black & read 1

Lesen ist eine Liebesbeziehung, die ein Leben lang hält. Sie ist abwechslungsreich und führt uns immer Neues zu – selbst wenn wir Bekanntes noch einmal läsen, blickten wir auf den selben Gegenstand mit anderen Augen. Es ist immer Leben mit im Spiel und zwar unser Leben im Spiegel des Gelesenen.

Zur Zeit lese ich die Adolf Hitler Biographie von Ian Kershaw von der Büchergilde Gutenberg. Bislang gefällt mir die Beschreibung von Hitler, die dem „Kröterich“ aus „Der Wind in den Weiden“ (Kenneth Grahame, 1908) sehr ähnelt. Dies passt zu Oskar Maria Graf’s Schilderung in seiner Hitler-Anekdote aus „Wir sind Gefangene“ (dtv, 1. Aufl. Dez. ’83, S. 121 -122). Auch Kershaw’s Herangehensweise ist gut: Das ganze Umfeld baut er um seinen Betrachtungsgegenstand auf, so erfährt man viel über die Ursprünge der nationalen, antisemitischen und rassistischen Bewegungen jener Zeit.

Als negativ empfand ich bisher, dass er Thomas Mann deutlich hervorhebt, als Verkörperung neuen Geistes (in der Literatur), aber Heinrich Mann dagegen nur kurz farblos erwähnt. Es müsste genau andersherum sein. Außerdem zitiert er Lloyd George ein wenig zu unkritisch, wenn es um den Ersten Weltkrieg geht. Diesbezüglich besser: Fritz Fischer, Immanuel Geiß oder Bernt Engelmann.

Ian Kershaw
„Hitler. 1936 – 1945“

Büchergilde Gutenberg, 2000
deutsch
3763250794

 

Diese Bettlektüre – mit Adolf im Bett klingt zwar erstmal befremdlich, macht aber  letzten Endes Spaß und bringt Erhellung – wird durch die Tageslektüre von „The 43 Group“ ergänzt.
Darin schildert Morris Beckham den militanten, antifaschistischen Kampf (nicht allein) jüdischer Arbeiter und Ex-Soldaten des Zweiten Weltkrieges gegen Oswald Mosley’s kontinuierliche, faschistische und antisemitische Bewegung im Nachkriegs-England. Das Buch liest sich leicht verständlich und es knallt, wie in einem guten Western mit Clint Eastwood. Die echten „Inglorious Basterds“ würden über den lächerlichen, geschichtsrevisionistischen Mist von Quentin Tarantino nur müde gelacht haben.
Ein mutiges Buch, auch für den heutigen Kampf gegen den Faschismus, der so lange eine Gefahr darstellt, wie der Mensch noch Herrschafft des Menschen über den Menschen duldet.
Besonders schön finde ich bei diesem Buch die Schilderung, wie ein politisch biederes Kommittee von der 43-Group die Einstellung ihres militanten Kampfes fordert. Diese denken aber gar nicht daran, zugunsten politischer Geschäfte, davon abzusehen, die Menschen auf der Straße gegen antisemitische, britisch-nationalistische Schlägertrupps zu verteidigen. Ich denke dann an die hiesige „antideutsche Bewegung“ (heute: „ideologiekritisch“), die sich im Rahmen abstrakter, studentischer Weltverzerrungen abspielt, und an deren Verhältnis zu aktiven Antifaschisten, die zwar kein allmorgendliches Israelbekenntnis auf den Lippen tragen, aber dafür Antisemiten bereits persönlich entgegengetreten sind… wie sich die Dinge manchmal wiederholen!
Auf jedenfall ist die 43-Group eine sympatische Antwort auf den Antisemitismus und es ist schade, dass es diesen Geist nicht schon in den 30gern in Deutschland gegeben hat. Damals ergingen sich leider zu viele in Illusionen über den heraufziehenden Terror, weil sie im Grunde dem Staat insgesamt zu wenig skeptisch gegenüberstanden, Dank Hegel, Lassalle, Marx. Selbst NACH dem Terror durch Nazideutschland stand der britische Staat dem mosley-schen Faschismus noch derart „neutral“ gegenüber, sodass sich Juden selbstorganisieren mussten, um sich und andere vor ihm zu schützen.
Ein ganz besonderes Bonbon der antifaschistischen (Geschichts-) Literatur.

Morris Beckham
„The 43 Group: Antifaschistischer Kampf in Grossbritannien 1946-1950“

Harald-Kater-Verlag, 1995
Deutsch
3927170089

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Ein Kommentar

  1. Habe das Buch gestern zu Ende gelesen – und empfehle es zum Thema weiterhin, weil es a) Am Ende nicht relativiert wird
    b) Wichtige Infos zu Nazi-Kontinuitäten in UK (und anderen Ländern, darunter Deutschland) bereithält und
    c) mit Herz geschrieben ist!

    P.S.: Es hält auch den einen oder anderen Lacher bereit 😉

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