistigem Werdegang:
„In dieser Zeit lernte er den Gegensatz zwischen den liberal-kosmopolitischen Lehren anarchistischer Meister und dem revolutionären Inhalt einer auf den direkten Aufbau einer neuen Gesellschaft zielenden Bewegung.“ (S. 20)
Dies zielt auf den Konflikt zwischen Ramus und dem Praktiker Rothziegel, wobei der Pazifist Ramus anscheinend dazu neigte, Inhalte der Reinheit halber zu bewahren, anstatt sie der Probe in der Realität auszusetzen.

Ebenfalls positiv kann man hervorheben, dass Haumer aus „Der Freie Arbeiter“ von 1918 einen Originaltext von Rothziegel abdruckte, der „Die Soziale Revolution“ heißt und sicherlich sonst keine weitere Neuauflage mehr erfahren hätte.

Negativ sind mir die bereits erwähnten strukturellen Mängel aufgefallen: Überschriften, aber kein Inhaltsverzeichnis, viele Textquellen, aber wenig Einleitung und Kommentar, was das Institut genau ist, muss man sich zusammenreimen und worin die Lehre für die Bewegung von Heute besteht, das belässt Haumer auch im Dunkeln. Hier wäre einiges möglich gewesen – anstatt in dieser etwas gutgläubigen Manier der „Alternativbewegung“ das menschliche Gefühl des „Hasses“ bei Rothziegel zu kritiseren, sich an Worten aufzuhängen, die die Menschen damals auch unter Revolutionären benutzten wie „Heldentod“. Hier wäre viel Raum gewesen für progressive Erkenntnisse und Rückschlüsse auf die wiedergekehrten Probleme von Heute (bspw. das Nichtvorhandensein einer breiten, zielklaren anarcho-syndikalistischen Bewegung).
Stattdessen schließt Haumer mit dem viktimistischen Satz „Er wurde keine 27 Jahre alt“. Bei dieser „Analyse“ fühlt man sich mit Gruseln an Hannes Wader und sein weinerliches „Es ist an der Zeit“ erinnert. Dabei hat Rothziegel selbstständig im Gefecht seinem Leben ein Ziel gesetzt, dieser Entscheidung sollten wir mit Respekt begegnen. Wenn man darüber nachdenkt, wird einem vielleicht auch klar, warum seine Gefährten ihn einen „Helden“ nannten…

i Darin hebt er sich vom pazifistischen Sonderling Pierre Ramus („Kaffehausanarchist“, S. 21) ab, dessen Organisation er im Konflikt verlässt und der seine Zeitung noch dazu benutzt, Rothziegel ehrabschneidend nachzureden.

 

Institut für Anarchismusforschung

„Bitte schicken Sie uns einige Maschinengewehre und Zigaretten.“
Leo Rothziegel (5.12.1892 – 22.4.1919) Jüdischer Proletarier und Revolutionär

von Peter Haumer

ISBN 978-3-9501925-3-7

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